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Karriere

Die Hüter der gläsernen Decke

Frauen haben es auch 2017 noch schwer, in Top-Positionen aufzusteigen. Ursache sind kulturell verankerte Mentalitätsmuster.
Von Stephanie Burger

Auf der Karriereleiter ganz nach oben gelangen nur wenige Frauen. Foto: ra2 studio - stock.adobe.com
Auf der Karriereleiter ganz nach oben gelangen nur wenige Frauen. Foto: ra2 studio - stock.adobe.com

Regensburg.Frauen in Top-Positionen sind immer noch rar. In den Aufsichtsräten der 101 börsennotierten und voll mitbestimmungspflichtigen Unternehmen ist der Frauenanteil zwar auf 25,9 Prozent gestiegen, bei den Vorständen verharrt er jedoch mit 6,4 Prozent auf niedrigem Niveau. „Frauen gelangen bis ins mittlere Management. Dann stoppt sie die gläserne Decke“, sagt Prof. Dr. Carsten Wippermann, Geschäftsführer des Delta-Instituts für Sozial- und Ökologieforschung.

Als Ursache des Phänomens „gläserne Decke“ hat Wipperman in diversen Studien ein System männlich geprägter, sich selbst reproduzierender und kulturell tief verwurzelter Mentalitätsmuster ausgemacht. Eines dieser Muster sei beispielsweise die „emanzipierte Grundhaltung“. Führungspersonen dieses Typs würden vordergründig und auf verbaler Ebene ihre Offenheit für Frauen bekunden, seien jedoch gleichzeitig davon überzeugt, dass Frauen ohnehin chancenlos seien gegen die Machtrituale der Männer. Ohne die Hebelwirkung einer verbindlichen, mit Sanktionen hinterlegten Quote werde es nicht gelingen, die gläserne Decke zu durchbrechen. „Erst wenn eine kritische Masse vorhanden ist, verändert sich auch die Kultur“, sagt der Forscher. Ein wirksames Instrument ist seiner Ansicht nach das Modell „Führen in Teilzeit“. So können Frauen und Männer ihre beruflichen Ziele mit dem Privatleben verbinden und als Teilzeit-Führungskraft im mittleren Management Führungserfahrung sammeln. „Und das Unternehmen hat zwei kreative Köpfe.“

Ein Paradebeispiel für die Existenz der gläsernen Decke ist auch die Wissenschaft – insbesondere die Medizin: Einem Frauenanteil in der Humanmedizin von 60 Prozent stehen zehn Prozent Lehrstuhlinhaberinnen und 15 Prozent leitende Klinikärztinnen gegenüber. Die bundesweit erste Ärztin, die es geschafft hat, die „100-Prozent-Männerquote“ in der Gastroenterologie zu durchbrechen, ist Prof. Dr. Martina Müller-Schilling. Seit fünf Jahren ist sie Direktorin der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Regensburg und Ordinaria am Lehrstuhl für Gastroenterologie. Auch Müller-Schilling ist überzeugt, dass es am System und nicht an den Frauen liegt. „Frauen sind top ausgebildet und leisten meistens überdurchschnittlich viel. Das Problem ist jedoch ein anderes: Einem idealen Mann und einer idealen Führungskraft schreibt unsere Gesellschaft die gleichen Attribute zu. Die Vorstellung von der idealen Frau hingegen deckt sich nicht mit dem Bild von idealer Führung.“ Während ein Mann für Kompetenz und Leistung uneingeschränkte Anerkennung erfahre, ernte eine Frau Unverständnis und Neid – oft werde sie sogar bestraft. „Wir brauchen eine Unternehmenskultur, die auf eine wirkliche Veränderung abzielt. Das Thema ist kein Minderheitenthema, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Es geht um die Verwirklichungschancen von Frauen und Männern.“ Einen konkreten Ansatzpunkt sieht Müller-Schilling in den Auswahlverfahren von Führungskräften.

Auch Karin Schnappauf, Vorsitzende des Business and Professional Women Germany Club Regensburg e.V., kritisiert das gängige Modell, „seinesgleichen zu befördern“. Laut Allbright-Bericht – herausgegeben von der Allbright Stiftung, die sich für Chancengleichheit einsetzt – bestehen Vorstände zu 93 Prozent aus Männern, die sich in Alter, Herkunft und Ausbildung stark gleichen. „Da kann mir niemand erzählen, es würde nach Leistung besetzt“, sagt Schnappauf. Ein Ansatzpunkt, um das auf unbewussten Vorurteilen beruhende Modell zu entschärfen, sei die Methode „Flip it to test it“, vorgeschlagen von Kirsten Pressner, Global Head of Human Resources bei Roche Diagnostics, erklärt Schnapp-auf. „Eine Annahme wird gedreht. Erscheint sie in Anwendung auf eine andere Person seltsam, so hat man ein Vorurteil enttarnt.“

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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