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Beschäftigung

Der drohende Verlust der Würde

Trotz eines regulären Jobs können viele Leiharbeiter in Deutschland nicht vom Lohn ihrer Arbeit leben.
Von Thorsten Retta

Die Reform des Arbeitsmarktes hat zu einer starken Zunahme der Leiharbeit geführt. Foto: Media: w>/dpa
Die Reform des Arbeitsmarktes hat zu einer starken Zunahme der Leiharbeit geführt. Foto: Media: w>/dpa

Ostbayern.Klaus W. (Name von der Redaktion geändert) weiß, dass Arbeit im Jobwunderland Deutschland hart sein kann. Nicht, weil ihn die körperlichen Strapazen seiner Tätigkeit an den Rand der Erschöpfung gebracht hätten. Der stämmige Mittvierziger sieht mit seinem Rauschebart und den Tattoos ohnehin nicht so aus, als ob das möglich wäre. Es sind vielmehr die fehlende Wertschätzung und das Gefühl, ein moderner Sklave zu sein, was ihm viel abverlangte.

Mehrere Jahre war W. bei einer Arbeitnehmerüberlassung angestellt. Die verlieh ihn als ungelernte Arbeitskraft erst für wenige Wochen an einen Kommunikationsdienstleister, später an einen Lebensmitteleinzelhändler in der Oberpfalz. Dort arbeitete W. bis zu 35 Stunden pro Woche im Schichtdienst. Vertraglich vereinbart waren 24,5 Stunden. Die restlichen Stunden wurden abgerufen und bezahlt, wenn ausreichend Arbeit vorhanden war – und W. gesund und arbeitsfähig. Maximale Flexibilität für den Entleiher, hohe wirtschaftliche Unsicherheit für W.

Für seine Tätigkeit – Packeinheit aufnehmen, umdrehen, ein paar Schritte gehen, Packeinheit ablegen – bekam er, wenn die vollen 35 Wochenstunden abgerufen wurden, 1260 Euro brutto im Monat. „Netto sind das in der Lohnsteuerklasse 1 weniger als 1000 Euro. Mit einer würdevollen Arbeit, von der man einigermaßen leben kann, hat das nicht viel zu tun.“ Im schlimmsten Fall, etwa bei Krankheit oder Auftragseinbrüchen, wären es unter 800 Euro gewesen.

Die Würde kommt nicht nur wegen des Lohns abhanden. Die festangestellten Kollegen hätten am Monatsende etwa 500 Euro mehr auf der Hand gehabt – für dieselbe Tätigkeit. „Das lassen sie die Leiharbeiter auch spüren. Obwohl es keine offiziellen Hierarchien gibt, treten sie überlegen auf. Sätze wie ,Das lassen wir meinen Zeitarbeiter machen‘ sind normal“, sagt W. „Man fühlt sich wie ein Mitarbeiter dritter Klasse, wie ein Mensch dritter Klasse. Die Selbstachtung nicht zu verlieren, fällt da schwer.“ Auch weil trotz Job eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kaum möglich ist. „Ob man nach dem Fußballtraining zusammen mit den Mitspielern zwei Spezi trinken kann, muss man sich gut überlegen. Meistens geht das nicht. Also lässt man sich eine Ausrede einfallen und geht nach Hause statt ins Sportheim.“ Trotzdem war eine Kündigung keine Option. Nicht allein wegen des Geldes und aus Angst vor dem Stigma „arbeitslos“. W. ging es nach einer überstandenen Suchterkrankung auch um Struktur. „Mir lag sehr an dem geregelten Tagesablauf. Selbst mit Fieber ging ich arbeiten.“ Natürlich sei den meisten in dieser Situation bewusst, dass sie ersetzbar sind. „Besonders im Bereich der einfachen Tätigkeiten. Man hängt sich also doppelt rein, um die Chancen auf Übernahme zu erhöhen.“

Den Firmen macht W. keinen Vorwurf. „Die nutzen eben die Möglichkeiten, die ihnen der Gesetzgeber einräumt.“ Der hatte Mitte der 2000er auf den drohenden Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit reagiert und den Arbeitsmarkt reformiert. Die Hartz-Gesetze sollten Medizin für den „kranken Mann Europas“ sein. Und sie halfen. Inzwischen geht es dem einst Kranken wieder gut. Das liegt auch am Heer der günstigen und hochflexibel einsetz- und kündbaren Arbeitskräfte. Über 700000 von ihnen gibt es inzwischen, die Unternehmen können offenbar von Zeitarbeit nicht genug bekommen. Sie nutzen sie, um auf Nachfragedellen und -spitzen zu reagieren. Und zum Schutz der Stammbelegschaft. In Krisen wirken die Leiharbeiter wie ein Puffer. Zu diesem Puffer zählt W. nicht mehr. Er wurde nach vier befristeten Verträgen übernommen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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