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Energie

Anschluss endgültig verpasst?

Energieexpertin Prof. Dr. Claudia Kemfert wirft der Politik Versagen bei der Umsetzung der Energiewende vor.
Von Stephanie Burger

Energieexpertin Prof. Dr. Claudia Kemfert befürchtet das Scheitern der Energiewende. Foto: Bernd Wüstneck - dpa
Energieexpertin Prof. Dr. Claudia Kemfert befürchtet das Scheitern der Energiewende. Foto: Bernd Wüstneck - dpa

Regensburg.Frau Kemfert, in Ihrem aktuellen Buch sprechen Sie von einem „Krieg der Energiewelten“ – einem Kampf zwischen fossilen und erneuerbaren Energien. An welchen Entwicklungen machen Sie Ihre These fest?

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Es herrscht Krieg um Energie. Die Energiewende ist erfolgreich, zu erfolgreich. Immer mehr Investitionen fließen in die erneuerbaren Energien, die Kosten sinken kontinuierlich. Das fossile Imperium schlägt zurück. Es nutzt dabei keine Lichtschwerter, sondern Falschinformationen mit Mythen und Halbwahrheiten. Man bestreitet beispielsweise die Tatsache, dass erneuerbare Energien inzwischen billiger sind als herkömmliche Energien, dass sie schneller wachsen als erwartet, technologische Wettbewerbsvorteile schaffen und für Wertschöpfung sorgen. Fakt ist: Die Vertreter der alten Energiewelt kämpfen immer erbitterter gegen die Welt der erneuerbaren Energien. Mit allen Mitteln wird versucht, das Offensichtliche zu vertuschen: Die alten Energiekonzerne haben keine zukunftsfähigen Geschäftsmodelle.

Aber die „alten Energiekonzerne“ haben doch inzwischen entsprechende Tochtergesellschaften gegründet?

Der von den vier großen Energiekonzernen vollzogene Wandel ist nicht tiefgreifend genug. Auf Ökostrom zu setzen, gleichzeitig aber die alten Geschäftsmodelle weiterzubetreiben, ist kein nachhaltiger Ansatz. Das hat vielmehr konterkarierende Wirkung. Für zukunftsfähige Energiegeschäftsmodelle braucht es Kooperationen mit branchenfremden Partnern. Echte Kooperationswilligkeit ist bei den großen Energiekonzernen nicht zu erkennen. Man sträubt sich vielmehr, handfeste Realitäten anzuerkennen: Die Vorräte fossiler Energien sind begrenzt und ihre Verbrennung verursacht einen irreversiblen Klimawandel.

Wie könnte so eine „echte Kooperation“ für ein zukunftsfähiges Energiegeschäftsmodell aussehen?

Das Energiesystem der Zukunft hat mit dem alten nicht mehr viel gemein: Es ist dezentral, flexibel und intelligent. Dafür sind neue Geschäftsmodelle und Kooperationen notwendig. Beispielsweise wird die Digitalisierung eine zentrale Komponente sein. Junge Start-ups haben dafür die richtigen Technologien und Ideen. Kluge Kooperationen kombinieren das Energie-Geschäftsmodell mit IT-Lösungen.

Sehen Sie die Energiewende, also die Abkehr von fossiler Energie und Kernenergie hin zu einer Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien, in Gefahr?

Durchaus. Der energiepolitische Rollback in Berlin startete schon vor einigen Jahren: Ein weichgespülter Klimaschutzmaßnahmenplan ohne konkrete Ziele, ohne konkretes Datum für einen Kohleausstieg war der Anfang. Die Folge: fatale Fehlinvestitionen und Verzögerungen in Sachen Klimaschutz und Technologiefortschritt, die nicht mehr aufzuholen sind. So hat die Politik den längst beschlossenen Kohleausstieg verfehlt, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu Tode novelliert und es versäumt, attraktive Regelungen für die neue Wirtschaftswelt zu schaffen. Selbst in Deutschland, dem Klimapionier, sind so die fossilen Energien wieder auf dem Vormarsch. Die Erfinder der Energiewende blockieren in Brüssel Emissionsgrenzwerte, bremsen mit der EEG-Novelle die erneuerbaren Energien aus und beenden mal eben die Bürgerenergiewende.

Diese Entwicklung erinnert frappierend an das, was in der Autoindustrie abläuft. Hat die deutsche Großindustrie ein Problem mit ihrer Anpassungsfähigkeit?

Sie versucht mit allen Mitteln, die Vergangenheit zu konservieren. Dies macht sie risikoavers, innovationsfeindlich und träge. Und lässt sie so die großen wirtschaftlichen Chancen verkennen, die in Veränderungen und Marktdynamiken liegen. Dieses Verhalten schadet nicht nur dem internationalen Ansehen Deutschlands, sondern der deutschen Volkswirtschaft insgesamt. Die deutsche Autobranche verschläft nicht nur die Zukunft, sie schadet der gesamten Wirtschaft.

Sind wir auf einem guten Weg, das Klimaziel einer CO2-Reduktion um 40 Prozent bis 2020 zu schaffen?

Nein, wir sind auf keinem guten Weg und kommen viel zu langsam voran. Ein Schritt vor, drei zurück. Wenn man die Klimaziele erreichen will, muss der Anteil von Kohlestrom bis spätestens 2040 auf Null gesunken sein. Kohlekraftwerke passen nicht zur Energiewende, sie produzieren zu große Mengen Treibhausgase und sind zu inflexibel in der Kombination mit erneuerbaren Energien. Solange wir am alten Energiesystem festhalten, wird der Umbau hin zu einem erneuerbaren, dezentralen und intelligenten Energiesystem nicht gelingen.

Dennoch sind doch die Erfolge im Stromsektor nicht von der Hand zu weisen. Der Anteil der erneuerbaren Energien im Stromsystem liegt derzeit bei etwa 31 Prozent. Wie sieht es in den Sektoren Wärme und Mobilität aus?

Nicht gut. Es passiert viel zu wenig, um nicht zu sagen gar nichts. Eine Wärmewende gibt es noch nicht, dabei wäre es wichtig, die Energieeffizienz von Gebäuden zu verbessern und auch die Gebäudeenergie als Speichermedium in einem auf erneuerbaren Energien basierenden System zu nutzen – Stichwort Sektorkopplung. Auch in puncto nachhaltiger Verkehrswende ist bisher nichts passiert. Dabei bietet, gerade nach dem Dieselskandal, die Verkehrswende enorme Chancen für den Industrie- und Automobilstandort Deutschland.

Wie betrachten Sie die Entwicklung des Netzausbaus? Sind die Ausbauziele erneuerbarer Energien und gleichzeitig die Stabilität des Stromnetzes nur durch weiteren Netzausbau zu erreichen?

Ein weiterer Mythos. Wir bauen im Moment zwei Stromsysteme, eines für das alte Energiesystem, eines für das neue. Wenn wir konsequent aus Atom und Kohle aussteigen, benötigen wir das überdimensionierte Stromnetz nicht. Derzeit planen wir, die Autobahnen immer weiter auszubauen, bis es in Deutschland nirgendwo mehr einen Stau gibt, mit der Begründung, die Öko-Autos allein führten zu den Staus. Wenn man aber – um im Bild zu bleiben – eine konsequente Verkehrsvermeidung betreiben würde und ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes System im Blick hätte, braucht man das überdimensionierte Netz nicht. Je mehr Stromnetze vorhanden sind, desto mehr Kohlestrom wird eingespeist.

Stellen Sie damit den Netzentwicklungsplan komplett infrage?

Der Plan der Bundesnetzagentur beruht auf verschiedenen Grundannahmen. Wenn man von deren Eintreffen ausgeht, dann ist die Rechnung auch richtig. Aber die Grundannahmen sind nicht plausibel. So wird zum Beispiel von einem Zubau von 40 Gigawatt durch Gaskraftwerke ausgegangen. Doch wer soll in Gaskraftwerke investieren und warum? Dieser Netzentwicklungsplan widerspricht der dezentralen Energiewende, er hebelt die Märkte für die erneuerbaren Energien aus, indem weiterhin Überkapazitäten produziert werden und dadurch die Preise für Speichertechnologien nicht marktfähig werden.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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