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Studium

Mit der „Klosterfrau“ zum Doktortitel

Mit 77 macht Rechtsanwalt Helmut Heckelmann an der Uni Regensburg seinen Doktor – das Thema beschäftigt ihn seit 1975.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • „Klosterfrau Melissengeist“ im Regal einer Apotheke: Über die Gründerin des Unternehmens schrieb Helmut Heckelmann seine Doktorarbeit. Foto: Knobloch
  • Der Kölner Rechtsanwalt Helmut Heckelmann promovierte mit 77 Jahren an der Universität Regensburg. Foto: privat

Regensburg.Ein bisschen nervös sei er schon gewesen, als er da vergangenen November auf der „Delinquenten-Bank“ vor dem Dekanat saß und auf den Beginn seiner mündlichen Doktorprüfung wartete, sagt Helmut Heckelmann. Das Examen lag für den Rechtsanwalt aus Köln schließlich schon etliche Jahre zurück. Mit 77 Jahren hatte der Senior 2014 an der Universität Regensburg seine Doktorarbeit eingereicht – 30 Jahre nach der ursprünglichen Zulassung im Oktober 1984 an der Universität zu Köln. „Eine absolute Ausnahme“ sei das, bestätigt Heckelmanns Doktorvater Prof. Dr. Hans-Jürgen Becker, der selbst längst emeritiert ist. Das Thema der Arbeit, „Maria Clementine Martin – Ordensfrau, Quacksalberin, Unternehmerin“, beschäftigt Heckelmann sogar noch länger, genauer seit 1975.

Am Anfang stand ein Rechtsstreit

Damals vertrat der junge Rechtsanwalt einen Kölner Theatermaler in einem Zivilprozess vor dem Landgericht Köln gegen die Firma Maria Clementine Martin Klosterfrau KG. Bekanntestes Produkt des Unternehmens ist bis heute der „Klosterfrau Melissengeist“. Heckelmanns Mandant war im Besitz mehrerer Rezepte, die auf Martins Alleinerben Peter Gustav Schaeben zurückgingen – darunter auch ein Rezept für einen „Karmeliter-Melissengeist“. Der Theatermaler bot das ihm vererbte Rezept der Klosterfrau KG zum Kauf an, wollte die angebotenen 10 000 Mark aber nicht akzeptieren. Daraufhin verklagte die Firma den Mann auf Herausgabe des Rezepts. „Sie argumentierten, er sei widerrechtlich an das Rezept gelangt – es hätte 1933 als Teil der Konkursmasse an den neuen Eigentümer herausgegeben werden müssen.“ Doch Heckelmann gewann den Prozess: Sein Mandant habe das Rezept rechtmäßig erlangt, entschieden die Richter.

Der Prozess hatte Heckelmanns Interesse an dem Unternehmen, seiner Geschichte und vor allem der Gründerin, Ordensschwester Maria Clementine Martin, geweckt. In Archiven im In- und Ausland forschte er nach Quellen. Aus dem Fall aus der Praxis entstand die Idee zur Doktorarbeit. Auch bei Prof. Dr. Hans-Jürgen Becker stieß das Thema auf Interesse, und so wurde Heckelmann im Oktober 1984 an der Universität zu Köln zur Promotion zugelassen. Doch dann blieb das Thema liegen: Familie und Beruf hatten für den jungen Rechtsanwalt Vorrang. 1988 erhielt Heckelmanns Doktorvater Becker einen Ruf an die Universität Regensburg, wo er den Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Europäische Rechtsgeschichte und Kirchenrecht übernahm. Damit schien das Promotionsvorhaben endgültig im Sande verlaufen zu sein. Kein Einzelfall, wie Becker betont: „Es gibt viele gescheiterte Promotionen in der Rechtswissenschaft.“ Die Doktoranden müssten sich zumeist selbst finanzieren, für viele gehe der Beruf vor.

Die Unterlagen zu dem Thema hatte Heckelmann stets aufbewahrt. Als er mit 72 Jahren seine Kanzlei schloss und das Büro umzog, war die Frage, was damit geschehen sollte. „Das war wie eine Initialzündung“, sagt er. Er nahm die Unterlagen mit nach Hause und begann zu lesen. Bei weiteren Recherchen im Historischen Archiv des Erzbistums Köln ermutigte ihn der Archivoberrat Prof. Dr. Reimund Haas, die Arbeit zu schreiben. Und so rief Heckelmann Prof. Becker in Regensburg an, der sich noch gut an ihn und sein Thema erinnerte. Anfang Dezember 2012 wurde Heckelmann schließlich an der Universität Regensburg zur Promotion zugelassen.

Kopfarbeit hält geistig fit

Rund anderthalb Jahre später reichte er die 340 Seiten umfassende Arbeit ein. Natürlich sei es manchmal anstrengend gewesen, aber die Arbeit habe ihm viel Freude gemacht, sagt Heckelmann. Er habe viele neue Quellen erschlossen und beispielsweise auch aus dem Karmelitenkloster St. Joseph in Regensburg Archivalien bekommen. „Den Kopf zu beanspruchen, hält geistig fit.“ Rückhalt bekam Heckelmann zudem von seiner Familie.

Die mündliche Doktorprüfung im November absolvierte der 77-Jährige mit Bravour. „Summa cum laude“ lautete schließlich das einstimmige Urteil der drei Gutachter. Maria Clementine Martin, die nach der Auflösung ihres Klosters auf eigenen Füßen stehen musste, sei eine imponierende Frauengestalt, sagt Doktorvater Becker. Heckelmann verkläre sie in seiner Arbeit jedoch nicht, sondern zeige auch ihre Schwächen auf. Die Doktorarbeit wird nun in der Reihe „Forschungen zur Volkskunde“ veröffentlicht.

Der Titel habe für ihn keine Rolle gespielt, sagt Heckelmann. „Ich wollte das fertigmachen.“ Doch auch jetzt lässt ihn das Thema nicht los: Die Arbeit umfasse ja nur die Lebenszeit von Maria Clementine Martin, also die Jahre 1775 bis 1843. Im Zuge seiner Recherche habe er auch viel Material zu ihrem Erben Peter Gustav Schaeben zusammengetragen – genug für eine weitere Publikation.

Maria Clementine Martin

  • Jugend

    Geboren wurde Maria Clementine Martin am 5. Mai 1775 in Brüssel. 1783 zog ihre Familie nach Jever.

  • Eintritt ins Kloster

    1792 trat sie im Alter von siebzehn Jahren als Nonne in das Kloster St. Anna in Coesfeld des kontemplativen Ordens der Annuntiatinnen ein.

  • Pflanzenheilkunde

    Ihre Kenntnisse zur Pflanzenheilkunde und zur Krankenversorgung will Martin in den Klöstern zu Coesfeld und Brüssel erworben haben.

  • Säkularisation

    Infolge der Säkularisation 1803 wurde das Kloster St. Anna aufgelöst. Martin zog zunächst in das Kloster Glane um und verließ, als auch dieses aufgelöst wurde, 1811 ihren Orden.

  • Einsatz

    In der Schlacht von Waterloo 1815 soll Maria Clementine Martin als Krankenschwester Soldaten versorgt haben. Für ihren Einsatz gewährte ihr der preußische König Friedrich Wilhelm III. eine lebenslange Pension von jährlich 160 Talern.

  • Unternehmen

    Mit der ihr verliehenen Pension gründete die ehemalige Nonne 1826 in Köln unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ihr eigenes Unternehmen.

  • Produkte

    1830 erhielt sie von König Friedrich Wilhelm III. die Erlaubnis, das preußische Wappen auf ihren Produkten – unter anderem Kölnisch Wasser und Melissengeist – zu verwenden.

  • Musterschutz

    Damit war Martin eine Art Vorläuferin des späteren Musterschutzes, sagt Prof. Dr. Hans-Jürgen Becker. Das Wappen auf den Etiketten der Produkte hätte Nachahmer abgeschreckt.

  • Erbe

    Martin starb am 9. August 1843. Als Universalerben setzte sie ihren Gehilfen und Ziehsohn Peter Gustav Schaeben ein, den sie 1829 als 14-Jährigen bei sich aufgenommen hatte.

  • Klosterfrau heute

    Der „Klosterfrau Melissengeist“ ist auch heute noch das bekannteste der rund 220 Produkte der Klosterfrau Healthcare Group. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Köln beschäftigt deutschlandweit rund 1000 Mitarbeiter.

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