MyMz
Anzeige

Arbeit 4.0

„Arbeit 4.0“ führt zu massiven Umbrüchen

Dörthe Dehe, Geschäftsführerin und wissenschaftliche Beraterin der GfeO GmbH, spricht über die Zukunft der Arbeit.
Von Stephanie Burger

  • Dörthe Dehe, Geschäftsführerin der Gesellschaft für empirische Organisationsforschung (GfeO) mbH. Foto: GfeO

Regensburg.Frau Dehe, ist der Veränderungsprozess in Richtung „Arbeitswelt 4.0“ vergleichbar mit anderen Phasen des Umbruchs oder ist er von neuer beziehungsweise anderer Qualität?

Dörte Dehe: „Arbeit 4.0“, also die Anpassung der Arbeitsweisen an die Herausforderungen der digitalen Welt, im Zusammenhang mit weiteren Veränderungssystemen wie der Globalisierung bringt besonders massive, unvorhersehbare Umbrüche mit sich. Wir reden heute über künstliche Intelligenz nicht mehr als Illusion, sondern als erprobte Evidenz. Unsere Arbeitswelt wird sich in der kommenden Zeit massiver und schneller verändern als jemals zuvor. Daher sollte die Diskussion über Gestaltung von „Arbeit 4.0“ nicht nur aus der Leistungs- und Qualitätsperspektive geführt werden, sondern immer auch mit ethischer Ausrichtung. Die GfeO vertritt hier den Ansatz humanistischer Führung, einen ethik- und exzellenzorientierten Ansatz von Unternehmens- und Mitarbeiterführung.

Die digitale Transformation der Arbeitswelt polarisiert stark. Während sich vielleicht so mancher mehr Freiheit verspricht, überwiegt beim anderen die Angst, in der digitalen Arbeitswelt nicht mehr gebraucht zu werden. Wie kann es gelingen, in diesem Transformationsprozess möglichst alle mitzunehmen?

Wahrscheinlich ist es heute umso wichtiger, Menschen in Unternehmen so weit wie möglich zu befähigen, sie zu beteiligen und ihre eigenen Ideen und Methoden in den Change einzubringen – ein mühsamer, aber lohnender Weg. Denn wir wissen aus der Forschung und auch aufgrund unserer Erfahrungen in vielen verschiedenen Organisationen, dass die tragfähigsten Unternehmen genau so aufgestellt sind oder sich gerade dahingehend transformieren. Wenn Mitarbeiter sich in die Weiterentwicklung eines Unternehmens möglichst selbstbestimmt, kompetent und kritisch einbringen können, erhöhen die Unternehmen die Wahrscheinlichkeit, neue Innovationsfelder zu erobern, und verkleinern disruptive Gefahren. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir unsere Mitarbeiter von heute in die Lage versetzen, auch an ihren Aufgaben von morgen Freude zu haben.

Was können Unternehmen konkret dafür tun, dass Motivation, Leistungsbereitschaft und Know-how ihrer Mitarbeiter im digitalen Wandel nicht verloren gehen?

Wenn Know-how-Träger klagen, der Job sei aufgrund des großen IT-Anteils nicht mehr der, den sie sich einst ausgesucht hätten, stecken oft Ängste dahinter, beispielsweise die Angst, die neuen Prozesse nicht zu verstehen oder der Geschwindigkeit nicht gewachsen zu sein. Es geht also darum, die Mitarbeiter zu befähigen, auch neue, digitale Prozesse erledigen zu können. Aktives Talentmanagement bietet hier gute Möglichkeiten. Nicht zuletzt muss Personalentwicklung aktiv und strategisch aufgebaut, ernst genommen und umgesetzt werden. Was brauchen meine Mitarbeiter, damit sie heute und in Zukunft leistungsfähig, selbstbewusst und motiviert arbeiten, dass sie sich als ein Teil von uns verstehen? Das sind keine neuen Fragen. Sie müssen nur neu verstanden und explizit umgesetzt werden. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass Menschen unterschiedliche Stärken haben und unterschiedlich lange dafür brauchen, neue Arbeitswege zu lernen. In der Regel machen diese dann sogar Spaß. Wichtig ist ein gutes Einarbeiten in neue Strukturen, eines, das Erfolge fördert und sich an lernpsychologischen Befunden orientiert.

Die Arbeitswelt 4.0 wird eine selbstbestimmtere sein. Dies könnte jedoch auf der anderen Seite auch zu Überforderung und weiterer Arbeitszeitverdichtung führen. Sehen Sie diese Gefahr?

Ja, diese Gefahr besteht bereits in der Aufweichung von Arbeitsorten und -zeiten. Die heutige Flexibilisierung ist aus vielen Perspektiven zu begrüßen, ich selbst profitiere auch davon. So macht mir Arbeit mehr Spaß und eröffnet mir mehr Möglichkeiten der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung und Professionalisierung. Gleichzeitig wird es heute und zukünftig zu den Kernthemen der Personal- und Führungskräfteentwicklung gehören müssen, sich mit Detachment, also mit der Gefahr der Selbstentfremdung, sowie mit Gesundheitskompetenz und psychischen Gefährdungen auseinanderzusetzen – und das nicht nur, weil es seit 2013 im Arbeitsschutzgesetz steht. Diese Regelung war ja eine Reaktion auf die extrem gestiegenen Zahlen bei den psychischen Erkrankungen. Wir müssen also in unseren Alltag Abschaltkompetenzen einbauen, Selbstregulation und Achtsamkeit vorsehen. Bei SAP gibt es nicht grundlos eine eigene Abteilung um Mitarbeiter in diesen Themen anzuleiten. Aus unserer wissenschaftlichen Perspektive ist das genau richtig.

Müssen Mitarbeiter auf Mensch-Maschine-Kooperation vorbereitet werden?

Das ist eines unserer neuen Themen – die Psychologie der Robotik. Wir befassen uns damit, wie Menschen auf diese Kooperation vorbereitet werden können, wie Menschen auf Roboter reagieren und was Führungskräfte über die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine wissen müssen.

Uber, das weltgrößte Taxi-Unternehmen, besitzt kein einziges Fahrzeug, und Airbnb, der weltweit größte Zimmervermittler, besitzt kein einziges Hotel. Wie werden sich digitale Plattformen auf die Zukunft der Arbeit auswirken?

Extrem. Uber ist ein interessantes Beispiel. Zunächst hat kaum jemand an den Erfolg des Unternehmens geglaubt, doch schon bald erwies es sich für die Taxibranche als absolut bedrohlich – zumindest in der Anfangsphase. Derzeit macht Uber ja eher mit Negativschlagzeilen über ein sehr schlechtes Arbeitsklima auf sich aufmerksam. Digitale Lösungen werden zunehmen und Märkte erobern, die wir heute noch gar nicht kennen. Bei allen digitalen Lösungen zeigt sich momentan, dass wir ohne den menschlichen Service nicht auskommen und dass wir soziale Ansprechpartner suchen. Digitale Plattformen werden sich auf unser gesamtes Leben auswirken und es verändern. In vielerlei Hinsicht werden sie es interessanter machen. Gleichzeitig sind wir gespannt, inwieweit konventionelle Arbeitslandschaften darüber eventuell auch eine Renaissance erfahren.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Die Arbeitswelt von morgen beginnt heute

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht