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Montag, 20. August 2018 32° 2

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Auch Unternehmerwelt braucht Vorbilder

Große und kleine Firmen in Ostbayern zeigen, wie man Mitarbeiter-orientierte Flexibilität leben kann – und fahren gut damit.
Von Mechtild Nitzsche, Wirtschaftszetiung

Homeoffice ermöglicht es jungen Eltern, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Foto: David Pereiras - stock.adobe.com
Homeoffice ermöglicht es jungen Eltern, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Foto: David Pereiras - stock.adobe.com

Ostbayern.Die Ergebnisse der IAB-Studie sind ernüchternd, doch es gibt sie, die Unternehmen, die die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter im Blick behalten – auch in Ostbayern. Ein Beispiel ist die Henrichsen AG in Straubing. Der SAP-Spezialist wurde Ende März vom „Great Place to Work“-Institut als „Bester Arbeitgeber in der ITK 2018“ ausgezeichnet. „Wir wollen Zusammenarbeit positiv gestalten“, sagt Personalleiter Philip Piendl. Deshalb gilt hier Vertrauensarbeitszeit. „Eine Zeiterfassung findet bei uns nur im Kundenkontakt statt – und dann aus Abrechnungsgründen.“

Generell ist bei Henrichsen jedes Arbeitszeitmodell möglich. Stolz ist Piendl auf das 2017 eingeführte Zeitwertkonto, das mit verschiedenen Elementen aufgebaut werden kann. „In das Konto können Entgeltbestandteile wie eine monatliche Einzahlung, Prämien, Bonifikationen oder Sonderzahlungen fließen“, erklärt er. Auch Urlaubstage können in das Konto investiert werden. Ist es genügend gefüllt, kann der Arbeitnehmer ein Sabbatical nehmen – finanziert und voll abgesichert. „Das Sabbatical kann für vieles genutzt werden – für eine Reise, einen Hausbau, eine Fortbildung. Oder man nutzt den angesparten Zeitwert, um für eine Weile bei vollem Lohnausgleich die Arbeitszeit abzusenken, oder für einen gleitenden Übergang in die Rente.“

Fast schon ungeduldig reagiert Jutta Weber von bos.ten, wenn sie auf arbeitnehmerorientierte Arbeitszeitmodelle angesprochen wird. „Natürlich gibt es Stoßzeiten, zum Beispiel im Handel, da brauche ich die volle Mannschaft. Doch in der Verwaltung könnte man viel mehr tun.“ Deshalb gibt es bei dem PV-Spezialisten gleitende Arbeitszeiten mit moderaten Kernzeiten von 9.30 bis 12 und 14 bis 16 Uhr. Müttern wird die Arbeitszeit auf den Leib zugeschnitten – und zugunsten der Krippenöffnungszeiten auch mal von den Kernzeiten abgewichen. Auch Homeoffice setzt Weber gerne ein, bis zu zwei Tage die Woche, junge Mütter bekommen auch drei. „Ich schätze meine Mitarbeiter sehr“, sagt Weber. „Deshalb gehe ich auch gern auf spezielle Wünsche ein.“ Dazu nutzt sie mit Überzeugung die Möglichkeiten, die die Technik bietet, wie zum Beispiel Skype-Konferenzen. Auch in der Montage zu arbeiten, ist hier kein Hindernis für Gleitzeit: „Die Mitarbeiter müssen sich nur untereinander abstimmen, dazu haben wir eine eigene Software eingeführt.“ Das Vertrauen geht so weit, dass Mitarbeiter im Außendienst einfach per Handy ausstechen können. Weber verfolgt damit einen Plan: „Wir wollen vorleben, wie gut moderne Arbeitszeitmodelle funktionieren – sogar bei kleinen Unternehmen. Auch die Unternehmerwelt braucht Vorbilder.“

Doch nicht nur die „Kleinen“ bemühen sich um flexible Arbeitszeiten im Sinne ihrer Mitarbeiter: Auch große Unternehmen setzen Zeichen. Ein Beispiel ist die Robert Bosch GmbH. Mit einigen cleveren Lösungen beweist der Konzern, dass Flexibilität nicht nur in Bürojobs, sondern auch in der Fertigung möglich ist. So gibt es im Werk Ansbach Familienarbeitsplätze mit Sonderschichtgruppen für Mütter und Väter, die um 8 Uhr beginnen, sodass sie ihre Kinder in die Kita bringen können. Zudem setzt man im Rahmen bestehender Schichtmodelle Mitarbeiter, die mehr Flexibilität brauchen, auf Arbeitsplätzen ein, die zeitlich etwas flexibler sind. Eine weitere Maßnahme an einem der Standorte ist eine Springergruppe von rund 20 Personen, die kurzfristig einspringen können. „Wir haben zudem eine App eingeführt, mit der Mitarbeiter einfach und in Absprache mit ihrem Meister Schichten tauschen können“, sagt Pressesprecher Michael Kattau. Das Nürnberger Werk wurde für sein Engagement 2016 mit dem Familienpreis des Bayerischen Wirtschafts- und des Arbeitsministeriums „Erfolgreich.Familienfreundlich“ ausgezeichnet. Dort können Schichtarbeiter beispielsweise in besonderen gesundheitlichen, familiären oder persönlichen Situationen flexible Arbeitszeiten nutzen – wie reduzierte Stunden, Dauerfrühschicht oder ein Wechsel von Früh- und Spätschicht.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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