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Die zweite Heimat neu entdecken


Von Louisa Knobloch, MZ

Von Regensburg nach Zagreb: Lidija Ruzic (l.) und Katharina Schalk nehmen am Secondos-Programm der Universität Regensburg teil. Foto: Knobloch

Ihre erste Vorlesung an der Universität Zagreb hat Katharina Schalk noch lebhaft in Erinnerung: „Werde ich verstehen, was der Professor sagt? Und wie soll ich mitschreiben – auf Deutsch oder auf Kroatisch?“ Im Gegensatz zu den anderen Erasmus-Studenten aus Deutschland besuchte Schalk an der kroatischen Universität Kurse in der Landessprache – für die junge Frau eine Herausforderung, denn Kroatisch war für sie halb Mutter- und halb Fremdsprache.

Schalks Eltern kamen vor über 40 Jahren aus Kroatien nach Deutschland, sie ist im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Zuhause sprachen die Eltern Deutsch mit ihr, Kroatisch lernte sie im Urlaub von der Oma und Nachbarskindern: „Ich konnte ganz gut sprechen, aber nur sehr langsam lesen und kaum schreiben“, sagt sie.

Die Sprache ist für viele ein Problem

Katharina Schalk ist eine sogenannte Seconda. Dieser Begriff kommt aus der Schweiz – dort werden die Nachkommen von Zuwanderern in der zweiten Generation als „Secondos“ bezeichnet. Am Europaeum, dem Ost-West-Zentrum der Universität Regensburg, hat man diesen Begriff aufgegriffen und 2009 ein eigenes Programm für Studierende mit bikulturellem Hintergrund ins Leben gerufen. „Viele Secondos haben mit ihrem Hintergrund negative Erfahrungen gemacht“, sagt Lisa Unger-Fischer, Geschäftsführerin des Europaeums. Sie seien in der Schule gehänselt worden, hätten ihre Herkunft oft lieber verschwiegen. „Wir wollen ihnen zeigen, dass es ein tolles Potenzial bietet, mit einer zweiten Sprache und Kultur aufgewachsen zu sein.“

Gerade die Sprache ist für viele aber zunächst ein Problem. Die meisten Secondos können in ihrer Herkunftssprache zwar sprechen, aber nicht lesen und schreiben, weil sie es nie gelernt haben. „Damit können sie einem Arbeitgeber die Fremdsprache also nicht vollständig anbieten“, sagt Aleksandra Bauer, die am Europaeum für die Kooperation mit den ausländischen Partnerhochschulen zuständig ist. Und passende Sprachkurse zu finden, ist sehr schwer – in einem Anfängerkurs, in dem es hauptsächlich um Konversation geht, sind die meisten Secondos völlig unterfordert, ein Fortgeschrittenenkurs dagegen überfordert sie. „Speziell für das Secondos-Programm bieten wir daher Sprachkurse für Muttersprachler an“, sagt Unger-Fischer. In landskundlichen Kursen vertiefen die Teilnehmer zudem ihr Wissen über das Herkunftsland der Eltern. Dies dient auch der Vorbereitung auf einen einjährigen Studienaufenthalt im Herkunftsland der Eltern.

Bislang richtet sich das Programm an Studierende mit einem Bezug zu Kroatien, Polen, Rumänien, Russland, der Ukraine und Ungarn. Künftig soll es erweitert werden um Länder wie die Slowakei, Tschechien, Serbien und Bulgarien. „Aus diesen Ländern – vor allem Russland und Polen – stammen auch bundesweit die größten Migrantengruppen“, sagt Unger-Fischer. Da es an der Universität Regensburg ohnehin einen Schwerpunkt auf Ost- und Südosteuropa gibt, habe man das Programm schnell aufbauen können.

Eine große Gruppe ist bislang aber noch nicht dabei: Secondos mit türkischen Wurzeln. „Hier fehlt uns in Regensburg die Expertise und wir haben auch keine Partneruni in der Türkei“, sagt Unger-Fischer. In Zukunft soll es aber zumindest einen Türkisch-Kurs für Muttersprachler geben. Dass es in Deutschland bislang kaum Angebote für Secondos gibt, kann Unger-Fischer nicht verstehen: „Diese Menschen haben das Wissen von zwei Kulturen – aber es geht verloren, weil sie keine Möglichkeit bekommen, ihr Potenzial nutzbar zu machen.“

Dabei sind die sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten der Secondos in der Wirtschaft durchaus gefragt: „Sie stehen mit beiden Beinen in beiden Ländern und können einen Wechsel zwischen den Perspektiven vornehmen“, sagt Unger-Fischer. 2011 wurde das Programm mit dem Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung ausgezeichnet. Das Motto lautete „Integration leben – Potenziale entfalten“.

„Dort zu leben, ist völlig anders“

Katharina Schalk hat ihr Auslandsjahr in Zagreb genossen. „Ich wollte meine Wurzeln, diesen zweiten Teil in mir kennenlernen“, sagt sie. Nicht nur ihre Sprachkenntnisse haben sich deutlich verbessert, sie hat auch Land und Leute neu kennengelernt. „Ich war dreimal im Jahr im Urlaub dort, aber es ist etwas ganz anderes, als Bürger dort zu leben“, erzählt sie. Lidija Ruzi´c, die im dritten Semester Erziehungswissenschaft studiert, hat den Auslandsaufenthalt in Zagreb dagegen noch vor sich. Auch sie kennt Kroatien von vielen Urlauben und Besuchen bei Verwandten – aber es war stets das Land, das die Eltern einst verlassen hatten.

Durch einen Flyer wurde Lidija Ruzi´c auf das Secondos-Programm aufmerksam. „Ich dachte: Aha, das bin ja ich!“, erzählt sie. Noch am gleichen Tag beschloss sie, mitzumachen. „Warum sollte ich nicht die Ressourcen nutzen, die ich habe?“ Sie könnte sich vorstellen, später für ein deutsches Unternehmen in Kroatien zu arbeiten. „Mittlerweile fühle ich mich angekommen in meinem Kroatischsein.“

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