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Wirtschaft

Champions stehen auf Völkl

Im Straubinger Traditionsbetrieb treffen sich Handwerk und Industrie 4.0. Jedes Jahr werden 2000 Ski-Prototypen entwickelt.
Von Marianne Sperb

Ein langjähriger Mitarbeiter bei letzten Fertigungsschritten an einem Racetiger bei Völkl Straubing, einer der modernsten Skifabriken der WeltFoto: Marc Müller
Ein langjähriger Mitarbeiter bei letzten Fertigungsschritten an einem Racetiger bei Völkl Straubing, einer der modernsten Skifabriken der WeltFoto: Marc Müller

Straubing. Die Tigerstreifen machten Furore. Völkl, grundsolider Skibauer aus Straubing, überraschte 1967 mit einem revolutionären Design. Die Branche reagierte auf den Tiger-Ski mit Spott, die Kunden liebten ihn. „Der Renntiger war ein Riesenknaller und katapultierte Völkl nach oben“, sagt Helmut Jakoby, Technischer Leiter von Völkl Sports in Straubing. Heute behauptet das Traditionsunternehmen aus dem Gäuboden einen internationalen Spitzenplatz. Völkl spielt auf dem Weltmarkt ganz vorn mit und ist in einigen Ländern sogar Marktführer.

Das Unternehmen kommuniziert keine konkreten Zahlen. Nach unbestätigten Angaben dürften an die 450 000 Paar Ski das Werk in Straubing im Jahr verlassen. Jedes der schnellen „Brettln“ ist ein hochkomplexes Produkt, manche werden in mehr als 100 Arbeitsschritten geklebt oder geschäumt, geschliffen und poliert.

Die Stars stehen auf Völkl

Rund 2000 Prototypen entwickeln die Ingenieure, Designer, Grafiker, Forscher und Facharbeiter – jedes Jahr, für unterschiedlichste Typen von Skifahrern: Racer, Carver, Freerider oder Rocker, für Wintersportler, die das fehlerverzeihende Modell suchen, das gut performt, für die Tourengeher, die Allrounder oder für die Cracks, die auf Highspeed und Rekorde aus sind.

Helmut Jakoby, Technischer Leiter bei Völkl in Straubing, mit dem Racetiger. Der Renntiger machte 1967 Furore. Foto: Sperb
Helmut Jakoby, Technischer Leiter bei Völkl in Straubing, mit dem Racetiger. Der Renntiger machte 1967 Furore. Foto: Sperb

Große Namen sind mit den Straubingern verbunden. Rennläuferin Lena Dürr, Freeride-Weltmeisterin Nadine Wallner und Slopestyle-Weltcupsieger Andri Ragettli stehen auf Völkl. Frank Wörndl, Katja Seizinger, Martina Ertl, Christa Kinshofer, Hilde Gerg, Nicole Hosp...: Auf Völkl fuhren sie ihre großen Preise ein.

Das Werk produziert reinrassige Weltcup-Ski genauso wie Genussski. Nur ein Teil der vielen Prototypen schafft es in die Serienfertigung. Bei Computer-Simulationen kristallisieren sich die Favoriten für die Tests im Schnee heraus. Am Berg werden die künftigen „Erlkönige“ herausgefiltert, die das Zeug haben, es später ins Sortiment zu schaffen. Einer der Stars aktuell ist der V-Works Code: ultraleicht, drehfreudig wie ein Propeller, an den Seiten weniger als 1 Millimeter dünn. Mit 1100 Euro ist er derzeit das Teuerste, was man an Völkl-Ski kaufen kann.

Sperb

Bis zu 100 Arbeitsschritte für 1 Ski: Hier können Sie einen Blick in eine der modernsten Skifabriken der Welt werfen.

„Wenn Sie sämtliche Ski-Modelle einer Kollektion, in unterschiedlichen Typen, Größen, Farben, hier im Raum aufstellen würden: Was denken Sie, wie viele wären es?“, fragt Jakoby und schiebt die Antwort, auf die man sowieso nicht gekommen wäre, gleich nach: „Rund 700!“ Es gibt keinen guten oder schlechten Ski, sagt der 61-Jährige. „Es gibt nur den richtigen oder den falschen.“ Eine von Völkls Stärken ist der Verbund mit Marker und Dalbello, Hersteller von Premium-Bindungen und -Schuhen. Bretter, Bindung und Boots sind aufeinander abgestimmt. „Wir bieten das perfekte Set-up“, sagt Jakoby. „Darauf sind wir stolz.“

„Völkls Haltung hat die Mitarbeiter infiziert. Wir sind auch heute alle mit Leidenschaft dabei.“

Helmut Jakoby

Völkl ist das letzte Unternehmen, das Ski in großem Stil in Deutschland produziert. Die Wurzeln reichen bis 1884 zurück. Georg Völkl baute Kutschen, später Schlitten. Franz Völkl stieg 1923 auf Ski um. Die ersten Alpinski hießen „Vöstra“, für „Völkl Straubing“. Unter Franz Völkl jun., einem produktverliebten, detailbesessenen Tüftler, nahm das Unternehmen ab 1952 Fahrt auf. Das Portfolio wuchs. Völkl entwickelte erste Sandwich-Ski, experimentierte mit Materialien, probierte sich an Tennis-Rackets, Snowboards oder Golfschlägern aus. Was ihn trieb: jedes Jahr etwas Neues, Besseres zu schaffen, schildert Jakoby, der den früheren Chef noch gut kannte. „Seine Haltung hat die Mitarbeiter infiziert. Wir sind auch heute alle mit Leidenschaft dabei“, sagt der Ingenieur. Dazu ein Detail: Mehr als 90 Prozent ihrer Werkzeuge entwickeln und bauen die Straubinger selbst.

Auf der Erfolgsspur: Ski Völkl in Straubing

So entsteht ein Ski: Bilder aus dem Werk in Straubing

Die Gründerfamilie hat sich längst zurückgezogen, Völkl arbeitet heute als Tochter des Investmentkonzerns Kohlberg & Co. und wird aus Baar/Schweiz geführt. Das Unternehmen hatte wechselvolle Jahre. Inzwischen konzentriert man sich auf das Kerngeschäft, die Ski, und orientiert sich international. Diese Ausrichtung unter dem Dach der Mutter hat den Straubingern gutgetan. Sie ermöglichte am Hochlohn-Standort D die Investitionen für den Übergang vom Handwerksbetrieb zur modernen Fertigung und öffnete den weltweiten Markt. „Das macht uns wetterunabhängiger“, sagt Jakoby. „Wenn der Winter etwa in den Alpen ausfällt, können wir auf Japan, USA oder Skandinavien setzen.“

Die Serie: Unsere Champions

  • Die Serie:

    Groß, größer – oder sogar Weltmarktführer: In Niederbayern und der Oberpfalz gibt es viele Unternehmen, die in ihrem Bereich national und/oder international Champions sind oder in ihrer Nische Beeindruckendes herstellen. Die Mittelbayerische porträtiert die ostbayerischen Erfolgsträger.

  • Die Champions:

    Vom Mini-Hubschrauber bis zum Riesenhäcksler: Ostbayerns Unternehmen sind auf vielen Feldern fit. Sie produzieren smarte Geräte für den Alltag, liefern Gene auf Bestellung oder liefern Kult-Senf.Alle Serienteile lesen Sie hier.

Das Werk in Niederbayern mit rund 400 Mitarbeitern gehört zu den modernsten Skifabriken der Welt. Hier gehen Handarbeit und Industrie 4.0 zusammen. Von Hand legen Mitarbeiter Schicht für Schicht in die Form, in der die Ski später gebacken werden. Zwei Stationen weiter dagegen rattert und flüstert eine Armada von computergestützten Anlagen in einer beinahe menschenleeren Zone.

Blick in die Fertigung bei Völkl in Straubing Foto: Marc Müller
Blick in die Fertigung bei Völkl in Straubing Foto: Marc Müller

Knapp einen Zentimeter dünn ist ein Ski; im Inneren liegen bis zu 14 Schichten aus Hightech-Materialien übereinander: Titanal, Metall, Karbon, Laminate, Kevlar, Fieberglas oder Glasfaser kommen zum Einsatz. „Aber die Seele ist das Holz“, sagt Jakoby. Pappel, Esche, Buche: Je nachdem, wie leicht, sensibel oder schnell der Ski sein soll, wechseln die Holzarten. „Nichts gibt dem Fahrer so ein Feedback wie der Holzkern.“

Den Renntiger von 1967 gibt es übrigens immer noch. Heute heißt er Racetiger.

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