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Wirtschaft
Dienstag, 18. September 2018 28° 1

Interview

Aus der Historie für die Zukunft lernen

Gerhard Witzany, Präsident der IHK Regensburg, ordnet das Thema „175 Jahre IHK“ für die regionale Wirtschaft ein.
Von Gerd Otto, Wirtschaftszeitung

IHK-Präsident Gerhard Witzany Foto. Attila Henning
IHK-Präsident Gerhard Witzany Foto. Attila Henning

Regensburg.Als der bayerische König Ludwig I. 1843 sechs Handelskammern genehmigte, tat er dies nicht unbedingt aus seiner eigenen Überzeugung heraus. Ein erstarktes Bürgertum, insbesondere Kaufleute und Fabrikbesitzer, wollte mehr Einfluss ausüben. Herr Witzany, an welche historischen Ereignisse und Epochen würden Sie in diesem Zusammenhang noch erinnern?

Gerhard Witzany: Das erste Ereignis, das mir dazu einfällt, ist mit der IHK Regensburg verbunden: 1811 schlossen sich die Krämer der Stadt, heute würden wir sie als Händler bezeichnen, zur Kramerinnung zusammen. Auch damals ging es darum, der eigenen Stimme in der Stadtgesellschaft und ihren Gruppen Gehör zu verschaffen. Gemeinsam seine Interessen zu vertreten, war immer ein zentrales Motiv, wenn sich Menschen zusammenschlossen. Dass den Herrschenden das nicht immer gefällt, kann man gut an der Geschichte der Kammern im Nationalsozialismus sehen. Diktaturen wollen diese Einmischung nicht, deshalb wurden die Kammern schnell nach Hitlers Machtergreifung gleichgeschaltet. Die unabhängigen Unternehmer in Vollversammlung und Präsidium mussten gehen und wurden durch linientreue ersetzt.

Und heute? Welche gesellschaftspolitische Rolle fällt den auf ihre Unabhängigkeit so stolzen Kammern zu?

Die Rolle der Kammern ist und bleibt die Vertretung der unternehmerischen Interessen, im Gegensatz zu Verbänden jedoch mit einer Besonderheit: Die IHKs vertreten nicht die Einzelinteressen einer Gruppe. Die Vollversammlung, das alle fünf Jahre gewählte Parlament der regionalen Wirtschaft, bündelt die Interessen der verschiedenen Branchen und Regionen, gleicht sie aus und wägt sie ab. Das Resultat ist das Gesamtinteresse der Unternehmen. Gerade das schätzt die Politik an den IHKs. Sie muss sich nicht mit den Einzelinteressen herumschlagen und selbst abwägen, wie die Argumente zu gewichten sind. Diesen Prozess erledigt die IHK in gewissem Sinne als Dienstleistung für die Politik. Das ist auch so im IHK-Gesetz als wesentliche Aufgabe der IHKs definiert.

Worauf kommt es künftig bei der Interessenvertretung der Wirtschaft an?

Aus der Geschichte lernen wir, dass wir nach vorne blicken, Themen aufgreifen und, wenn wir sie als richtig erkannt haben, hartnäckig verfolgen müssen. Es dauert oft lang, bis Probleme oder Chancen bei der Politik ankommen und Entscheidungen gefällt werden. Auch die Umsetzung birgt häufig Hürden und Fallstricke. Mit Zähigkeit und Ausdauer lässt sich dann aber doch etwas bewegen. Das beweisen einige Infrastrukturprojekte, die jetzt realisiert oder zumindest begonnen wurden. Denken Sie an die Fertigstellung der A6 nach Pilsen vor wenigen Jahren oder die direkte Schienenverbindung zum Flughafen München. All dies hat viele Jahre an Gesprächen, Briefen und Diskussionen gekostet. Dasselbe gilt für den sechsspurigen Ausbau der A3, der jetzt endlich losgeht, oder für die Schienenverbindung nach Prag und die Elektrifizierung der Bahn nach Hof, die nicht nur für Ostbayern, sondern für Europa wichtige Verkehrsachsen sind.

Die richtige Balance zwischen Freihandel und Schutzzöllen hat dank der „America first“-Politik des amerikanischen Präsidenten an Aktualität gewonnen. Wie kann man sich als IHK im Interesse seiner Mitgliedsfirmen, deren Exportquote sich innerhalb von 30 Jahren auf 58 Prozent verdoppelt hat, auf diese Entwicklung einstellen?

So leid es uns tut, aber die IHK Regensburg hat keinen direkten Einfluss auf die Entscheidungen von Donald Trump. Dennoch versuchen die IHKs mit ihrer Dachorganisation, dem DIHK in Berlin, und Brüssel die Folgen solcher protektionistischen Maßnahmen der Politik deutlich zu machen. Bei einem Handelskrieg werden sich alle schlechter stellen, keiner kann auf Kosten anderer dauerhaft einen Vorteil erzielen. Darüber hinaus setzt sich die IHK für Freihandelsabkommen ein. Das in Europa und den USA öffentlich geschmähte TTIP-Abkommen hätte die Zölle auch für die USA gesenkt und den Handel zwischen den Partnern fairer gemacht, wie Trump es immer wieder fordert. Natürlich gibt es Ungleichgewichte im Handel zwischen den USA und Europa, genauso wie mit China. Verhandlungen darüber sind komplex, politisch sensibel und häufig nicht einfach zu erklären. Aber sie sind der beste Weg, um gemeinsam zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen, von dem alle im gleichen Maß profitieren.

„Es gibt wirklich vieles, worum mich die restlichen 78 IHK-Präsidenten beneiden können.“

Gerhard Witzany

Was heißt das konkret für die Unternehmen in der Region?

Ganz konkret empfehlen wir unseren Unternehmen, in verschiedenen Auslandsmärkten aktiv zu sein. Schwierigkeiten in einer Region können sie dann durch andere Handelsbeziehungen ausgleichen. Dabei helfen wir ihnen ganz praktisch durch Informationen, Beratungen und unser Netzwerk von Außenhandelskammern an 130 Standorten in 90 Ländern.

Fachkräftemangel ist das Thema unserer Tage. Was kann die Kammer, für die Aus- und Weiterbildung stets sehr wichtig waren, zur Beseitigung dieses Defizits beitragen?

Sie haben es schon genannt. Aus- und Weiterbildung sind die wichtigsten Instrumente jedes Unternehmens, um Fachkräfte zu gewinnen. Wir müssen die Potenziale, die bereits vorhanden sind, noch besser nutzen. Das bedeutet konkret, Menschen zu helfen, ihre eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Dazu ist nichts besser geeignet als eine solide duale Ausbildung und stetes Weiterlernen und Qualifizieren. Das Tolle an unserem Bildungssystem ist ja, dass alle Wege offenstehen. Mit Ausbildung und Weiterbildung sind Abschlüsse möglich, die auf dem gleichen Niveau wie ein Bachelor- oder Masterabschluss stehen.

„Niemand war schon immer hier“ lautet die gern zitierte Erkenntnis etwa der einstigen Flüchtlingsgemeinde und inzwischen erfolgreichen Industriestadt Neutraubling. Sind die Erfahrungen aus den Jahren nach 1945, die uns einen Wohlstand bescherten, wie ihn Bayern nie erlebt hat, für die Herausforderungen der Migration heute verwertbar?

Natürlich sind die Erfahrungen verwertbar, auch wenn sie nicht eins zu eins übertragbar sind. Damals kamen viele Menschen zu uns, die hochqualifiziert waren und ganz von Neuem anfangen mussten. Sie waren hochmotiviert, wollten etwas erreichen, sich integrieren und etwas Neues schaffen. Solche Menschen gibt es auch jetzt und die müssen wir zu uns nach Deutschland holen. Deswegen setzen sich die IHKs für eine qualifizierte Einwanderung ein.

Anlässlich des 175-jährigen Jubiläums Ihrer Kammer fand die Vollversammlung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags in Regensburg statt. Gab es etwas, worum Sie als IHK-Präsident von Kollegen aus anderen Regionen beneidet wurden?

Ich empfinde es als ein Privileg, in einer der schönsten und lebenswertesten Regionen Deutschlands zu leben und zu arbeiten, die gleichzeitig zu den dynamischsten Wirtschaftsstandorten gehört. Dann auch noch Präsident einer IHK zu sein, die hervorragend aufgestellt ist und deren Mitarbeiter sich aktiv in die Region einbringen – es gibt wirklich vieles, worum mich die restlichen 78 IHK-Präsidenten beneiden können.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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