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Karriere

Was Personalern wichtig ist

Immer mehr Unternehmen verzichten bei der Bewerbung auf ein Anschreiben. Was aber wollen sie? Wir haben nachgefragt.
Michael Stahl

Bei einer Bewerbung galt das Anschreiben stets als fester Bestandteil - bis jetzt. Foto: Fotolia/Christian Lentzsch
Bei einer Bewerbung galt das Anschreiben stets als fester Bestandteil - bis jetzt. Foto: Fotolia/Christian Lentzsch

Regensburg.Die Deutsche Bahn hat im Oktober die Bewerbung auf Azubi-Stellen vereinfacht, fordert kein Anschreiben mehr – und hat laut aktueller Pressemitteilung deutlich mehr Bewerber als zuvor. Weitere Unternehmen folgen diesem Beispiel. Die Gründe erklärt DB-Personalvorstand Martin Seiler so: „Das Anschreiben ist nicht nur für die Bewerber manchmal mühsam, sondern auch für uns Personaler in der Regel wenig aussagefähig.“

Ein Anschreiben enthalte den Erfahrungen zufolge oft keine zusätzlichen Informationen, die nicht im Lebenslauf stehen. „Und selbst wenn der Text überzeugend geschrieben ist, wissen wir oft nicht, ob Freunde, Eltern oder Google geholfen haben“, sagt Seiler.

Motivationsfragen als Alternative

Versandhändler Otto ist schon 2016 auf diesen Zug aufgesprungen und verlangt bei Bewerbungen anstelle des Anschreibens die Beantwortung zweier Motivationsfragen. „Unsere Recruiting-Experten können aus diesen zwei Antworten mehr Schlüsse ziehen, arbeiten sich schneller durch den Bewerbungsprozess und stellen im ersten Gespräch gezieltere Fragen“, sagt Personaldirektorin Sabine Josch.

Ähnlich dynamisch verläuft auch der Bewerbungsprozess bei der Bayerischen Polizei. Dort verzichtet man gleich ganz auf die Bewerbungsmappe, wie Gerhard Ponkratz vom Polizeipräsidium Oberpfalz darstellt: „Nachdem wir den Erstkontakt mit den Interessenten geknüpft haben – zum Beispiel auf Berufsmessen, können sich diese über unser Online-Portal bewerben. Allerdings werden dort ausschließlich die wesentlichen Grunddaten erfasst.“ Ein Anschreiben und entsprechende Unterlagen in alter Form seien nicht mehr erforderlich.

Viele halten am Anschreiben fest

Alles super und modern – gäbe es da nicht einen kleinen Haken, wie der Deutsche Lehrerverband kritisiert: „Das Verfassen eines Anschreibens ist nicht nur deshalb wichtig, um nachzuweisen, dass man so etwas sprachlich bewältigen kann, sondern vor allem deshalb, weil es dem Bewerber die Chance gibt, seine Motivation, seine persönliche Interessenlage und Befähigung individuell auszudrücken und sich damit aus der Masse der Bewerbungen abzuheben“, erläutert Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. Nicht umsonst seien das Erstellen von Bewerbungsunterlagen und die Formulierung von Anschreiben Inhalt der Lehrpläne in Schulen.

Das kann Annabell Feith von MediaMarktSaturn nur bestätigen: „Wir freuen uns immer über kreative Bewerbungsanschreiben, mit vielen Infos über den Bewerber, um ihn bestmöglich kennenzulernen.“ Zudem bekomme man mithilfe des Anschreibens einen Eindruck von der sprachlichen Ausdrucksweise und der Motivation des Kandidaten.

Individuelle Bewerbung als Chance

Rückendeckung erhält Pädagoge Meidinger von der Bundesagentur für Arbeit: „Wenn ein Arbeitgeber um eine aussagekräftige Bewerbung bittet, ohne dies weiter einzuschränken, ist das Anschreiben fester Bestandteil der Bewerbung“, heißt es dort. Karin Benning von der Huk Coburg sieht das genauso: „Wir freuen uns über überzeugende und authentische Formulierungen im Anschreiben und ein Zeugnis mit guten Noten, vor allem in den Hauptfächern. Insgesamt muss die Bewerbung ein ordentliches Erscheinungsbild inklusive korrekter Rechtschreibung und Grammatik zeigen.“

Auch Vertreter von Einzelhandel und Dienstleistungsbranche positionieren sich klar für das Anschreiben als essenzieller Bewerbungsbestandteil. Stefanie Schmitt von Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen: „Tatsächlich messen wir dem Anschreiben neben dem Lebenslauf weiterhin eine sehr hohe Bedeutung zu.“ Das Anschreiben gebe dem Bewerber die Gelegenheit, Besonderheiten im Lebenslauf explizit auszuführen.

Auf die Frage angesprochen, womit man bei gleicher Qualifikation punkten könne, antwortet Schmitt: „Ganz klar mit Kommunikationsstärke!“ Kommunikativ zu sein, ist natürlich nicht nur im Einzelhandel ein wichtiges Auswahlkriterium, sondern auch bei den Dienstleistern der Finanzbranche. So ist Franz Hess von der Raiffeisenbank Oberpfalz Süd eG das Vorhandensein von Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen zwar wichtig, doch „letztlich entscheidend für eine Anstellung in der Bank sind Zuverlässigkeit und Freundlichkeit.“

Mit Authentizität beeindrucken

Dass man seine Fähigkeiten nicht nur auf Papier beschreiben, sondern diese in der Praxis auch abliefern kann, wird im Rahmen von Schnupper- beziehungsweise Probetagen überprüft. Stefanie Schmitt von Edeka erklärt: „Beide Seiten sollen hier ein Gefühl bekommen, ob sie zueinander passen und mit einem guten Gefühl in die Ausbildung starten.“

Das ist auch in der Hotelbranche fester Bestandteil des Verfahrens, wie Angelina Wendt, die für die Ausbildung im Mövenpick Hotel Münster zuständig ist, bestätigt: „Wir bieten Bewerbern Probetage an, die ihnen und uns bei der Entscheidungsfindung helfen sollen. In dieser Zeit müssen wir beim einzelnen Kandidaten die Liebe zum Beruf spüren können.“

Im Assessment Center können Bewerber sich beweisen

Beim Versicherungsdienstleister Huk-Coburg werden diese Charaktereigenschaften sogar explizit in Assessment Centern geprüft. „In diversen Übungen werden eine gute Auffassungsgabe und das analytische Verständnis geprüft“, sagt Pressesprecherin Karin Benning.

Solchen Assessment Centern misst man auch bei Continental Regensburg einen immer stärkeren Stellenwert bei: „Anschreiben und Lebenslauf dienen uns nach wie vor als ergänzende Informationsquelle, trotzdem rücken seit einiger Zeit solche diagnostische Methoden in den Vordergrund“, sagt wie Pressesprecherin Susanne Reimann. Allerdings sei der Bewerbungsprozess mit dem Bestehen des Assessment Centers noch nicht abgeschlossen: „Darauf folgt bei uns ein strukturiertes Interview, welches online oder vor Ort stattfindet.“

Wie man in diesem Interview glänzen kann, hat Personalleiter Michael Staab verraten: „Authentizität beeindruckt uns hier besonders.“ Dass die Deutsche Bahn durch die Reform eine Verkürzung des Bewerbungsprozesses erreicht, glaubt Susanne Reimann jedoch nicht: „Der Verzicht auf Anschreiben und Lebenslauf stellt aus unserer Sicht nicht wirklich eine Beschleunigung des Prozesses dar.“

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