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Interview

Alle Stakeholder berücksichtigen

Prof. Dr. Lisa Schöttl von der OTH Amberg-Weiden erklärt, warum sich Unternehmen nachhaltig ausrichten sollten.
Von Robert Torunsky

Prof. Dr. Lisa Schöttl (Foto: Robert Torunsky)
Prof. Dr. Lisa Schöttl (Foto: Robert Torunsky)

Weiden.Frau Professorin Schöttl, Compliance-Strategien sind inzwischen in vielen Unternehmen verbreitet. Reicht das für eine nachhaltige strategische Ausrichtung aus?

Prof. Dr. Lisa Schöttl: Das ist eine Frage der Definition. Wenn ein Unternehmen darunter nur versteht, dass es die Gesetze einhalten möchte, dann sichert das noch keine nachhaltige Ausrichtung. Allerdings wird der Begriff zunehmend weiter gefasst, sodass auch Themen wie Social Compliance – also beispielsweise, dass die Arbeitsbedingungen besser als das gesetzlich Erforderliche sind – Einzug halten. Eine nachhaltige strategische Ausrichtung muss letztlich aus einer inneren Überzeugung erfolgen, alle im Unternehmen müssen an einem Strang ziehen.

Wer muss am stärksten ziehen?

Zunächst sind die Unternehmensleitung und die Topführungskräfte in der Verantwortung. Sie müssen das Kerngeschäft beziehungsweise -produkt so gestalten, dass es mit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise vereinbar ist. Dafür braucht es die Unterstützung der Mitarbeiter, die mitziehen müssen und mitgestalten sollten. Ganz entscheidend ist aber auch, dass die Kunden dahinterstehen – es müssen alle

Stakeholder mitberücksichtigt werden, wenn man es ernst meint.

Können Sie Beispiele nennen, wie man die Stakeholder abholen kann?

Bei den Mitarbeitern ist es eine offene Gesprächskultur, Kunden können durch Umfragen einbezogen werden. Auch wenn letztendlich die Unternehmensführung entscheiden muss, reicht es nicht, wenn alles von oben kommt. Der Impuls kann auch mal von Mitarbeitern kommen. Wie etwa bei Google, wo diese die Mitarbeit an einem Projekt für Militärdrohnen ablehnten. Bei der Rügenwalder Mühle war es dagegen eine Entscheidung der Geschäftsführung, das Unternehmen mehr und mehr auf vegetarische Wurstwaren umzustellen. Die Mitarbeiter mussten peu à peu überzeugt werden, dass dies für sie langfristig Vorteile hat.

Häufig ist im Zusammenhang mit Compliance auch von Integrität die Rede.

Integrität kann als Pendant verstanden werden und drückt aus, dass eine Überzeugung dahinter steckt, das Richtige zu tun. Immer mehr Unternehmen schreiben sich diesen Wert auf die Fahnen: Volkswagen hat aufgrund des Abgasskandals eine Integritätskampagne gestartet. Integrität ist ein beliebter Wert, weil er eine gewisse Offenheit aufweist. Er bringt auf der einen Seite zum Ausdruck, dass ich moralisch aufrichtig handeln will, andererseits erlaubt er es, eigene Schwerpunkte zu setzen. Das muss nicht zwangsläufig die Nachhaltigkeit sein, sondern können auch günstige Produkte für Geringverdiener sein. Ich bin integer, wenn ich meine Versprechen halte. Vereinfacht gesagt: Compliance ist ein Muss, Integrität ist, das zu tun, was ich mir selbst auferlege.

„Eine nachhaltige strategische Ausrichtung muss letztlich aus einer inneren Überzeugung erfolgen, alle im Unternehmen müssen an einem Strang ziehen.“

Prof. Dr. Lisa Schöttl

Eine nachhaltige strategische Ausrichtung ist zunächst häufig mit hohen Kosten verbunden. Lohnt sich das?

Ich glaube, dass nachhaltige und damit zukunftsorientierte Unternehmen langfristig erfolgreicher sein werden. Allein schon, da sie damit ja beweisen, dass sie agil sind und es schaffen, die Mitarbeiter mitzunehmen. Diese Veränderungsbereitschaft zu haben und am Leben zu erhalten, ist eine Grundvoraussetzung für langfristigen Erfolg. Man muss kontinuierlich im Dialog sein und darum ist ein Nachhaltigkeitsanspruch auch anstrengender, als nur zu erfüllen, was von außen herangetragen wird.

Was müssen Unternehmen tun, damit die Werte auch gelebt werden?

Wichtig ist, dass man reflektiert, wie der eigene Anspruch aussieht und wie die geschäftliche Realität dazu passt. Gibt es da eine Diskrepanz, muss man besprechen, wie es dazu kommt. Es bedarf einer offenen Gesprächskultur, um das Wertebewusstsein aufrechtzuerhalten. Strukturelle Voraussetzungen können beispielsweise sein, dass es dezidierte Ansprechpartner gibt und natürlich braucht es ein Hinweisgebersystem, das anonyme Meldungen ermöglicht.

Spielen diesbezüglich auch Anreizsysteme für Mitarbeiter eine Rolle?

Mitarbeiter werden meist über Ziele gesteuert, deren Erfüllung häufig auch mit Boni verbunden ist. Es ist ein wichtiger Hebel, in die Ziele und Leistungsbewertungen auch weichere Faktoren einfließen zu lassen. Also beispielsweise nicht nur, wie viel Umsatz ich generiert habe, sondern auch, wie ich diesen erzielt habe. Habe ich mein Team mitgenommen und gewisse Werte wie Fairness eingehalten? Oder wurde ein Lieferant ausgewählt, der zwar etwas teurer ist, aber die ökologischen Standards sicherstellt? Das sollte in Feedbackgespräche einfließen und positive finanzielle Auswirkungen haben. Leider schrecken viele Unternehmen davor noch zurück.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Nachhaltigkeit?

Beides sind Megatrends, die zusammen gedacht werden müssen. Die Nachhaltigkeit bietet große Geschäftschancen, die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Dinge effizienter zu gestalten, beispielsweise geringere Reisetätigkeiten durch den Einsatz von Videokonferenzen. Aber es darf nicht missachtet werden, dass die digitalen Technologien oft mit negativen externen Effektenverbunden sind, die nicht ausreichend Beachtung finden, beispielsweise Strom- und Ressourcenverbrauch. Bei dem Thema darf es insgesamt nicht nur darum gehen, nachhaltiger zu wirtschaften und zu konsumieren, sondern auch bewusster – was in Zukunft öfter als bisher auch Verzicht bedeuten müsste, wenn wir ökologische Nachhaltigkeit tatsächlich erreichen wollen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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