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Geld

Der Milliardenmarkt Nachhilfe

1,2 Millionen Kinder bekommen in Deutschland Zusatzunterricht. Eltern geben jedes Jahr als eine Milliarde Euro aus.
Von Matthias Hassler

Rund 20 Prozent aller Schüler bekommen Nachhilfe, hiervon nahezu 90 Prozent für Mathematik. Foto: Kzenon/stock.adobe.com
Rund 20 Prozent aller Schüler bekommen Nachhilfe, hiervon nahezu 90 Prozent für Mathematik. Foto: Kzenon/stock.adobe.com

Regensburg. Schlechte Noten, gute Umsätze – Nachhilfe ist in Deutschland mittlerweile zu einem Milliardengeschäft geworden. Rund 20 Prozent aller Schüler bekommen Nachhilfe, hiervon nahezu 90 Prozent für Mathematik. Die Eltern geben im Monat durchschnittlich etwa 100 Euro für Nachhilfe aus.

Ziel dabei ist es schon lange nicht mehr, Schülern bei wirklich schlechten Leistungen zu helfen. Mittlerweile sehen Eltern auch schon bei mittelmäßigen schulischen Leistungen „Optimierungsbedarf“. Vor allem wenn es um die Beurteilung für die weiterführende Schule oder den Endspurt beim „Quali“, Realschulabschluss, Abitur oder Fachabitur geht, wird in privaten Unterricht investiert.

„Man soll nicht glauben, dass die reguläre Nachhilfe der umsatzstärkste Geschäftszweig der Nachhilfeinstitute ist.“

Nikolas Klupak

„Man soll nicht glauben, dass die reguläre Nachhilfe der umsatzstärkste Geschäftszweig der Nachhilfeinstitute ist“, sagt Nikolas Klupak, Diplom-Mathematiker und Inhaber des Regensburger Nachhilfeinstituts Akademus. „Bei uns werden seit Jahren gezielte Prüfungsvorbereitungen in Form von Kompaktkursen extrem nachgefragt, die insbesondere in den Osterferien stattfinden. Dies lässt sich mit der immer weniger werden Zeit, die die Schüler für das Lernen zur Verfügung haben, begründen. Eltern wollen es hier möglichst effektiv.“

Schüler lernen im Deutsch-Nachhilfeunterricht an der Stadtteilschule. Foto: Christian Charisius/dpa
Schüler lernen im Deutsch-Nachhilfeunterricht an der Stadtteilschule. Foto: Christian Charisius/dpa

Durch die immer knapper bemessene Zeit, auch bedingt durch die Einführung der Ganztagsschulen, kam es auf dem deutschen Nachhilfemarkt von 2014 bis 2017 zu einer Delle in der Umsatzentwicklung. Eltern hatten hier wohl die Hoffnung, dass mehr Zeit in der Schule gleichbedeutend mit guter und gezielter Klausurvorbereitung ist und es so zu einer zwangsläufigen Verbesserung der Zensuren kommt. „Eltern haben das Ganze eine Weile beobachtet und bemerkt, dass durch die Ganztagsschule zwar die Hausaufgaben in der Schule und nicht zu Hause erledigt werden, aber die Vorbereitung auf Klausuren im klassischen Sinne auf der Strecke bleibt. Seit letztem Jahr zieht die Nachfrage wieder deutlich an“, sagt Klupak.

90 Prozent Gruppenunterricht

Doch was macht gute Nachhilfe aus? Auf was ist bei der Auswahl eines Dienstleisters im sehr unübersichtlichen Nachhilfemarkt zu achten? Gesetzliche Qualitätsstandards für Nachhilfeinstitute gibt es nicht. Der Bereich unterliegt lediglich dem Gewerberecht und die Schulaufsicht ist hier nicht zuständig. Zwar gibt es freiwillige Zertifikate, beispielsweise vom Deutschen Institut für Gütesicherung, doch sind mehr als die Hälfte der Institute nicht zertifiziert. Beim Marktüberblick fällt ferner auf, dass 90 Prozent der Institute nur Gruppenunterricht anbieten. „Darunter leidet die Qualität in der Wissensvermittlung und die individuelle Förderung. Dies ist meines Erachtens Sparen an der falschen Stelle. Ich empfehle wenige, gezielte und individuelle Einheiten. Dies macht auch vor dem Hintergrund Sinn, dass durch Ganztagsschule, Sport und das Pflegen sozialer Kontakte generell wenig Zeit zum Lernen vorhanden ist. Es gilt hier effektiv zu sein“, so die Ansicht von Diplom-Mathematiker Klupak.

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Auch spielt die Lernumgebung eine wichtige Rolle. Sterile Räumlichkeiten sind oftmals die Regel. Dies führt laut Untersuchungen zu einer Abnahme der Aufmerksamkeit von bis zu 20 Prozent. „Um möglichst effektiv lernen zu können, gilt es, eine konzentrierte Lernatmosphäre zu schaffen. Die Umgebung muss entsprechend dem jeweiligen Alter des Kindes gestaltet sein. Neben einer erhöhten Aufmerksamkeit führt dies auch dazu, dass Kinder gerne zur Nachhilfe gehen“, erklärt Nikolas Klupak.

Lehrer in der Minderheit

Wer unterrichtet eigentlich? Rund vier von zehn Nachhilfeeinrichtungen beschäftigen keinen einzigen ausgebildeten Lehrer. Gut zwei Drittel lassen sämtliche Kurse von nebenberuflichen Honorarkräften unterrichten. Das hat eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung ergeben, für die etwa 400 Nachhilfeanbieter befragt wurden. „Wir beschäftigen sowohl Lehrer, die nebenberuflich bei uns tätig sind, als auch Studenten. Neben fachlicher Kompetenz, die wir im Rahmen von persönlichen Gesprächen auch tatsächlich überprüfen, legen wir großen Wert darauf, dass der jeweilige Nachhilfelehrer sympathisch ist und gut erklären kann. Aus unserer Sicht gilt es, mehr ein Coach und weniger ein Lehrer im klassischen Sinn zu sein. Gute Noten sind dann als gemeinsamer Erfolg zu werten. Lehrer sehen dies häufig anders“, sagt Mathematiker Klupak abschließend.

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