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Wirtschaft
Donnerstag, 16. August 2018 30° 1

Abgasskandal

Dieselgate holt Winterkorn ein

Lange war es relativ ruhig um den ehemaligen Volkswagen-Chef. Nun gibt es schwere Vorwürfe der US-Justiz gegen ihn.
Von Hannes Breustedt, Jan Petermann und Thomas Strünkelnberg, dpa

Martin Winterkorn droht großer Ärger. Die US-Justiz hat den ehemaligen VW-Chef wegen Betrug und Verschwörung angeklagt. Foto: Uli Deck/dpa
Martin Winterkorn droht großer Ärger. Die US-Justiz hat den ehemaligen VW-Chef wegen Betrug und Verschwörung angeklagt. Foto: Uli Deck/dpa

Detroit.Nun wird es doch noch eng für Martin Winterkorn. Immer wieder hatte der Ex-VW-Chef beteuert, er habe sich in der Abgasaffäre nichts zuschulden kommen lassen. Verfehlungen Einzelner, aber kein Wissen von Top-Managern über den millionenfachen Betrug mit Schadstoffwerten bei Dieselautos – das war die Linie des langjährigen Konzernlenkers, der im Herbst 2015 über die Manipulationen gestolpert war.

Seit Donnerstag (Ortszeit) greift der lange Arm der US-Justiz auch nach dem früher schier unantastbaren „Mr. Volkswagen“. Inzwischen erließ die US-Justiz Haftbefehl gegen Winterkorn. Die Behörden in den Vereinigten Staaten, in dem der Dieselgate-Skandal seinen Ursprung hatte, machen Winterkorn zum hochrangigsten Beschuldigten im Strafverfahren gegen mutmaßlich mitverantwortliche VW-Mitarbeiter. Und die Vorwürfe gegen „Wiko“, wie er im Konzern ehrfürchtig genannt wurde, wiegen schwer. Die Anklage lautet auf Betrug und Verschwörung. Justizminister Jeff Sessions droht: „Wir werden diesen Fall mit der maximalen Härte des Gesetzes bestrafen.“ Man gehe davon aus, dass das VW-Komplott „bis in die Unternehmensspitze“ hinaufreichte. 2017 hatte es noch geheißen, die Täuschungen seien wohl unterhalb der höchsten Ebene abgelaufen.

„Wir werden diesen Fall mit der maximalen Härte des Gesetzes bestrafen.“

US-Justizminister Jeff Sessions

25 Jahre Haft drohen

Peter Mock, Direktor der Umweltorganisation ICCT, rechnet denn auch mit weiteren Anklagen gegen ehemalige VW-Manager. „Ich habe schon immer bezweifelt, dass nur ein kleiner Kreis ohne weitreichende Befugnisse von den Manipulationen wusste und für diese verantwortlich war. Vor diesem Hintergrund wäre ich nicht erstaunt, falls es zu weiteren Anklagen kommt“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Samstag).

Die Vergangenheit holt Winterkorn, der den VW-Konzern von Anfang 2007 bis September 2015 führte, nun schlagartig ein. Zwar ist der inzwischen 70-Jährige nicht inhaftiert, und eine Auslieferung in die USA wäre nach Aussagen aus Justizkreisen unwahrscheinlich. Doch auch so ist die Lage brenzlig genug. Sollten US-Fahnder Winterkorn doch irgendwie irgendwo schnappen, drohen ihm bei einer Verurteilung schlimmstenfalls 25 Jahre Haft einschließlich einer hohen Geldstrafe.

Neuwagen von Volkswagen stehen in den Autotürmen der Autostadt am VW Werk in Wolfsburg. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Archiv
Neuwagen von Volkswagen stehen in den Autotürmen der Autostadt am VW Werk in Wolfsburg. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Archiv

Eine Stellungnahme Winterkorns zum aktuellen Fall war über einen Anwalt am Freitag zunächst nicht zu erhalten. „Wir prüfen das und werden uns zu gegebener Zeit äußern“, hieß es. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wird sich Winterkorn selbst nicht äußern.

„Fassungslos“ sei er, dass „Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, hatte der Manager beim Rücktritt wegen der gefälschten Emissionsdaten vor knapp zweieinhalb Jahren gesagt.

In einer Videobotschaft an die Belegschaft äußerte er damals sein Entsetzen: „Manipulieren und Volkswagen – das darf nie wieder vorkommen.“ Er selbst sei sich „keines Fehlverhaltens bewusst“. Danach blieb es um ihn relativ still. Im Ruhestand gab es hier und da zwar ein paar unangenehme Schlagzeilen: hohe Rentenbezüge, ein angeblich auf Konzernkosten beheizter Koi-Karpfenteich auf seinem früheren Luxusanwesen. Doch in der Diesel-Affäre – der größten Krise der VW-Geschichte – schien der Ex-Chef glimpflich davonzukommen.

Bleibt das nach der US-Anklage so? Selbstverständlich gelte bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung, betonten die Behörden. Dass die US-Strafverfolger es in der Sache sehr ernst meinen, mussten jedoch andere angeklagte VW-Mitarbeiter schon schmerzlich erfahren.

Haftstrafen für Ex-Mitarbeiter

Der Ingenieur James Liang, der früh ein Geständnis abgelegt und als Kronzeuge mit den Ermittlern kooperiert hatte, wurde im vorigen August zu über drei Jahren Gefängnis verurteilt. Oliver Schmidt, 2012 bis 2015 in leitender Funktion für Umweltfragen in den USA zuständig, brummte der knallharte Richter Sean Cox im Dezember sieben Jahre Haft auf. Damit ging er sogar über die Forderung der Staatsanwälte hinaus. Inklusive Liang und Schmidt waren bereits acht weitere ehemalige und amtierende VW-Mitarbeiter von der US-Justiz angeklagt worden. „Wiko“ ist jetzt aber das mit Abstand größte Kaliber. Abgesehen vom ehemaligen VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer handelte es sich bei den Beschuldigten nicht um ganz hochrangige Führungskräfte.

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