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Technologie

Blockchain: Das „nächste große Ding“?

Die Technologie hinter dem Bitcoin macht Mittelsmänner überflüssig und verspricht totale Nachvollziehbarkeit.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Wie die Glieder in einer Kette, hängen auch die in „Blöcken“ gespeicherten Transaktionen in der Blockchain aneinander. Foto: Sashkin - stock.adobe.com
Wie die Glieder in einer Kette, hängen auch die in „Blöcken“ gespeicherten Transaktionen in der Blockchain aneinander. Foto: Sashkin - stock.adobe.com

Regensburg.Autos, die sich selbst vermieten, Staaten ohne Banken, Finanzdienstleistungen für Millionen von Menschen, die kein Bankkonto haben, und Musiker, die besser von ihrer Musik leben können – die Blockchain könnte die Welt umkrempeln. Eine wachsende Anzahl von Experten und Unternehmen glaubt an ihr gewaltiges Potenzial und selbst Kritiker räumen ein, dass die Technologie viel mehr kann, als nur das Fundament einer Kryptowährung zu bilden.

Technisch gesehen ist die Blockchain eine dezentral geführte Datenbank, in der jede Transaktion so abgespeichert wird, dass sie jeder sehen, aber niemand manipulieren kann. In einer solchen „Blockkette“ können alle möglichen Transaktionen wie Geldüberweisungen, Heiratsurkunden oder Grundbesitzverhältnisse aufgeführt und gespeichert werden. Alle können nachverfolgen und verifizieren, welche Transaktionen zu welchem Zeitpunkt vorgenommen wurden. Eine zentrale Kontrollstelle, ein „Man in the Middle“, ist in einer Blockchain überflüssig. Die Transaktionsdaten werden in den namensgebenden „Blöcken“ protokolliert und auf jeden Computer kopiert, der die Technologie anwendet.

Unternehmen prüfen Blockchain-Einsatz

Laut der Yougov-Studie „Potenzialanalyse Blockchain“ prüft fast die Hälfte der befragten Unternehmen aus den Bereichen Banken, Versicherungen, Finanzdienstleister, Energieversorger, Automotive, verarbeitendes Gewerbe, Telekommunikation, Medien und öffentliche Verwaltung ihren Einsatz, 21 Prozent arbeiten schon an Prototypen. Die Mitte 2017 durchgeführte Expertenbefragung der ibi research an der Universität Regensburg GmbH zeichnet ein ähnliches Bild: Demnach beschäftigen sich 63 Prozent der Unternehmen mit der Blockchain, neun von zehn Befragten sind der Ansicht, dass ihr in der nächsten Dekade eine wichtige Rolle zukommen wird. Disruptives Potenzial wird ihr allerdings kaum zugetraut.

Laut Prof. Dr. Hans-Gert Penzel, Geschäftsführer von ibi research und ehemaliger EZB-Generaldirektor, kristallisieren sich jenseits des Hypes allmählich differenzierte Ansichten über die Blockchain und ihre möglichen Einsatzgebiete heraus. „Eingesetzt werden kann sie zum Beispiel für Wertpapiergeschäfte oder die Versandverfolgung. Für den Massenzahlungsverkehr hingegen ist sie nicht geeignet, dafür bietet sie nicht die nötige Performance und ist viel zu teuer“, sagt Penzel. In erster Linie sei es das Aussparen des „Man in the Middle“, das die Blockchain zu einer hochinteressanten Technologie mache.

Auch die Fraunhofer-Gesellschaft sieht ihrem 2017 veröffentlichten Positionspapier zufolge in der Ablösung des Vertrauens in einen Dritten durch das Vertrauen in ein Kollektiv, eine Technologie und in die Kryptografie eine der Grundlagen für das Interesse an der Blockchain. Die Forscher haben drei weitere vielversprechende Eigenschaften ausgemacht: So begründet die Blockchain ein „Internet der Werte“, das heißt, Werte können eindeutig und dauerhaft von einem Nutzer auf den anderen transferiert werden. Sie ermöglicht außerdem „Smart Contracts“, also intelligente Verträge, die sich selbst ausführen, indem ihr Abschluss automatisch und dezentral eine komplette Prozesskette in Gang setzt – bis zur Bezahlfunktion, die ebenfalls im Vertrag eingebaut ist. Smart Contracts eröffnen ein riesiges Anwendungsspektrum von der Logistik über den Handel bis hin zum Internet der Dinge, in dem intelligente Gegenstände ihre Nutzung selbstständig verhandeln und abrechnen könnten. Die vierte wichtige Eigenschaft der Blockchain ist es, Transaktionen im Netzwerk sichtbar, nachvollziehbar, irreversibel und manipulationssicher zu machen.

„Bitnation“ baut virtuellen Staat auf

Doch noch müssen zahlreiche Hürden überwunden werden, um das Potenzial der Blockchain nutzen zu können. Penzel sieht vor allem in Performance- und Kostenproblemen, offenen juristischen und vertragsrechtlichen Fragen sowie in der mangelnden Anwenderakzeptanz Gründe, die dem Einsatz entgegenstehen. Ein gewisses Potenzial sieht er in geschlossenen Blockchains für spezifische Anwendungen und einen begrenzten Nutzerkreis. Eine geschlossene Blockchain kann beispielsweise von Behörden genutzt werden, um ihre Aufgaben und Prozesse zu vereinfachen. Ein ambitioniertes Governance-Projekt wurde 2014 ins Leben gerufen: Das Start-up Bitnation startete damit, einen „Kryptostaat“ aufzubauen, dessen Verwaltungsakte und Regierungsleistungen via Blockchain abgewickelt werden. Aber auch reale Staaten befassen sich intensiv mit der Technologie, bereits im Einsatz ist sie in Estland, Europas Vorzeigestaat in Sachen Digitalisierung. Die estnische Regierung hat ihr auf einer digitalen ID-Karte beruhendes System auf die Blockchain umgestellt – und kooperiert für ihr „E-Residency-Programm“ inzwischen sogar mit Bitnation: Das Programm ermöglicht es Personen aller Nationalitäten, virtuelle Bürger Estlands zu werden und staatliche Services nutzen zu können wie Ehen zu schließen oder Zeugnisse beglaubigen zu lassen. Bitnation und Estland bieten nun gemeinsam einen Blockchain-basierten Notardienst an.

Auch wenn Kritiker einwenden, ein Staat sei weit mehr als die Summe seiner Verwaltungsakte – die Beispiele aus dem Governance-Bereich machen deutlich, dass die Blockchain gesellschaftliche Sprengkraft haben könnte. Beinahe täglich erschließen sich neue Einsatzgebiete.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

Lesen Sie zu diesem Thema auch das Interview Auf dem Weg zur Blockchain-Gesellschaft

Anwendungsbeispiele

  • Internet der Dinge

  • Zu einer Schlüsseltechnologie könnte die Blockchain im „Internet der Dinge“ werden, das Geräte, Maschinen, Gebäude, Fahrzeuge und weitere Objekte über das Internet verbindet. Der Softwarehersteller SAP sieht großes Potenzial in der Blockchain-Technologie und hat eine Blockchain-Initiative ins Leben gerufen, der inzwischen 27 Partner aus unterschiedlichen Ländern und Branchen angehören. Ziel ist es, per Blockchain das Internet der Dinge, die Fertigung und die digitale Logistikkette zusammenzuführen. SAP selbst konzentriert sich auf fünf Einsatzszenarien. So entwickelt der Softwarehersteller beispielsweise eine Plattform für gemeinsame Fertigungsaufträge – die Blockchain soll die Herstellungsprozesse optimieren.

  • Intelligente Stromnetze

  • Die erneuerbaren Energien mit ihrer volatilen Einspeisung erfordern es, Erzeuger und Verbraucher aufeinander abzustimmen. Die Blockchain könnte diese neue Art des Energiehandels optimieren. Siemens testet gerade die Technologie für das „intelligente Stromnetz“. „Wenn es sich herausstellt, dass die Blockchain hinsichtlich Kosten, Sicherheit und Effizienz konventionellen Lösungen überlegen ist, dann ist das Potenzial riesig“, sagt Stefan Jessenberger, Innovation & Partner Manager bei Siemens. Fernziel sei es, mit einer auf der Blockchain und klassischen IT-Technologien basierenden Infrastruktur einen Beitrag zur Versorgungssicherheit und sogar zur Demokratisierung der Energieversorgung zu leisten.

  • Musikbranche

  • Seit 20 Jahren ringt die Musikbranche darum, Urheber adäquat zu vergüten. Rettung verspricht die Blockchain: Als riesige, geteilte Datenbank könnte sie Metadaten von Musikproduktionen zur Verfügung stellen, sodass schnell und effektiv festgestellt werden kann, wer an einem Song beteiligt war und dafür vergütet werden muss. Das Geld fließt ohne Umweg über Dritte von der Person, die einen Song kaufen will, in die Tasche – die „Bitcoin Wallet“ – derjenigen, die Anspruch auf das Geld haben, wie Interpret, Songwriter oder Produzent. Erste Anwendungen gibt es bereits, die Start-ups UJO Music, Peertracks oder Bittunes sind gerade dabei, den Musikkonsum auf Basis der Blockchain zu revolutionieren.

  • Humanitäre Hilfe

  • In einem Flüchtlingscamp mitten in der jordanischen Wüste bezahlen syrische Flüchtlinge ihre Lebensmittel über ein Blockchain-basiertes Kontensystem in Verbindung mit biometrischer Identifikation, einem Iris-Scan. Das Münchner Unternehmen Dotarella hat für die Vereinten Nationen (UN) in einem Pilotprojekt diese Lösung umgesetzt. „Ziel ist es, Kosten bei der Verteilung der UN-Finanzhilfen zu sparen. Dies ist gelungen: Laut UN werden durch das System Building Blocks im Camp jährlich über 3,6 Millionen US-Dollar gespart“, sagt Dotarella-Geschäftsführer Michael Reuter. Das auf der Blockchain beruhende System könne Grundlage für eine signifikante Effizienzsteigerung des gesamten humanitären Sektors sein.

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