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Gesellschaft

Das neue Geschäft mit der Einsamkeit

In Deutschland gibt es alleinstehende Senioren, die dafür Geld bezahlen, dass andere Menschen mit ihnen Freizeit verbringen.
Von Anna Ringle, dpa

Edith Henschel lässt sich beim Anziehen eines Mantels von ihrer Lebensbegleiterin Carola Braun helfen.
Edith Henschel lässt sich beim Anziehen eines Mantels von ihrer Lebensbegleiterin Carola Braun helfen. Foto: dpa

Berlin.Spazieren gehen, Kaffee trinken, Zuhören, – gegen Geld: Es gibt Menschen in Deutschland, die mit Rentnern Freizeit verbringen und dafür bezahlt werden. Zu den Kunden zählen alleinstehende Senioren, die in ihrem Alltag einen Ansprechpartner suchen. Solche Geschäftsmodelle sind Experten zufolge noch selten. Das Geschäft mit der Einsamkeit – wird sich daraus eine Marktnische entwickeln?

Edith Henschel sitzt in einem Sessel in ihrem Wohnzimmer in Berlin und blättert in einem Fotoalbum. Neben ihr hat Carola Braun Platz genommen. Die gelernte Krankenschwester kommt dreimal pro Woche zu der 87-Jährigen und erledigt hier alles, was anliegt: Kochen, Briefkasten leeren, Schriftverkehr, Putzen und Haare schneiden. Darüber hinaus verbringt sie Freizeit mit der älteren Dame, die auf einen Rollator angewiesen ist. Gemeinsam Kaffee trinken gehört dazu und der wöchentliche Gang über den Friedhof, wo Henschels Ehemann und ihre einzige Tochter begraben sind.

17,50 Euro Stundenlohn

„Ich gehe ja alleine nicht mehr raus“, sagt die Rentnerin. Für die gemeinsame Zeit nimmt Braun einen Stundenlohn von 17,50 Euro. Zwar kommt auch ein Pflegedienst zu Henschel – aber für alles, was darüber hinausgeht, ist Carola Braun zuständig.

Als vor Jahren kurz nach dem Tod ihrer Tochter auch ihr Mann starb, stand Edith Henschel völlig alleine da. Weil ihre Nichte in Mecklenburg-Vorpommern lebe und daher nicht so häufig kommen könne, habe diese nach einer Lösung gesucht, damit Henschel im Alltag Unterstützung bekommt. Im Internet sei sie auf das Geschäftsmodell von Braun und ihrer Firma SeniorenLebenshilfe gestoßen.

Lesen Sie hier einen Kommentar von Bernhard Fleischmann:

Kommentar

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Das Geschäftsmodell funktioniert über Franchising – mit Selbstständigen unter einer Dachmarke. Das Geschäftsführer-Ehepaar Braun erhält von den 35 „Lebenshelfern“, wie sie in der Firma genannt werden, eine monatliche Pauschale von 150 Euro – im Gegenzug kümmern sie sich um die Vermittlung von Senioren und geben Anzeigen auf. Die Umsätze steigen. Das Angebot der Firma gebe es auch in Potsdam oder Cottbus, ebenso in Baden-Württemberg, Bayern oder NRW.

Solche Geschäftsmodelle sind in Deutschland bislang selten. Ähnliche Firmenideen gibt es auch im Ausland. In Japan etwa existiert ein Beratungsservice der besonderen Art. „Miet-Onkel“ werden die Männer mittleren Alters genannt, die anderen für umgerechnet neun Euro pro Stunde ihr Ohr schenken – es geht zum Beispiel um Probleme auf der Arbeit oder Einsamkeit zu Hause.

Der Trend- und Zukunftsforscher Christian Rauch vom Zukunftsinstitut in Frankfurt geht von einer steigenden Nachfrage aus. Er beobachte, dass es eine „sichtbare Professionalisierung“ von Dienstleistungen im privaten Leben gegeben habe. Es bilde sich eine Serviceökonomie heraus, die sich privatwirtschaftlich organisiere.

Die Grenzen der Ehrenamtlichen

Familienverbünde funktionierten nicht mehr so wie vor Jahrzehnten, weil Kinder oder Enkel wegzögen. Dadurch entstehe für ältere Menschen der Bedarf nach Fürsorgeleistungen. Zugleich gebe es immer mehr Rentner, die länger lebten. Viele hätten den Anspruch, lange selbstverantwortlich und individuell zu leben, sagt Rauch. Auch junge Familien griffen auf Dienstleistungen von Firmen zurück.

Pflegebedürftigen zuhören, Vorlesen, Spaziergänge machen, Krankenhausbesuche – das sind Dienstleistungen, die traditionell Ehrenamtliche übernehmen. Nach Einschätzung von Professor Jörg Althammer vom Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist es zugleich für viele Engagierte schwieriger geworden, ehrenamtlich zu arbeiten. Weil die Erfordernisse in der Berufswelt gestiegen seien und daher schlichtweg Zeit fehle. Auf lange Sicht könnte es demnach für karitative Einrichtungen schwierig werden, dauerhaft eine stabile Angebotsstruktur am Leben zu erhalten, sagt der Wissenschaftler. Und genau in dieser Lücke hätten Dienstleistungs-Firmen eine Chance, sich zu etablieren.

Dass sich solche Firmenkonzepte wie die Berliner Seniorenhilfe deutschlandweit und sehr breitflächig am Markt durchsetzen werden, davon geht er zwar nicht aus. „Aber vor allem in Ballungsräumen und Großstädten haben solche Firmen gute Bedingungen, in ländlichen Regionen sind hingegen die Familienstrukturen noch stärker ausgeprägt“, sagt Althammer.

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