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Wirtschaft

Die Tabakbranche setzt auf Dampf

E-Zigaretten boomen. Die Hersteller der Elektro-Verdampfer treten auf der Messe Intertabac mit großem Selbstbewusstsein auf.
Von Wolf von Dewitz

E-Zigaretten boomen: Die Umsätze legten in diesem Jahr um 25 Prozent zu. Foto: Federico Gambarini/dpa
E-Zigaretten boomen: Die Umsätze legten in diesem Jahr um 25 Prozent zu. Foto: Federico Gambarini/dpa

Düsseldorf.Die Boom-Produkte sind in der Ecke, rechts neben der Kasse. Es sind E-Zigaretten, also Elektrogeräte mit Flüssigkeiten (Liquids). Die Geschmacksrichtungen heißen „Devils Darling“ (Liebling des Teufels) oder „White Glacier“ (Weißer Gletscher). Im Düsseldorfer Tabakgeschäft Linzbach steht Christina Lüdtke-Willebrand, Mitinhaberin der 1902 gegründeten Firma, und schaut auf die Ware in der Ecke. „Die Nachfrage ist da, also bieten wir das an“, sagt die 50-Jährige. Ein „Naturprodukt“ wie Tabakwaren seien E-Zigaretten nicht, gibt sie zu bedenken.

Am Freitag begann in Dortmund die Messe Intertabac, die als weltgrößter Branchentreff gilt. Dabei spielen Elektrogeräte zum Verdampfen oder Erhitzen eine immer größere Rolle – Einzelhändler wie Lüdtke-Willebrand fahren in die Ruhrmetropole, um sich nicht nur mit Pfeifen, Zigarren und Zigarillos einzudecken, sondern auch, um neue Elektronikprodukte kennenzulernen und gegebenenfalls zu bestellen.

Umsatz kletter steil nach oben

Ihr Geschäft ist ein Beispiel für den Umbruch in der Branche: Nicht nur Markteinsteiger mit neuen Shops, sondern auch alteingesessene Tabak-Einzelhändler setzen auf die neuen Produkte. Linzbach nahm die Verdampfer schon vor etwa zehn Jahren ins Sortiment auf. Seither kletterte der Umsatz in diesem Ladensegment steil nach oben. Trotzdem bleiben die neuen Produkte noch eine Nische – der Anteil an den Gesamterlösen liege im einstelligen Prozentbereich, sagt Linzbach-Mitinhaber Werner Schmitz. Das Hauptgeschäft bleiben klassische Glimmstängel, Zigarren, Zigarillos und andere Produkte.

Vormarsch geht weiter

E-Verdampfer erweiterten das Sortiment sinnvoll, meint Schmitz. Kunden, die früher zum Kippenkaufen kamen und dem Tabak inzwischen entsagt haben, kommen durch das Zusatzangebot weiterhin ins Geschäft.

Geradezu Euphorie herrscht in der Spartenbranche. Michal Dobrajc, Chef des Verbandes des eZigarettenhandels, sagt selbstbewusst: „Der Vormarsch der E-Zigarette geht weiter.“ Der Umsatz mit diesen Produkten liege dieses Jahr in Deutschland bei schätzungsweise 600 bis 650 Millionen Euro und damit bis zu 25 Prozent höher als ein Jahr zuvor, sagt er und bezieht sich dabei auf eine Umfrage unter Firmen und Hochrechnungen.

Die E-Zigarette

  • Liquids:

    Bei einer E-Zigarette wird eine aromatisierte Flüssigkeit, die auch Liquid genannt wird – erhitzt. Der Nutzer inhaliert das sogenannte Aerosol, das aus winzigen Partikeln besteht. Gängige E-Zigaretten arbeiten mit einem akkubetriebenen Verdampfer.

  • Inhaltsstoffe:

    Die meisten in Deutschland konsumierten Liquids enthalten Nikotin und fallen unter die Tabakerzeugnisverordnung. Danach müssen alle Inhaltsstoffe in absteigender Reihenfolge ihres Gewichtsanteils auf der Packung aufgelistet werden. Die Haupt-Bestandteile der nikotinhaltigen Liquids sind: das wasserbindende Propylenglykol und/oder der Zucker-Alkohol Glyzerin sowie Aromen und eben Nikotin.

In den Vorjahren war das Plus ähnlich hoch. Gesicherte Daten gibt es nicht, das Bündnis für tabakfreien Genuss kommt auf andere Werte, aber in ähnlicher Höhe - die Organisation spricht von einem 25-Prozent-Plus auf 570 Millionen Euro Umsatz im E-Zigaretten-Handel 2019, 2020 klettert er voraussichtlich um 20 Prozent auf 680 Millionen Euro. „Immer mehr Raucher in Deutschland nehmen die E-Zigarette als bessere Alternative zur Tabakzigarette wahr und steigen um“, heißt es von dem Bündnis.

Auswirkungen auf Gesundheit bleiben unklar

Tatsächlich bewerben die Hersteller ihre Produkte damit, dass die Gesundheitsgefahren relativ gering seien. Verbandschef Dobrajc spricht von einer um 95 Prozent geringeren Schadstoffbelastung im Vergleich zu Kippen. Tatsächlich ist es unstrittig, dass E-Zigaretten weniger gefährlich sind - Betonung auf „weniger“. Denn schlecht für die Gesundheit bleiben sie, worauf beispielsweise die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hinweist. Behördenchefin Heidrun Thaiss bewertet den E-Konsum als „problematisch, besonders vor dem Hintergrund, dass die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen der inhalierten Substanzen weiterhin unklar sind“.

Entwöhnung

Ein Keuschheitsgürtel für Raucher

Ein Regensburger sagt dem Rauchen den Kampf an. Seine Erfindung: ein Käfig um die Schachtel. Erste Erfolge gibt es bereits.

In den USA entdeckten Wissenschaftler jüngst in E-Zigaretten und Kautabak den möglicherweise krebserregenden Geschmacksstoff Pulegon „in besorgniserregend hoher Konzentration“. In Deutschland fehlt Pulegon nach Angaben von Branchenvertreteter Dobrajc auf einer Liste von Inhaltsstoffen, die in E-Zigaretten ausdrücklich verboten sind, zwar namentlich. Auf der Verbotsliste stehen aber verarbeitete Bestandteile, Extrakte und Öle, die aus der Pflanze Poleyminze stammen.

„Das ist keine frische Bergluft“

Dobrajc räumt ein: „Wir reden immer noch von etwas, was wir in die Lunge inhalieren, was von Natur aus da nicht reingehört – das ist keine frische Bergluft.“ Aber im Vergleich zu Tabakwaren sei es eben sehr viel besser. Die Raucherquote werde künftig noch stärker sinken als bisher und die E-Zigarette werde sich auf dem Markt als weniger schädliche Alternative etablieren, sagt er. Zum einen würden die Anti-Tabak-Gesetze immer weiter verschärft, zum anderen hätten die Menschen ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein.

Geht die Nachfrage also weg vom Glimmstängel und hin zum Elektrogerät? Jan Mücke vom Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse (BVTE) gibt sich gelassen. Die Zahl der Raucher sinke zwar, doch der Rückgang sei moderat, sagt er. Der Zigarettenabsatz gehe im langjährigen Mittel nur um etwa ein bis zwei Prozent pro Jahr zurück.

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