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Spektakel

Orphée spielt Hauptrolle im Velodrom

Zum 40. Geburtstag ist das Lokal auf der Bühne zu sehen. Für „Orpheus in der Unterwelt“ wird es zur gastfreundlichen Hölle.
Von Micha Matthes, MZ

  • Bereit für den Höllen-Cancan: Gastronom Cornelius „Neli“ Färber ist begeistert von den Kulissen, die sein Restaurant Orphée für eine „Opheus in der Unterwelt“-Inszenierung nachbilden.Foto: altrofoto.de
  • Ein Kulissenmodel für die Bühne zeigt die Bar im Restaurant Orphée. Foto: Orphée
  • Regisseurin Nicole Claudia Weber und Gastronom Cornelius „Neli“ Färber erläuterten in den Theaterwerkstätten in der Hoppestraße ihre Ideen für die Inszenierung am Velodrom. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Sein Restaurant wird zu einer verbrannten Hölle – doch Cornelius „Neli“ Färber stört das überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Für ihn geht damit sogar ein lange gehegter Traum in Erfüllung. Dabei denkt Färber absolut nicht im Sinne eines Kaiser Nero. Er ist schlicht ein Förderer der Kunst und ein großer Liebhaber der Oper. Und natürlich handelt es sich bei der verkohlten Orphée-Holzvertäfelung auch nur um ein Duplikat – um eine Kulisse für Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“. Das Theater Regensburg präsentiert die weltberühmte Operette ab 11. März im Velodrom. Färbers Restaurant wird dabei nicht nur eine wichtige Rolle auf der Bühne spielen. Das gesamte Theater soll sich dann auch – dank Beleuchtung, Orphée-Interieur und extra installiertem Bistro – in ein Lokal mit typischem Pariser Flair verwandeln. Der Zeitpunkt könnte dafür nicht besser sein. Denn in diesem Jahr feiert das Orphée ein großes Jubiläum: den 40. Geburtstag.

Wilde Götter tanzen im Restaurant

Die Idee für die Offenbach-Orphée-Symbiose stammt von Cornelius „Neli“ Färber, Inhaber des Restaurants Orphée.
Die Idee für die Offenbach-Orphée-Symbiose stammt von Cornelius „Neli“ Färber, Inhaber des Restaurants Orphée. Foto: altrofoto.de

Ganz langsam steigt Färber am Mittwoch die Stufen im großen Atelier der Regensburger Theaterwerkstätten in der Hoppestraße hinunter, sein Blick haftet dabei schon auf den Kulissenteilen, die vor der gegenüberliegenden Fensterfront im Raum stehen. Er beginnt zu strahlen. „Ich kann es mir nicht besser vorstellen“, sagt er, als er die Aufbauten zum ersten Mal sieht. Und in seiner Vorstellung feiert bereits eine zügellose Horde wilder Götter in seinem Restaurant: Sie tanzen den Höllen-Cancan, schreien, toben und schmettern ihre Arien.

Theatermalerin Susanne Kassalitzky, Theatermaler Bernhard Ott (l.) sowie Theaterschreiner Peter Götz bauten die Kulissen.
Theatermalerin Susanne Kassalitzky, Theatermaler Bernhard Ott (l.) sowie Theaterschreiner Peter Götz bauten die Kulissen. Foto: altrofoto.de

In diesem Labor aus Farben und Materialien ist Theatermalerin Susanne Kassalitzky, Theatermaler Bernhard Ott sowie den Theaterschreinern Christian Wittkowsy und Peter Götz die Offenbach-Orphée-Symbiose also offensichtlich schon gelungen – und zwar so gut, dass Färber schließlich selbst zu singen beginnt: Für die Medien stimmt er die Arie „Als ich einst Prinz war in Arkadien“ an – und ja, diese Stimme ist absolut bühnentauglich. Daher stand die Idee, Färber in der Inszenierung den Hans Styx spielen zu lassen, auch tatsächlich im Raum, scheiterte dann aber am Zeitmangel des rührigen Gastronomen.

„Orpheus in der Unterwelt“: Schon im Namen taucht die Parallele auf, die Verbindung geht aber wesentlich tiefer. Paris – Orphée – Orpheus – Offenbach: Seit Färber die berühmte Inszenierung von „Orphée aux enfers“ des Théatre de la Monnaie Brussels aus dem Jahr 1997 gesehen hat, in der ebenfalls ein stadtbekanntes Lokal zur Kulisse wird, lässt ihn diese gedankliche Verknüpfung nicht mehr los. Konkret wurde die Idee, das Regensburger Restaurant auf die Bühne zu bringen, dann bei einem Gespräch zwischen dem Theater-Intendanten Jens Neundorff von Enzberg und dem „Restaurant-Intendanten“. Für Färber ist jedes Wirtshaus ohnehin auch ein Theater. „Die Kellner spielen ihre Rolle genauso wie jeder einzelne Gast“, sagt er. Mit der Inszenierung im Velodrom verschmilzt das Zusammenspiel beider Kulturräume nun ganz offensichtlich.

„Freakige Figuren“ treffen sich

Regisseurin Nicole Claudia Weber inszeniert die Operette „Orpheus in der Unterwelt“ im Velodrom.
Regisseurin Nicole Claudia Weber inszeniert die Operette „Orpheus in der Unterwelt“ im Velodrom. Foto: altrofoto.de

Der Himmel ist auch im Stück ein Himmel, die Hölle ist das Orphée. „Auf beiden Ebenen gibt es Sinnlichkeiten“, sagt die Regisseurin Nicole Claudia Weber. „Die eine resultiert aus dem Überdruss der Langeweile, die andere aus der Gier, der Wollust.“ Natürlich hätte man für die Hölle auch Knochen und Totenschädel hinstellen können, sagt Weber. „Meistens geht es in der Hölle aber eben um Wollust und die drückt sich in unserem Alltag nun einmal am stärksten im Sich-gehen-lassen in einem Lokal aus.“

Mit den Göttern des Olymp, die in der Operette den Hades besuchen, um sich zu amüsieren, karikierte Offenbach seinerzeit die Doppelmoral der besseren Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs. Zur Zeit der Uraufführung konnten sich viele Personen der Pariser Gesellschaft in dem Stück wiedererkennen. „Die Operette konnte nur entstehen, weil die Gesellschaft, in der sie entstand, operettenhaft war“, brachte es der renommierte Soziologe, Feuilletonist und Filmtheoretiker Siegfried Krakauer auf den Punkt.

40 Jahre Orphée

  • Von der Namenlos GmbH

    wurde das Orphée am 19. Oktober 1977 gegründet. „Die Namenlosen wollten mehr, als in ihren verrauchten Buden ihre studentische Kundschaft mit Weizen zu versorgen“, sagt Inhaber Cornelius Färber. Das fing bei der Musik an: Die Kulturfans legten Klassik auf – mit Vorliebe Offenbach.

  • Ein Stück weit

    erinnerten 1977 schon die alte Bausubstanz und die Wandvertäfelung an Frankreich. Aber auch Pariser Lokale wurden zum Vorbild. „Es sollte ein französisches Lokal werden – und damit wollten wir ganz bewusst in die bourgeoise Klasse einsteigen“, sagt Färber. „Wir schlossen die Augen und dachten an die unsinnigen Parisfahrten nach durchwachter Nacht zum Baguetteessen“.

  • Die finanziellen Mittel

    waren zunächst nicht üppig. „Die Tische bekamen wir aus einem alten Kasino, die Stühle aus dem Gemeinschaftssaal eines Kurhotels.“ Die zwei Bronzeengel, die den Eingang zum zweiten Raum flankieren, lieferte Peter Insam. Die Deckenlampen sind alte Regensburger Gaslaternen, nur umgedreht. Sessel und Marmortische stammen aus dem Regensburger Café Schürnbrand, ein Wiener Caféhaus, das 1973 schloss.

In der Inszenierung von Weber spiegelt sich natürlich nun eine modernere Gesellschaft. „Es tauchen sehr viele freakige Figuren auf. Unterschiedlichste Typen treffen sich da nach zwölf – so wie es im richtigen Leben halt auch ist“, sagt die Regisseurin. Unten in der Hölle sei es weitaus weniger langweilig als im Himmel. Auch deshalb habe man sich hier für das Orphée entschieden. „Wir können das Orphée ja nicht eins zu eins auf die Bühne stellen. Das wäre zu fad. Daher wollten wir den Esprit mit dem Augenzwinkern haben.“

Tischlein deck dich

Ein Kulissenmodel für die Bühne zeigt das Bad aus dem Salon Jerusalem im Regensburger Hotel Orphée.
Ein Kulissenmodel für die Bühne zeigt das Bad aus dem Salon Jerusalem im Regensburger Hotel Orphée. Foto: Orphée

Verschiedenste Orphée-Elemente wie die Badewanne aus dem Hotel-Salon „Jerusalem“ tauchen mehrfach in den Bühnenbildern auf. Es gibt auch einen Prospekt, der fast im Originalmaßstab den Blick aus dem Orphée-Fenster auf die Bachgasse zeigt. Daneben wird das Licht im gesamten Theater anders gestaltet, „so dass das Velodrom nicht mehr nach Velodrom ausschaut“, sagt Färber. „Es wird den Charakter eines französischen Lokals der Jahrhundertwende haben.“

In den Theaterwerkstätten in der Hoppestraße stehen auch schon Orphée-ähnliche Aufbauten für das Foyer und das Bistro im ersten Stock des Velodrom bereit.
In den Theaterwerkstätten in der Hoppestraße stehen auch schon Orphée-ähnliche Aufbauten für das Foyer und das Bistro im ersten Stock des Velodrom bereit. Foto: altrofoto.de

Eigens für die Orpheus-Vorstellungen wird im ersten Stock des Velodrom ein Bistro eingerichtet. „Die Idee ist, dass man die Inszenierung auch in das Foyer holt.“ Ab 18 Uhr wird es dort französische Spezialitäten geben. Die beim Orphée buchbare Aktion „Tischlein deck dich“ garantiert, dass in der Pause sowie vor oder nach dem Stück ein Tisch mit Wasser, Wein und kalten Speisen bereitsteht, sodass das Publikum, ohne anstehen zu müssen, sofort zu Tisch gehen kann. Zu hören wird es dort dann ebenfalls Offenbach geben, gespielt auf Klavier und Cello. Singen, wie Gott in Frankreich, Essen wie Gott in Frankreich: Alle Zutaten für ein opulentes Höllen-Spektakel stehen damit bereit.

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