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Wirtschaft
Sonntag, 24. Juni 2018 18° 4

Wirtschaftsethik

Das Dilemma der Endlichkeit

Der Wirtschaftsethiker und Seelsorger Dr. Alfons Hämmerl spricht über Sinnsuche, Innovation und soziale Beschleunigung.
Von Laura-Maria Altendorfer, Wirtschaftszeitung

Der Theologe, Wirtschaftsethiker und Seelsorger an der Hochschule Landshut Dr. Alfons Hämmerl Foto: Alexey Testov/Hochschule Landshut
Der Theologe, Wirtschaftsethiker und Seelsorger an der Hochschule Landshut Dr. Alfons Hämmerl Foto: Alexey Testov/Hochschule Landshut

Landshut.Herr Dr. Hämmerl, Zeit ist heute eine kostbare Ressource. Wir betreiben Multitasking, den Kaffee genießen wir „to go“, wir treffen uns zum Speeddating und sogar die Schlafdauer hat sich in den letzten Jahrzehnten nachweislich verkürzt. Soll unser Leben wirklich immer schneller werden?

Dr. Alfons Hämmerl: Ich finde es extrem hilfreich, wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa dieses Immer-schneller-werden-Müssen, also die gesellschaftliche Beschleunigung, analysiert. Er identifiziert drei Ebenen: Die technische Beschleunigung, die des sozialen Wandels und die des Lebenstempos. Dabei lassen sich verschiedene Phänomene identifizieren. Beispielsweise ist es irrelevant, ob wir an einem Ort sind oder an einem anderen. Die Arbeit lässt sich auch von einem Homeoffice aus machen. Orte werden so zu „Nicht-Orten“. Die Beschleunigung hat auch Einfluss auf unsere Beziehungs- und Orientierungsmuster. Das heißt, wir ändern immer schneller Werte und Einstellungen. Menschen erleben öfter eine Berufsumorientierung in ihrem Leben. Trotz vieler Innovationen, die uns helfen sollen, Zeit zu sparen, wird diese immer knapper. Ein für jedermann zugängliches Beispiel hierfür ist die E-Mail, die entwickelt wurde, um Zeit zu sparen. Heute kostet es uns viel Zeit, die Flut an E-Mails zu bewältigen. Wir wollen in weniger Zeit immer mehr machen, haben Angst, abgehängt zu werden, nicht mehr mitzukommen.

Die Vorstellung, dass ohne Innovation nichts geht, ist dabei nichts, was mit dem Menschsein an sich verbunden ist, sondern hat sich historisch im Laufe der Zeit entwickelt. Wo liegen hier Motive?

Hartmut Rosa spricht von den „Motoren der Beschleunigung“. Zum einen der soziale Motor, der mit Individualität und Wettbewerb verknüpft ist. Jede Gesellschaftsform hat ihre eigenen Kriterien, wer beispielsweise welchen sozialen Status erhält oder wer welche Anerkennung. In der Vormoderne wurde das durch Abstammung geregelt: Der Beruf des Vaters wurde an den Sohn weitergegeben. Heute sagen wir: „Du selbst kannst aus deinem Leben etwas machen!“ Auf diese Weise werden Konkurrenz und Leistung zu den zentralen Kriterien für den sozialen Status. Der zweite Aspekt ist der kulturelle Motor, der im Kontext der Endlichkeitsbewältigung steht. Was heute zählt, ist das Leben vor dem Tod. Wir möchten ein erfülltes Leben haben. Das Dilemma dabei ist: Wir müssen unser Leben beschleunigen, damit wir alles auskosten können. Am besten sollte das Leben unendlich sein, aber weil das unmöglich ist, ist am Ende auch das längste und erfüllteste Leben zu kurz. Als dritten Motor nennt Hartmut Rosa den Beschleunigungszirkel. Dieser ist auf externe Motoren nicht mehr angewiesen – die Beschleunigung beschleunigt sich selbst, von innen heraus.

Sie sagen, das Versprechen der Moderne heißt Autonomie – doch dieses Versprechen sei gescheitert und habe die Entfremdung als Konsequenz. Was bedeutet das?

Die Analyse der Beschleunigungsgesellschaft ergibt, dass der Mensch in seinem Verhältnis zur Welt verändert wird. Rosa nennt typische Felder, auf denen das greifbar wird. Wir haben kein Verhältnis mehr zum Raum und keine Geschichten, die uns bestimmte Orte „erzählen“. Dies bedroht unsere Identitätsbildung, und die – leider auch sehr problematische – Renaissance des Heimatbegriffs ist ein Indiz dafür. Wir entfremden uns von den Dingen, die uns nichts mehr bedeuten, weil wir sie immer schneller auswechseln. Und obwohl wir immer mehr Möglichkeiten haben, können wir gleichzeitig das, was wir eigentlich tun wollen – und was uns wichtig wäre –, nicht mehr machen. Und auch beim Thema Zeit: Wer kann heute noch aus dem Kopf heraus sagen, ob er am kommenden Mittwoch Zeit hat? Im Zeitalter sozialer Netzwerke haben wir so viele soziale Kontakte wie noch nie, aber wir können sie nicht mehr wirklich realisieren. Wir entfremden uns dadurch von unseren Beziehungen und schließlich auch von uns selbst.

Wie müssen Innovationen aussehen, damit sie einer Gesellschaft Lösungen bieten?

Die Lösung könnte Resonanz heißen. Das heißt, wir werden lernen müssen, die Idee des Fortschritts nicht nur auf die Welt, sondern auch auf uns selbst anzuwenden. Wir müssen etwas Gemeinsames erzeugen und mit anderen, mit Dingen, mit der Welt vertraut werden. Das heißt im Klartext: Relativierung von Konkurrenz und Leistungsprinzip und eine andere Bewältigung des Endlichkeitsproblems. Wenn wir heute junge Leute anschauen, dann können wir zum Beispiel im beruflichen Bereich schon eine Umorientierung beziehungsweise einen Wertewandel erkennen. Für sie ist die sogenannte Work-Life-Balance wichtig, bei ihnen steht nicht mehr nur die Arbeit im Mittelpunkt. Wenn Innovationen geschaffen werden, dann müssen sich diese in einem resonanten Weltverhältnis bewegen.

•Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper. www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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