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Kult-Imbiss

„Würstl-Tonis“ letzte Knacker schmeckten

Nach 105 Jahren ist der Stand des Wurstbraters am Alten Kornmarkt in Regensburg Geschichte. Hunderte sagten Servus.
Von Daniel Steffen, MZ

Anton Erl, sein Sohn Markus und Imbissbetreiberin Erika Schmidl nahmen an Silvester und Neujahr von ihren Gästen Abschied.
Anton Erl, sein Sohn Markus und Imbissbetreiberin Erika Schmidl nahmen an Silvester und Neujahr von ihren Gästen Abschied. Fotos: Steffen

Regensburg.Nach 105 Jahren ist ein Stück Regensburger Geschichte zu Ende gegangen. Gegen 8 Uhr wanderte am Neujahrsmorgen beim „Würstl-Toni“ die letzte Knackersemmel über die Theke. Die rund 50 Kilo Fleisch, die Erika Schmidl in ihrer Wurstbraterei am Alten Kornmarkt geordert hatte, landeten in den Mägen Hunderter Regensburger, die dem Kult-Imbiss am Wochenende die letzte Ehre erweisen wollten. Unter dem biblischen Terminus „Das letzte Abendmahl“ wurde auch im sozialen Netzwerk Facebook auf den Abschied hingewiesen. Über 400 Gäste hatten ihren Besuch allein auf der Plattform zugesagt. Viele sollten ihr Versprechen einhalten.

Ein klarer Favorit

„Den ganzen Tag schon ist hier eine Menge los“, freut sich Mitarbeiter Anton „Toni“ Erl am Silvester-Nachmittag über einen regen Besuch. Die meisten Gäste lassen es sich traditionell mit einer Knackersemmel gut gehen und bestellen sich ein Bier oder einen Glühwein dazu. Gut 60 Prozent des Umsatzes, so sagt Anton Erl als vormaliger Inhaber, hätten die Knackersemmeln über Jahre hinweg ausgemacht. Herzhaft beißt auch DJ Ayli in die Wurst und lässt sie sich schmecken. Es wäre ein „Drama“, wenn der Laden dauerhaft geschlossen würde, sagt er. Immer, wenn er früh morgens nach einer Party heimgegangen sei, habe er noch einen Umweg zum Würstl-Toni gemacht, um sich kurz einen Happen zu gönnen. Dass die „Heimwegversorgung“ nun womöglich wegfällt, daran mag der 45-Jährige lieber nicht denken.

Um 17 Uhr bringt Anton Erl zum letzten Mal die Tafel mit den Nachtpreisen für die Imbiss-Spezialitäten an. Schon geht die nächste Bestellung ein: „Einmal Knackersemmel mit süßem Senf“, sagt eine Frau mittleren Alters mit freundlicher Stimme. „Wissen Sie schon, wie es hier weitergeht?“, erkundigt sie sich. „Das ist leider das Problem“, entgegnet ihr Anton Erl – und schildert kurz die Situation. Zwar gebe es eine ganze Reihe Interessenten, über das Schicksal des Imbisses entscheide aber letztendlich die Stadt.

Unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen erachten es die Besucher als eine ungeschriebene Pflicht, den Inhabern „Alles Gute“ zu wünschen. Nachdem sie sich von Anton Erl getrennt hatte, leitete Erika Schmidl 22 Jahre lang die Geschicke der Wurstbraterei. Oft verbrachte sie mehr Zeit im Betrieb als in den eigenen vier Wänden. Ihr „Schmidlburger“, eine üppig portionierte Fleischpflanzerlsemmel, gehört zweifelsohne zu den Genuss-Hits des Hauses.

Sie versorgte ihre Polizei-Kollegen

Am frühen Silvesterabend schauten viele Gäste am Stand vorbei.
Am frühen Silvesterabend schauten viele Gäste am Stand vorbei.

Pensionistin Barbara Haslecker zog am Silvesterabend eine Knackersemmel vor. 40 Jahre lang hielt sie dem „Würstl-Toni“ die Treue. Als frühere Angestellte bei der Polizei versorgte sie die Kollegen am Minoritenweg regelmäßig mit Würstel und Pommes. Die Speisekarte, so sagt sie, habe sie „schon längst durch“ – inklusive dem Schnitzel mit Pommes, für das zuletzt fünf Euro berappt werden mussten. „Mir hat das hier immer sehr gut geschmeckt, und ich hab mich gefreut, an die frische Luft zu kommen“, erzählt sie über ihre „Botengänge“. Fastfood-Restaurants oder eine Döner-Bude, so sagt Haslecker, habe es damals in der Altstadt „noch nicht gegeben“.

Auch für Klaus Theml aus Weichs ist der Abschiedsbesuch am Kornmarkt ein Muss. Die erste Knackersemmel hat er beim Würstl-Toni vor vier Jahrzehnten gespeist, als damals 12-jähriger Bub. Er schaute immer dann, wenn er in der Stadt unterwegs war, beim Würstl-Toni vorbei. „So viel Zeit musste sein“, sagt er. „An die 300 Besuche werden das sicher gewesen sein.“

Bei treuen Gästen wie ihm mussten Erika Schmidl und Anton Erl gar nicht lange überlegen. Schließlich haben sie sich Hunderte von Gesichtern eingeprägt – und tauchten diese am Stand auf, war sofort klar: der eine will eine Knackersemmel, der andere eine „lange Braune“.

Stand am Alten Kornmarkt

  • Standort

    OB Joachim Wolbergs sagte Anfang Dezember auf unsere Anfrage: „Die Stadt prüft, ob und wie der Standort zukünftig genutzt werden soll. “ Er wolle sich mit in den Abwägungsprozess einbringen.

  • Abschied

    Die letzte Inhaberin Erika Schmidl war 47 Jahre lang am Grill tätig. Ihre erste Wurstsemmel hat sie mit 12 Jahren verkauft. Zwischenzeitlich leitete ihr heutiger Ex-Mann Anton Erl das Geschäft. (mds)

Über kuriose Vorfälle, so sagt Anton Erl, könne er „ein Buch schreiben“. Etwa darüber, als einmal früh morgens Kartentrickser die nächtliche „Beute“ unter sich aufteilten. Oder darüber, wie ein 19-jähriges Madl eines Nachts splitternackt vor dem Stand auftauchte. Ihr Freund habe sie in jener lauen Sommernacht aus der Wohnung geschmissen, hieß es. Als Erika Schmidl in der Taxizentrale anrief, seien gleich zwanzig Gefährte angerollt. „So schnell sind die Taxler hier noch nie gekommen“, lacht Erl.

Auch Promis haben sich am Stand mit Speis und Trank eingedeckt. Vor gut zehn Jahren war die Kelly Family da – und Albert von Thurn und Taxis schaute öfter mal vorbei. Die Nachtschwärmer indes haben sich gerne mal gekeilt, so dass die Polizei eingreifen musste. „In den vergangenen Jahren war es hier aber ruhig geblieben“, ergänzt Anton Erl.

Am Morgen des 1. Januar ging es ein letztes Mal um die Wurst. Was Erika Schmidl mit ihrem Ruhestand anfangen will, weiß sie noch nicht. Ruhe war für sie stets ein rares Gut und fühlt sich deshalb fremd an. Eines aber weiß sie: „Einen hübschen jüngeren Mann kennenlernen“, das würde die 63-Jährige doch ganz gern.

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