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Interview

Bioökonomie schafft neue Märkte

Dr. Nicole de Boer, Managerin des Clusters Neue Werkstoffe der Bayern Innovativ, spricht über das Potenzial der Bioökonomie.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Dr. Nicole de Boer (Foto: Uwe Niklas - gute Fotografie)
Dr. Nicole de Boer (Foto: Uwe Niklas - gute Fotografie)

Nürnberg.Frau Dr. de Boer, wie wird die biologische Transformation Wertschöpfungsketten beeinflussen?

Dr. Nicole de Boer: Wenn sich Werkstoffe ändern, ist es möglich, dass der Produktionsprozess angepasst werden muss – und umgekehrt, wie das Beispiel der additiven Fertigung zeigt. Für diese Technologie müssen häufig erst passende Materialien gefunden oder gar entwickelt werden. Die biologische Transformation wird außerdem dafür sorgen, dass viele Produkte in Zukunft aus nachhaltigeren Materialien gefertigt werden, Biopolymere werden vermutlich vermehrt zum Einsatz kommen – und dies wird sicher auch einen Einfluss auf Wertschöpfungsketten haben. Wenn beispielsweise nachwachsende Rohstoffe eingesetzt werden, müssen zum Teil ganz neue Verfahren entwickelt werden. Statt chemischer Synthesen werden dann Enzyme oder Mikroorganismen eingesetzt, die die Grundchemikalien herstellen.

Welches Potenzial bietet dieser Wandel für die regionale Wirtschaft?

Nicht zuletzt für Ostbayern lassen sich große Potenziale heben. Dazu ist es wichtig, über den Tellerrand zu blicken und sich mit Unternehmen aus anderen Branchen zu vernetzen. Ein grundlegender Pfeiler sind zudem die nachwachsenden Rohstoffe, das heißt, für die Landwirtschaft finden sich ganz neue Märkte und Kunden für Rohstoffpflanzen. Niederbayern ist landwirtschaftlich geprägt und hat diese Potenziale bereits erkannt. Ganz allgemein können insbesondere kleine Unternehmen profitieren, wenn sie innovative Produkte auf Basis nachwachsender Rohstoffe oder neue Technologien entwickeln.

Wie ist die Verbindung zwischen digitaler und biologischer Transformation?

Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden einen erheblichen Einfluss auf die biologische Transformation haben. Beispielsweise kann künstliche Intelligenz Innovationen in meinem Spezialgebiet, den Materialwissenschaften, erheblich beschleunigen. Denn die Methoden und Experimente sind in dieser Disziplin aufwendig, innovative Werkstoffe werden häufig nur per Zufall entdeckt. Datenbanken mit selbstlernenden Algorithmen werden diese Prozesse erheblich effizienter gestalten.

Im Zusammenhang mit der biologischen Transformation wird immer wieder die Forderung nach einer Kreislaufwirtschaft laut. Inwiefern hängen diese beiden Konzepte zusammen?

Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft werden von vielen Institutionen bereits zusammen gedacht. Man spricht auch von einer Circular Bioeconomy. Das grundlegende Konzept dahinter ist, dass auch hier keine fossilen Ressourcen eingesetzt werden, sondern die Rohstoffe erneuerbar beziehungsweise nachwachsend sind. Die daraus hergestellten Produkte sollen möglichst lange genutzt werden und erst am Ende eines langen Kreislaufs als „technisches Material“ in ein „biologisches“ überführt werden.

Sind eigentlich Produkte, die im Kontext der biologischen Transformation entstehen, per se nachhaltig?

Produkte im Kontext der Bioökonomie sollten ökologisch nachhaltiger sein. Das Ziel ist, keine fossilen Rohstoffe einzusetzen, CO-Emissionen weitgehend zu reduzieren und möglichst energieschonend zu arbeiten. Aber es wird immer Energie für einen Produktionsprozess notwendig sein. In diesem Zusammenhang muss man auf ein häufiges Missverständnis hinweisen – biobasiert und bioabbaubar ist nicht dasselbe. Biobasiert bedeutet, dass etwas aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wurde. Das kann, muss aber nicht bioabbaubar sein. Und bioabbaubare Plastiktüten sind nicht zwangsläufig nachhaltig, denn die Abbaubarkeit ist limitiert durch die Umgebungsbedingungen. So kann eine bioabbaubare Tüte im Heimkompost oder im Wald nicht verrotten, weil die Temperatur beziehungsweise die Feuchtigkeit nicht passt oder die Mikroorganismen fehlen. In der industriellen Kompostieranlage wäre das gegeben. Nicht für jedes Produkt ist also Bioabbaubarkeit überhaupt sinnvoll. Besser wäre es, geeignete Recyclingpfade zu entwickeln.

Lesen Sie zum diesem Thema auch: Weg zur postfossilen Gesellschaft

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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