MyMz
Anzeige

Krankenstand

Beschäftigte fallen länger aus

Die Zahl der Krankentage in den Unternehmen steigt langsam, aber stetig. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Seit circa zehn Jahren nehmen krankheitsbedingte Fehlzeiten zu. Foto: Marco 2811 - adobe.stock.com
Seit circa zehn Jahren nehmen krankheitsbedingte Fehlzeiten zu. Foto: Marco 2811 - adobe.stock.com

Bonn.Zweieinhalb Wochen fehlte 2016 jeder Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich im Job. Das geht aus der Anfang 2018 veröffentlichten Analyse des Informationsdienstes des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (iwd) hervor. Der Trend steigender Fehlzeiten ist seit 2007 ungebrochen und scheint sich – regional unterschiedlich ausgeprägt – weiter fortzusetzen. Bayern weist nach Hamburg und Baden-Württemberg die geringsten Fehlzeiten auf. In Sachsen-Anhalt sind beispielsweise die Mitarbeiter im Schnitt sieben Tage länger krank als in Bayern. Warum das so ist, lässt sich laut iwd-Bericht nicht eindeutig sagen.

Die allgemeine Tendenz steigender Fehlzeiten habe viele Gründe, sagt Friederike Stratmann, Präventionsexpertin der Techniker Krankenkasse in Regensburg: So sind die Belegschaften in den Unternehmen heute durchschnittlich älter – und ältere Arbeitnehmer sind zwar nicht öfter, aber durchschnittlich länger krank. Auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt beeinflusst die Fehlzeiten: So habe die ab etwa 2008 einsetzende Entspannung auf dem Arbeitsmarkt dazu geführt, dass die Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes geringer geworden ist und Beschäftigte eher zu Hause bleiben, wenn sie krank sind. „In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit hingegen verzichten viele Arbeitnehmer aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes auf notwendige Krankmeldungen“, sagt Stratmann.

Betriebliche Selektionsprozesse

Der Fachkräftemangel verschiebt die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt weiter in Richtung der Beschäftigten – auch das erhöht die Bereitschaft, sich krankschreiben zu lassen. Das Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen führt als weiteren Grund an, dass Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels vermehrt auch Ältere und gesundheitlich Beeinträchtigte einstellen. Gilt es hingegen, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, Personal abzubauen, so kommt es zu „betrieblichen Selektionsprozessen“: Unternehmen versuchen, sich von weniger leistungsfähigen, häufig kranken Beschäftigten zu trennen beziehungsweise sich bei Neueinstellungen auf jüngere Mitarbeiter zu konzentrieren. Die Belegschaft wird „gesünder“.

Auf den Zusammenhang zwischen dem Krankenstand und dem Alter der Beschäftigten weist auch Dr. Jochen Pimpertz, Leiter Kompetenzfeld Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), hin: „Mit einer im Durchschnitt älteren Belegschaft steigen die Ausfallzeiten, denn die Genesung der mit zunehmendem Lebensalter typischerweise schwerwiegenderen Erkrankungen dauert entsprechend länger.“ Während der Krankenstand betriebswirtschaftlich schnell zu einem Problem werden könne, sei die Bewertung des Trends steigender Fehlzeiten aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht eindeutig. Denn der Krankenstand steige zwar seit zehn Jahren, sei aber zuvor von einem deutlich höheren Niveau kommend gesunken. Derzeit lägen die Zahlen immer noch erheblich unter dem Level Anfang der 90er-Jahre. „Der Trend ist durchaus ambivalent zu bewerten. Denn mit der wachsenden Zahl älterer Arbeitnehmer gehen grundsätzlich wünschenswerte Wohlfahrtseffekte einher“, so der Volkswirt.

Die Kosten steigender Fehlzeiten sind allerdings immens: So mussten laut iwd-Bericht die Unternehmen 2017 schätzungsweise 53 Milliarden Euro an Gehältern für kranke Mitarbeiter zahlen – im Jahr 2006 waren es „nur“ gut 25 Milliarden Euro. Dieser Vergleich muss jedoch relativiert werden: In Deutschland arbeiten heute mehr Menschen als je zuvor und sie beziehen im Schnitt höhere Gehälter. Doch welche Krankheiten sind es, unter denen die Beschäftigten vor allem leiden? Wie schon seit vielen Jahren führen Muskel- und Skeletterkrankungen die Rangliste an, gefolgt von den seelischen Leiden. Letztere nehmen rapide zu: Laut Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse schnellten die Fehlzeiten unter der Diagnose „psychische Störungen“ von 2000 bis 2015 um 90 Prozent nach oben. Der Rückschluss, Arbeitsverdichtung und zunehmender Wettbewerbsdruck machten krank, liegt nahe – greift jedoch nach Ansicht von Pimpertz als einzige Ursache zu kurz: „Studien machen deutlich, dass ein Arbeitsplatz zunächst einen positiven Einfluss auf das Seelenleben hat – ist damit doch nicht nur existenzielle Sicherheit verbunden, sondern auch soziale Anerkennung und Integration.“

„Emotionsarbeit“ belastet

Eine Schlüsselrolle bei den Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen spielen Experten zufolge die Unternehmenskultur und die sich verändernde Arbeitswelt mit ihren flexibleren Beschäftigungsformen und ihren wissensintensiveren und mehr Eigeninitiative erfordernden Tätigkeiten. Aber auch eine bestimmte Branche oder vielmehr eine spezifische Anforderung in Berufen dieser Branche steht unter dem Verdacht, besonders belastend für die Psyche zu sein – die „Emotionsarbeit“ in den Berufen der Dienstleistungsbranche. Wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in einer Studie von 2016 festgestellt hat, ist es dabei vor allem das Vortäuschen von Gefühlen, das psychisch krank machen kann – vor allem der Zwang, immer freundlich zu sein.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

Lesen Sie zu diesem Thema auch Moderne Arbeitswelt belastet Psyche.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht