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Arbeitswelt

Die Neudefinition der Arbeit

Arbeit darf laut Georg Schürmann, Geschäftsleiter der Triodos Bank, nicht nur als Erwerbsarbeit definiert werden.
Von Thomas Tjiang, Wirtschaftszeitung

Georg Schürmannn, Geschäftsleiter Triodos Bank N.V. Deutschland Foto: Thomas Tjiang
Georg Schürmannn, Geschäftsleiter Triodos Bank N.V. Deutschland Foto: Thomas Tjiang

Frankfurt am Main.Herr Schürmann, die Digitalisierung erfasst unsere Arbeitswelt. Zunächst einmal: Wird arbeiten und konsumieren einfacher und schöner?

Georg Schürmann: Wir erleben alle die positiven Effekte. Unser Leben wird leichter, aber auch ein bisschen fremdbestimmter. Das Smartphone ist gerade mal zehn Jahre alt und nimmt einen hohen Stellenwert ein, aber erleichtert auch vieles.

Wie sieht bei Ihnen in der Finanzbranche die Kehrseite von Digitalisierung und Automatisierung durch Roboter und künstliche Intelligenz aus?

In der Finanzindustrie werden durch die Digitalisierung große Veränderungen vorangetrieben. Jeder kann täglich erleben, dass Bankfilialen geschlossen werden. Aber auch innerhalb der Banken fallen durch Technologie, also durch Software, Arbeitsplätze weg. Die Finanzbranche verliert pro Jahr rund drei Prozent ihrer Jobs. Das ist eine ganz andere Dimension, als wir es in der Vergangenheit erlebt haben.

Das lässt sich mit zeitlicher Veränderung wahrscheinlich in jeder Branche durchdeklinieren. Geht in Zukunft die bezahlte Arbeit für die Menschen aus?

Das kann heute noch niemand beantworten. Viele – auch prominente Vertreter aus der Wirtschaft – stellen fest, dass wir mit der Digitalisierung vor einer riesigen Veränderung stehen. Es stellt sich die große Frage, ob es nur eine neue Technologie ist, die sich schrittweise entwickelt und die wir bei der Beschäftigung mit neuen Aufgaben wieder kompensieren können. Oder ist es eine echte Revolution wie einst die industrielle Revolution, die unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft absolut umkrempelt.

Bei der industriellen Revolution sind ganze Berufsbilder weggefallen, dafür sind neue entstanden. Die Beschäftigungsquote hat sich wieder erholt ...

Wenn wir die 200 Jahre zur industriellen Revolution zurückdenken, sehen wir auch die riesigen Umbrüche, die damit einhergegangen sind. Das waren für die Menschen schwierige und schwere Zeiten. Nun muss man schauen, ob uns das mit der neuen Digitalisierungswelle auch passiert. Einigkeit besteht über die anstehenden Veränderungen. Die Frage ist, wie schnell die Veränderungen kommen und wie wir sie managen können. Ein weiterer Punkt, den wir in den letzten Jahren beobachten konnten: Die Arbeitszeit hat sich sukzessive auf 35 Stunden reduziert. Das war vor 150 Jahren auch anders, vielleicht sind wir in zehn Jahren bei 25 Arbeitsstunden. Das spricht für eine neue Form der Erwerbsarbeit.

Was kann hier ein bedingungsloses Grundeinkommen von zum Beispiel 1000 Euro gesellschaftlich leisten?

Das kann ein Lösungsansatz für die Veränderungen sein, die wir kommen sehen. Eigentlich ist es fast der einzige Lösungsansatz, der auf dem Tisch liegt. Ein wesentlicher Punkt beim bedingungslosen Grundeinkommen ist für mich, dass wir unser Denken von der reinen Erwerbstätigkeit loslösen. Immerhin hat sich seit der industriellen Revolution unser Arbeitssystem nicht gravierend verändert. Im Grunde haben wir die gleichen Prinzipien wie vor 200 Jahren, obwohl sich die Arbeit elementar verändert hat. Tatsächlich heißt Arbeit nicht unbedingt Erwerbsarbeit. Es gibt auch eine andere Form der Arbeit von engagierten Menschen in ehrenamtlichen Tätigkeiten. Die Form stellt auch einen Mehrwert für die Gesellschaft dar. Die wird heute aber nicht entlohnt, weil unsere gesamte Gesellschaft auf die Erwerbsarbeit ausgerichtet ist. Das ist für mich der wesentliche Punkt beim Grundeinkommen, sich loszulösen von einer Gesellschaft, die nur um die Erwerbsarbeit kreist, hin zu einer Gesellschaft, die um Arbeit kreist und einen Mehrwert für die Gesellschaft erzeugt.

Haben sich die Prinzipien von Ludwig Erhard und sein Versprechen vom Wohlstand für alle in der sozialen Marktwirtschaft überlebt?

Das hat sich keineswegs überlebt. Auch in einer Welt mit Grundeinkommen werden wir weiter Erwerbstätigkeit haben. Es wird viele Menschen geben, die weiterhin im Erwerbsprozess bleiben. Sie wollen finanziell mehr haben als das bedingungslose Grundeinkommen. Die soziale Marktwirtschaft wird nicht abgeschafft, aber deutlich weiterentwickelt. Wir würden den nächsten Schritt gehen und uns der aktuellen und kommenden Arbeitswelt anpassen.

Manche befürchten durch das Grundeinkommen einen erheblichen Lohndruck nach oben. Denn warum sollen Call-Center-Mitarbeiter, Köche oder Hotelfachleute abends und am Wochenende arbeiten, wenn sie nicht viel mehr verdienen als jemand, der nur auf dem Sofa sitzt?

Das bleibt abzuwarten. Wir haben viele Kassandrarufe gehört, als der Mindestlohn in Deutschland eingeführt wurde. Passiert ist am Ende auf dem Arbeitsmarkt nichts, obwohl es Horrorszenarien gab, dass viele Jobs wegfallen werden. Mein Herzensanliegen ist es, die Arbeit anders zu definieren. Es gibt schon heute Versuche in der Politik, Arbeit anders zu honorieren. Das endet dann etwa in der Herdprämie. Andere Ansätze wollen die häusliche Pflege durch Angehörige besser honorieren. Doch während die Politik mit bekannten Instrumenten arbeitet, plädiere ich dafür, das ganze System zu verändern. Also für die neuen Fragen neue Werkzeuge entwickeln.

Ein anderer Ansatz wäre der Umbau des Steuersystems weg von der Arbeit hin beispielsweise zur – digitalen – Wertschöpfung. Wäre das für Sie ein Weg in die Zukunft?

Das ist ein ganz wesentliches Element. Wenn wir unser System ändern, müssen wir auch an unser Steuersystem ran, das auf Arbeit und in Teilen auf Kapitalerträge fokussiert ist. Die Besteuerung der Wertschöpfung ist eine Diskussion, die wir voranbringen müssen. Wir erleben es gerade ganz aktuell auf europäischer Ebene bei der Aufgabe, wie Internetkonzerne besteuert werden können.

Als Nachhaltigkeitsbanker sind Sie wahrscheinlich Optimist. Wie optimistisch sind Sie denn beim bedingungslosen Grundeinkommen – rückt das einmal in greifbare Nähe?

Ich bin tatsächlich Optimist und optimistisch, dass wir einen Weg finden, die gesellschaftlichen Herausforderungen auch zu bewältigen. Das wird aber noch einige Jahrzehnte dauern.

•Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper. www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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