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Interview

Das Ende der Dummheit ist in Sicht

Zukunftsforscher Lars Thomsen ist überzeugt, dass die künstliche Intelligenz eine neue Ära einläuten wird.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Zukunftsforscher Lars Thomsen (Foto: future matters AG)
Zukunftsforscher Lars Thomsen (Foto: future matters AG)

Regensburg.Herr Thomsen, Sie sagen, dass mit dem Schlagwort „Digitalisierung“ nicht annähernd beschrieben werden kann, was in der nächsten Dekade passieren wird. Welche Entwicklung ist es dann, die die nächsten Jahre prägen wird?

Lars Thomsen: Die Digitalisierung ist ein Prozess, der sich bereits seit 30 Jahren vollzieht. Bislang war es so, dass die uns umgebenden Maschinen dumm waren. Die intelligente Leistung lag beim Menschen. In den nächsten sechs Jahren werden wir das Ende der Dummheit erleben, nämlich den Übergang vom Zeitalter der Digitalisierung ins Zeitalter der künstlichen Intelligenz, kurz KI. Das ist ein Wendepunkt. KI gibt Computern die Fähigkeit, zu lernen und Muster zu erkennen. Computer können uns dann sämtliche Routinen abnehmen, wie das Autofahren oder das Beantworten eines Großteils unserer Mails.

Wo steht Deutschland im Bereich der Künstlichen-Intelligenz-Entwicklung?

Deutschland ist sicher nicht abgehängt, in manchen Bereichen sogar führend. Die neuen Märkte zu erschließen, bedeutet aber eine dauerhaft hohe Anstrengung, vor allem, was die Qualifikation angeht. Künstliche Intelligenz wird gerade dem Mittelstand große Chancen eröffnen – durch günstigere Produktionsmöglichkeiten, aber auch in der wachsenden Robotikindustrie. Das Marktpotenzial der Robotik ist enorm, die Entwicklung fängt gerade erst an. Denn KI ist nötig, damit sich Roboter im Raum zurechtfinden. Es werden in den nächsten Jahren viele Serviceroboter auf den Markt kommen, beispielsweise für Haushalt und Pflege. Der Preis für diese intelligenten Maschinen wird stark sinken, es wird der Wendepunkt kommen, an dem die Nachfrage exponentiell steigt. In zehn Jahren werden wir einen humanoiden Haushaltsroboter für 20000 Euro kaufen können – oder ihn für 199 Euro im Monat leasen. Dieser steht uns 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche zur Verfügung.

Welche Tätigkeiten wird KI uns im Berufsleben abnehmen?

Es sind längst nicht mehr nur „Blue Collar Jobs“, die zum großen Teil von intelligenten Robotern übernommen werden können. Auch Tätigkeiten von Buchhaltern, Sachbearbeitern, Versicherungs- und Bankkaufleuten oder Rechtsanwälten werden betroffen sein. Nach den einfachen Routinen sind es die komplexen, die von einem KI-basierten System viel effizienter erledigt werden können, wie zum Beispiel das Aufsetzen eines Vertrags für eine GmbH-Gründung. Auf der anderen Seite ist es noch nicht abzuschätzen, welche Aufgaben neu entstehen – vielleicht in Bereichen, in denen Kreativität, Empathie und Hilfsbereitschaft gefragt sind. Weiterbildung wird unglaublich wichtig werden.

Der Einsatz von intelligenten Robotern wird komplette Wertschöpfungsketten verändern. Welche politischen und gesellschaftlichen Implikationen hat dies?

Damit alle von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz profitieren, müssen die Verteilmechanismen in der Gesellschaft neu ausgerichtet werden. Wird die Wertschöpfung zu einem großen Teil von Robotern geleistet, fehlen dem Staat die Sozialabgaben aus den Löhnen. Dafür muss es einen Ersatz geben – zum Beispiel in Form einer Roboter- oder Digitalsteuer. Aber die KI-Entwicklung wirft noch viele weitere Fragen auf. Letztendlich werden wir als Gesellschaft den Begriff „Arbeit“ neu definieren müssen.

„Das Bemessen von Arbeit in Zeit wird der Vergangenheit angehören, auch die Beschäftigungsverhältnisse werden sich verändern“.

Lars Thomsen, Zukunftsforscher und Gründer des Think Tanks „future matters“

Inwiefern?

Das Bemessen von Arbeit in Zeit wird der Vergangenheit angehören, auch die Beschäftigungsverhältnisse werden sich verändern. Große Innovationen haben auch in der Vergangenheit von der Gesellschaft stets verlangt, sich neu zu erfinden. An so einem Wendepunkt stehen wir auch heute. Ich bin optimistisch, dass die Neuerfindung gelingt. Denn schon immer haben Menschen danach gestrebt, das Leben durch Innovationen besser, einfacher und komfortabler zu machen.

Birgt KI nicht auch große Gefahren?

Die Gefahr, KI falsch zu nutzen, ist gegeben. So könnte beispielsweise jemand auf die Idee kommen, eine Roboterarmee aufzubauen. Wir brauchen deshalb staatliche Stellen, die regeln, was KI darf. KI ist ein mächtiges Instrument, das ebenso zerstörerisch wie fruchtbar eingesetzt werden kann. Sie hilft uns, Probleme zu lösen, die wir anderweitig nicht gelöst bekommen, wie zum Beispiel den Klimawandel, den wir als nicht unbedingt rational handelnde Wesen bisher nicht in den Griff bekommen haben. Eine Superintelligenz könnte als neutrale Instanz unter Einbeziehung aller Daten Lösungsvorschläge entwickeln.

Einer der Bereiche, die sich gerade fundamental verändern, ist die Mobilität. Welche Entwicklung zeichnet sich hier ab?

Die Antriebsart wird sich verändern, und zwar primär in Richtung Elektromobilität. Der zweite Megatrend ist das autonome Fahren in Verbindung mit Mobilität als Service. In zehn Jahren wird es in fast jeder Stadt autonome Flotten geben, deren Fahrzeuge per App bestellt werden können. Wesentlicher Treiber des autonomen Fahrens ist auch die KI, indem sie Fahrzeuge in die Lage versetzt, aus der Routine des Fahrers und der Umwelt zu lernen. Intelligente Systeme, beispielsweise Drohnen, werden auch die Warenlogistik verändern, indem sie Läger, aber auch Endverbraucher autonom mit Waren beliefern.

Wo sehen Sie noch Veränderungen auf uns zukommen?

In der Nahrungsmittelproduktion. Hier wird das „vertical Farming“, also die landwirtschaftliche Produktion in Hochhäusern des urbanen Raums, an Bedeutung gewinnen, und In-vitro-Fleisch, künstlich im Labor erzeugtes Fleisch, wird konventionell hergestelltes zunehmend ablösen. Auch die Medizin wird eine neue Dimension erreichen – einerseits mithilfe KI-basierter Diagnostik und andererseits mithilfe der noch jungen Methode Crispr Cas9 zur gezielten Veränderung von Erbgut. Als „Genschere“ kann diese Methode unter anderem eingesetzt werden, um ungewollte Sequenzen aus dem Genom herauszuschneiden und damit Erbkrankheiten zu heilen. Die Medizin der Zukunft wird aus drei Disziplinen bestehen – aus der Chirurgie, der chemischen Medizin und der „Reprogrammierung“.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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