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Technologie

Auf dem Weg zur Blockchain-Gesellschaft

Prof. Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science, ETH Zürich, spricht über Chancen und Risiken der Blockchain.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Dirk Helbing Foto: ETH Zürich
Prof. Dr. Dirk Helbing Foto: ETH Zürich

Regensburg.Herr Professor Helbing, wie revolutionär ist die Blockchain-Technologie?

Prof. Dr. Dirk Helbing: Sie hat revolutionäres Potenzial – basierend auf ihrer zentralen Innovation, Intermediäre, also vermittelnde Instanzen, überflüssig zu machen. Die Blockchain bietet völlig neue Möglichkeiten, Vertrauen zwischen Personen oder Institutionen zu generieren, Peer-to-Peer, ohne Mittelsmänner, wie sie im Finanzsystem die Banken darstellen. Die Korrektheit von Prozessen und Besitzverhältnissen wird so für alle überprüfbar.

Hat die Blockchain sogar ein ähnlich weltveränderndes Potenzial wie das Internet?

Neben anderen Technologien wie künstlicher Intelligenz, kurz KI, Internet der Dinge, Cloud Computing und virtueller Realität wird sie zum Umbruch unserer Wirtschaft und der Gesellschaft beitragen. In der Kombination werden diese Technologien alles durcheinanderwirbeln und den Weg für eine neue, bessere Welt bereiten. Tätigkeiten, die auf Regeln, Routinen oder Mustererkennung basieren, werden zunehmend automatisiert und von der KI gesteuert. Dazu kommt mit der Blockchain die Möglichkeit, die Prozesse überprüfbar zu machen – ohne kostenintensive Intermediäre dazwischen. In der Wirtschaft geht es immer um Effizienzsteigerung. Diese brauchen wir auch dringend, um Ressourcen für den Umbau unserer Gesellschaft nach den Kriterien der Nachhaltigkeit freizusetzen.

Welche Anwendungen außerhalb des Finanzsektors werden wir bald sehen?

Die besten Möglichkeiten, die Blockchain zu nutzen, kommen erst noch – wie zum Beispiel in Gestalt dezentraler autonomer Organisationen (DAOs), die aus intelligenten Verträgen – Smart Contracts – bestehen, die sich auf der Blockchain selbst ausführen. In DAOs laufen dann ganze Prozessketten ab. Das könnte in der Automobilindustrie, in der Lebensmittelproduktion und in der Pharmazie eine Rolle spielen sowie für Services. Die Blockchain könnte Lieferketten, ganze Branchen, Gesundheitssystem und Verwaltung revolutionieren.

Die Blockchain könnte die Digitalisierung demokratisch und in Richtung Kreislaufwirtschaft vorantreiben und die Gesellschaft auf eine neue Stufe der Evolution heben.

Prof. Dr. Dirk Helbing

Birgt die Blockchain auch Gefahren?

Wie bei jeder neuen Technologie gibt es Probleme und Risiken, beispielsweise das Problem des hohen Energieverbrauchs der Bitcoin-Blockchain. Vor allem aber müssen wir aufpassen, dass wir mit Blockchain-basierten Systemen nicht eine neue Art von Gefängnis schaffen, indem wir die Gesellschaft überregulieren oder überkommerzialisieren. Wenn man beispielsweise seine Miete zu spät überweist, könnte das dazu führen, dass andere Services automatisch blockiert werden und man womöglich kein Auto mehr mieten, bei Airbnb nicht mehr buchen oder gar die eigene Wohnungstür nicht mehr öffnen kann. Unsere Gesellschaft braucht Grenzbereiche, in denen es Ermessensspielräume gibt. Ja-Nein-Entscheidungen sind Schwarz-Weiß-Denken, wir brauchen auch Schattierungen und Farben. Entscheidungsfreiräume sollten unbedingt erhalten werden. Das Beispiel des autonomen Fahrens zeigt, wie wichtig es ist, auch Unerwünschtes tun zu können: Stößt das selbstfahrende Auto auf eine Baustelle, deren Umgehung das Überfahren einer durchgezogenen Linie erfordern würde, so würde es wohl einfach stehen bleiben. Der menschliche Fahrer hingegen würde in dieser Situation von der Regel abweichen. Wären alle Bereiche des Lebens auf diese Weise überreguliert, wäre unsere Gesellschaft dysfunktional. Wir sollten darauf achten, die Gesellschaft nicht in eine deterministische Maschine zu verwandeln, sondern Fehlertoleranz, Flexibilität und Entscheidungsfreiräume in die Technik einbauen.

Könnte die Blockchain dazu beitragen, die digitalen Märkte zu demokratisieren oder gar das bisher uneingelöste Demokratieversprechen des Internets einlösen?

Ja, wenn es gelingt, die Technik so zu gestalten, dass alle partizipieren können. Dann könnte durch die Blockchain sogar eine echte Sharing Economy entstehen, in der beliebige Anbieter direkt für ihre Leistungen bezahlt werden.

Die Blockchain könnte die Digitalisierung demokratisch und in Richtung Kreislaufwirtschaft vorantreiben und die Gesellschaft auf eine neue Stufe der Evolution heben. Die Idee unseres Systems, Ressourcen und Geld zu kumulieren, eine große Menge an Produkten zu produzieren, diese an so viele Nutzer wie möglich zu bringen, die sie konsumieren und dann wegwerfen, ist nicht mehr zukunftsträchtig. Wir brauchen ein nachfragegetriebenes System, das uns Dinge genau dann zur Verfügung stellt, wenn wir sie brauchen, und sie danach automatisiert weiterfließen lässt.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung: Hier geht es zum E-Paper. www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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