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Interview

Auf die Menschen kommt es an

Wirtschafts-, Wissenschafts- und Finanzreferent Dieter Daminger spricht über die Meilensteine der Wirtschaftsentwicklung.
Von Stephanie Burger

Wirtschafts-, Wissenschafts- und Finanzreferent Dieter Daminger (Foto: Attila Henning)
Wirtschafts-, Wissenschafts- und Finanzreferent Dieter Daminger (Foto: Attila Henning)

Regensburg.Dieter Daminger wirkt umtriebig, als er zum Interview im Besprechungsraum des Bürger- und Verwaltungsgebäudes empfängt. So kennt man ihn, aber kurz vor dem Ruhestand ist es doch erstaunlich. Langsam ausklingen lassen kommt für ihn nicht infrage. Er hat keine Zeit zu verlieren, es ist ihm wichtig, seinem Nachfolger ein genehmigtes Haushaltspaket zu hinterlassen. Für das Interview nimmt er sich trotzdem Zeit. Der Wirtschaftsreferent blickt gern zurück, aber noch lieber voraus. Kommt man ihm mit dem oft bemühten Bild der großen Fußstapfen, die eine Persönlichkeit hinterlässt, winkt er ab – und verweist lieber auf die Leistungen seiner Vorgänger.

Herr Daminger, Sie überblicken wie kaum ein anderer die Entwicklung der Stadt Regensburg. Was waren die Meilensteine der Stadtentwicklung?

Dieter Daminger: Es gibt zwei einschlägige Meilensteine. Der erste war die Gründung der Universität, die 1967 den Vorlesungsbetrieb aufnahm und deren Wirkung sich erst Jahre später voll entfaltete. Sie und die Ostbayerische Technische Hochschule wurden zum Motor der Wirtschaft und veränderte die Mentalität der Stadtgesellschaft. Regensburg wurde weltoffen. Der zweite Meilenstein war die Ansiedlung von BMW, die meinen Vorgängern gelang, obwohl die Staatsregierung andere Standorte favorisierte. Genau das ist eine Besonderheit unserer Stadtverwaltung: Sie hat immer Eigeninitiative bewiesen und Entwicklungen nicht abgewartet, sondern gestaltet.

Woher kam dieses Grundverständnis?

Ich denke, das hängt sehr oft an den handelnden Personen. Das waren Planungs- und Baureferent Dr. Günter Stöberl und der spätere Oberbürgermeister Hans Schaidinger, der damals in den Bereichen Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung tätig war. Sie hatten Visionen für die Stadt, die sie zielstrebig verfolgten. Und das aus einem Status quo der Zufriedenheit heraus. Damals gab es in Regensburg zum Beispiel noch eine große Textil- und Bekleidungsindustrie mit mehreren tausend Arbeitsplätzen und übergeordnete Behörden. Aber ein Strukturwandel zeichnete sich bereits ab, die Dynamik fehlte. Meine Vorgänger erkannten das und stellten die Weichen.

Ein tiefgreifender Strukturwandel vollzieht sich derzeit in der Automobilindustrie. Ist die Abhängigkeit unserer Region von dieser Branche zu groß? Sind wir zu wenig diversifiziert?

Das würde ich nicht so sehen. Wir haben einen guten Branchenmix mit führenden Unternehmen zum Beispiel aus der Energietechnologie. Und was die Autoindustrie betrifft: In der Region sind das vor allem Unternehmen, die in der Technologieentwicklung tätig sind, sich also mit Zukunftsthemen wie Elektromobilität, Kommunikation im Auto und autonomes Fahren beschäftigen. Aber natürlich ist der Wandel in der Branche eine Herausforderung, die wir meistern müssen.

Die gesamtwirtschaftliche Lage trübt sich ein. Rächt sich nun die hohe Exportquote der Regensburger Unternehmen?

Die Delle trifft uns stark. Aber man muss auch sehen, dass wir von der hohen Exportquote immer profitiert haben. Die Regensburger Unternehmen sind innovativ, ihre Produkte am Weltmarkt gefragt. Die Delle schmerzt, aber ich bin überzeugt, in einer globalisierten Welt auf Export zu setzen, ist richtig. Wir können und müssen mit unseren Produkten dazu beitragen, Wohlstand unter Beachtung der Nachhaltigkeit in andere Länder und zu den Menschen zu bringen.

„Damit die Menschen Veränderungen annehmen,ist es wichtig, viel zu erklären und die Chancen von Veränderungsprozessen zu betonen.“

Dieter Daminger

Was würden Sie als die größte Herausforderung Ihrer Amtszeit bezeichnen?

Das ist sicherlich der Umgang mit dem permanenten Strukturwandel, dessen Zyklen immer kürzer werden. Oberste Maxime muss es immer sein, sich nie auf dem Erreichten auszuruhen, nie selbstzufrieden zu werden, sondern Entwicklungen zu antizipieren, um Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen. In Regensburg werden rund 14000 Personen pro Jahr arbeitslos. Es ist uns aber gelungen, durch Neugründungen, Ansiedlungen und insbesondere durch das Wachstum von bestehenden Unternehmen diesem Personenkreis neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten. Solche Veränderungen sind eine große Herausforderung, aber eine, die sich immer wieder neu stellt. Wir brauchen Wachstum, um den Wohlstand zu erhalten.

Eine IAB-Studie stellt für unsere Region ein hohes Substituierbarkeitspotenzial von Arbeitsplätzen in fast allen Berufen durch die Digitalisierung fest. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?

Theoretisch sind wir wegen des hohen Anteils an Produktion stark betroffen. Aber wir stellen uns dieser Herausforderung, indem wir Schlüsseltechnologien wie Industrie 4.0 oder künstliche Intelligenz vorantreiben. Entscheidende Partner sind dabei die Universität und die OTH. Wie bei vorangegangenen Wandlungsprozessen fallen zwar Arbeitsplätze weg, aber es werden auch neue entstehen. Das Thema Qualifikation spielt dabei eine zentrale Rolle. Aber gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir Arbeitsplätze für alle Qualifikationsebenen vorhalten.

Als Erfolgsfaktor hat sich die maßgeblich von Ihnen initiierte Clusterpolitik erwiesen. Wie kam es zu der Strategie?

Das hängt mit unserer Internationalisierungsstrategie zusammen, mit der wir in den 1990er-Jahren die Stadt als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort bekannt machen wollten. Auf Firmenbesuchen wurden wir mit dem Thema Cluster konfrontiert und erkannten, dass sie ein wichtiger Standortfaktor sind. Mit dem Lehrstuhl für Regionalökonomie der Universität Regensburg bauten wir im Jahr 2000 das „Cluster-orientierte Regionale Informations-System“ auf, eine neue Art der Darstellung von industriellen Netzwerken in einer Region. Eine Ausschreibung des Bundeswirtschaftsministeriums zur Förderung der Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft war ein weiterer großer Schritt in Richtung Clusterpolitik. Wir bewarben uns erfolgreich mit dem Thema Sensorik. Weiteres Potenzial erkannten wir in der Biotechnologie, da es einschlägige Lehrstühle und Firmen gab. Der Biopark wurde gebaut, die Biopark Regensburg GmbH gegründet. Das war eine mutige Investitionsentscheidung mit ungewissem Ausgang.

Wie hat sich das Innovationszentrum Techbase bewährt?

Das Modell ist ein Renner geworden, ein echter Netzwerkort, an dem Gründer mit Global Playern kooperieren und Hochschulen und Wirtschaft an gemeinsamen Projekten arbeiten. Die Nachbarschaft durch die Campuslage trägt wesentlich zum Erfolg bei. Und auch an diesem Standort begann alles mit einer mutigen Entscheidung von Menschen mit Gestaltungswillen.

Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Handlungsfelder der Wirtschaftspolitik in den nächsten Jahren?

Die Herausforderungen werden nicht weniger, der Veränderungsdruck wird weiter zunehmen. Damit die Menschen Veränderungen annehmen, ist es wichtig, viel zu erklären und die Chancen von Veränderungsprozessen zu betonen. Genauso wichtig ist es, die Gemeinsamkeit der handelnden Akteure zu erhalten. Auch das ist eine dauerhafte Kommunikationsaufgabe.

Wie blicken Sie auf Ihren nahenden Ruhestand? Verraten Sie uns Ihre Pläne?

Ich habe die Entscheidung sehr bewusst getroffen. Deshalb bin ich einigermaßen gelassen. Ich hatte eine wunderschöne Zeit, tolle Mitarbeiter und Weggefährten. Eine gemeinsame Basis mit Menschen zu erzeugen – das scheint mir ein wesentlicher Erfolgsfaktor zu sein. Mir ging es immer auch darum, Kirchturmdenken aufzubrechen, denn regionale Wirtschaftspolitik darf nicht in Verwaltungsgrenzen verharren. Ich denke, das ist mir auch gelungen. Nun ist es aber an der Zeit, Verantwortung abzugeben. Ich möchte mir ein halbes Jahr Zeit nehmen, um einfach mal herunterzukommen. Ich freue mich darauf, viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Und wir haben einen großen Freundeskreis, den ich gern pflegen möchte.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung: Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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