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Szene

Wo die Spontan-Orchester rocken

Die offenen Bühnen sind zur festen Konzertreihe in Regensburg geworden. Mittlerweile sind 550 Musiker vernetzt.
Von Norbert Lösch, MZ

  • Let’s play together: Profis und Hobbymusiker haben bei den Sessions im Leeren Beutel keine Berührungsängste. Fotos: Lösch
  • Rockin’ all over the stage: Wolfgang Haarer (links) und T. G. Copperfield in Aktion. Foto: Lösch
  • Giselher Gollwitz hat das Musiker-Netzwerk aufgebaut – und steht gerne selbst mit auf der Bühne. Foto: Lösch
  • Es spielt, wer gerade Lust hat: Auch im Kneitinger Keller gibt es jeden Monat eine Spontan-Session. Foto: Wolfgang Ruhl

Regensburg.„Wer hat ein Instrument dabei?“: Das war am Montagabend die meistgestellte Frage im Leeren Beutel. Die Antwort war bald darauf nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Denn zu vorgerückter Stunde teilten sich bis zu drei Gitarristen, mehrere Bassisten, Schlagzeuger, eine stattliche Bläser-Fraktion und ein Pianist die Bühne. Open Stage war angesagt, ein abendfüllendes Mitmachprogramm für Profis und Hobbymusiker. Die hatten ebenso wie das Publikum ihren Spaß an einem außergewöhnlichen Konzert. Zumal es fast schon ein kleines Jubiläum war: Seit einem Jahr gibt es die regelmäßigen Jams im Leeren Beutel, und im Kneitinger Keller hat sich eine ähnliche Reihe schon seit zwei Jahren fest etabliert.

Das Schöne dabei ist die Spontaneität – und für manche im Publikum auch die Tatsache, dass niemals Eintritt verlangt wird. „Wir lassen höchstens mal einen Hut rumgehen, damit es am Ende für die Musiker wenigstens ein Bier an der Bar gibt“, sagt Giselher Gollwitz. Der Mann, der die offene Bühne in Regensburg quasi erfunden hat, blies am Montag streckenweise selbst in die Trompete. Das Konzept hat sich der Musik-Freak in Havanna und New Orleans abgeschaut, wo sich Musiker häufig spontan zusammenfinden – manchmal einfach auf offener Straße. „Das geht bei uns nicht so einfach, weil es häufiger schlechtes Wetter gibt und auch das Ordnungsamt etwas dagegen hat“, weiß Gollwitz.

„Wir lassen höchstens mal einen Hut rumgehen, damit es am Ende für die Musiker wenigstens ein Bier an der Bar gibt.“

Open Stage-Impressario Giselher Gollwitz

.„Wir wollen regionalen Musikern eine Bühne bieten, sie zusammenführen und auch den Nachwuchs einbinden“, sagt der Mann, der selbst ein Beispiel für ein weiteres Phänomen der offenen Bühnen ist. Der Trompeter gehört nämlich zweifelsohne der älteren Generation an, er hat aber überhaupt kein Problem damit, mit anderen Musikern, die seine Kinder oder gar Enkelkinder sein könnten, zusammenzuspielen.

Einfaches Equipment reicht aus

„Das und die Tatsache, dass sich immer wieder Profis und Hobbymusiker zusammenfinden, macht den eigentlichen Reiz der Sessions aus.“ Deswegen braucht es auch kein überbordendes technisches Equipment – mitreißender Rock’n’Roll funktioniert auch über den kleinen Kofferverstärker und ein paar Mikrofone.

Für Gollwitz und die von ihm ins Leben gerufene Interessengemeinschaft steht „die Freiheit des Handelns immer im Vordergrund“. Will heißen: Alles darf, nichts muss auf der Bühne. „Und das ist bislang nicht ein einziges Mal schiefgegangen.“ Lediglich ein „Lenkungsinstrument“ hat sich bewährt: Damit nicht alles planlos die Bühne stürmt, ist üblicherweise erst einmal eine Leadband am Start. Die zeigt gleich mal, wo es musikalisch langgeht, und ruft dann zum Mitmachen auf. Dass nicht vier Drummer gleichzeitig einsteigen können, wenn nur ein Schlagzeug auf der Bühne steht, ist ja wohl logisch und hat bislang auch noch nicht zu Konflikten geführt.

„550 Musiker spuckt meine Computerdatei mittlerweile aus“, nennt Giselher Gollwitz eine beachtliche Marke. Denn so alt ist das Netzwerk noch gar nicht: 2009 gab es erste Anfänge für eine offene Bühne in einer Kunstgalerie am Ostentor, ein Jahr später gab es im Alten Schlachthof regelmäßig kollektiven Blues, Rock und Jazz. Inzwischen sind der Kneitinger Keller am Galgenberg und der Leere Beutel in der Bertoldstraße feste Heimstätten der Szene geworden.

Im Leeren Beutel kooperiert Musikkult, wie Gollwitz seine Initiative genannt hat, mit dem alteingesessenen Jazzclub. Im Wechsel suchen die Veranstalter die jeweilige Leadband aus – und schon steht einem kurzweiligen Musikabend nichts mehr im Weg. „Im Leeren Beutel finden die Musiker einen tollen Raum und eine gute Grundausstattung vor“, schwärmt Gollwitz von der Location. Die Bestuhlung hatte am Montag zwar eher etwas von Kaffeekränzchen als von Rockkonzert, aber trotzdem blieben fast alle der rund 50 Zuhörer bis zum Schluss.

Die Electric Band brachte Energie

Das lag nicht zuletzt an den Einheizern. Den Abend durfte nämlich der Regensburger Gitarrist Tilo George Copperfield mit seiner Electric Band eröffnen. Deren Bluesrock-Package samt dem brandneuen Song „Who Will Stop The Rain?“ brachte gleich Energie in den Saal, auch wenn die Lautstärke eher verhalten war. Copperfield gab dann auch den „Showmaster“ des Abends und eröffnete die Session mit „Johnny B Goode“ – eine Hommage an den eben erst verstorbenen Rock’n’Roller Chuck Berry. „Hoochie Coochie Man“, „Mustang Sally“, „Cocaine“, „Got My Mojo Working“ – die Setlist war nur so gespickt mit Klassikern. Ein kluger Schachzug, schließlich erleichtert das potenziellen Mitstreitern den Einstieg und gefällt auch dem Publikum.

Die Gitarrenkoffer öffneten sich jedenfalls fast von selbst, wobei T. G. Copperfield von bekannten Sidemen unterstützt wurde. Wolfgang Haarer übernahm den ersten Part, Hans „Yankee“ Meier den zweiten. Und als die auf Bigband-Größe angewachsene Musikerschar „Mary Had A Little Lamb“ und „Pride And Joy“ von Stevie Ray Vaughan anstimmte – der Copperfield übrigens bis heute beeinflusst –, war das Eis längst gebrochen. Fast ausgelassen war die Stimmung im altehrwürdigen Jazzclub, als „A Fool For Your Stockings“ von ZZ Top den Schlusspunkt der Session setzte.

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Musikkult

  • Eine lose Gemeinschaft

    Musikkult ist eine Musiker-Interessengemeinschaft in Regensburg zur Förderung der regionalen Musikkultur. Aktuell bilden rund 550 Musiker eine lose Gemeinschaft – ohne Vereinsstatuten und Regularien.

  • Regelmäßige Termine

    An jedem ersten Montag im Monat gibt es eine Session im Leeren Beutel, im Winterhalbjahr ist der letzte Dienstag im Monat im Kneitinger Keller ein fester Termin. Ab Mai gibt es dort Blues und Rock im Biergarten.

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