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Interview

Digitalen Wandel voranbringen

Deutschland tue zu wenig für die Digitalisierung, sagt Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups.
Von Stefan Ahrens, Wirtschaftszeitung

Christian Miele (Foto: Miele)
Christian Miele (Foto: Miele)

Regensburg.Herr Miele, laut einer Studie der Schweizer Wirtschaftshochschule Lausanne rangiert Deutschland im internationalen Vergleich der digital wettbewerbsfähigsten Länder nur auf Platz 17. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Christian Miele: Wir haben erstens verlernt, Visionen zu formulieren, und zweitens, mutig genug zu sein, diese auch umzusetzen. In den USA, China und selbst in Frankreich gehen die politischen Entscheidungsträger beherzter zu Werke. In den letzten Koalitionsverträgen konnten wir beispielsweise immer wieder lesen, dass der Breitbandausbau jetzt aber wirklich kommt. Vielleicht sind wir ein Stück weit auch das Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden. Deutschland geht es auf den ersten Blick gut, wir steuern Vollbeschäftigung an. Kratzt man an der Oberfläche, wird aber deutlich, dass das Fundament unseres Erfolgs nicht nur bröckelt, sondern langsam in sich zusammenbricht.

Auf welchem Weg sehen Sie den Wirtschaftsstandort Deutschland bei der digitalen Transformation?

Bei manchen Technologien und Märkten sind uns die anderen vermutlich schon uneinholbar davongelaufen, wie etwa bei bestimmten Plattformgeschäftsmodellen. Bei anderen Technologien und Märkten ist das Rennen aber offener. Insbesondere bei Klimatechnologien, industrienahen Technologien oder Smartcities, aber auch beim Thema KI haben wir die Chance, oben mitzuspielen – vorausgesetzt, wir nehmen endlich die Beine in die Hand, schaffen die nötigen Rahmenbedingungen und investieren hinreichende Summen in diese Technologien und Märkte.

Was haben Sie sich als frisch gewählter Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups vorgenommen, damit sich am Wirtschaftsstandort Deutschland in digitaler Hinsicht noch mehr tut?

Wir fokussieren uns fürs Erste auf die beiden Themen, die für das deutsche Start-up-Ökosystem aktuell die höchste Dringlichkeit haben: erstens, einen Dachfonds, den sogenannten Zukunftsfonds Deutschland, zu etablieren, um mehr Wagniskapital für Startups in der Wachstumsphase zu mobilisieren; und zweitens, bessere Rahmenbedingungen für Mitarbeiterkapitalbeteiligungen herzustellen, um internationale Toptalente für unsere Start-ups zu gewinnen. Wenn wir mit diesen beiden Dingen Erfolg haben, ist schon sehr viel gewonnen.

„Wir haben erstens verlernt, Visionen zu formulieren, und zweitens, mutig genug zu sein, diese auch umzusetzen. In den USA, China und selbst in Frankreich gehen die (...) Entscheidungsträger beherzter zu Werke.“

Christian Miele

Neben Ihrer Tätigkeit als Verbandspräsident sind Sie hauptberuflich Partner beim Risikokapitalgeber Eventures – mit mehr als einer Milliarde Euro Anlagevolumen eine der größten Beteiligungsgesellschaften in Europa. Familien wie Oetker, Porsche oder die Otto-Gruppe vertrauen Ihnen ihr Geld an. Gelingt es Ihnen, die Vertreter der Old Economy auch für Start-ups und digitale Geschäftsmodelle zu begeistern?

Ja, immer mehr. Die meisten Player aus der etablierten Wirtschaft sind mittlerweile sehr interessiert an den Dingen, die im Start-up-Ökosystem passieren. Sie sehen die Innovation, die hier vorangetrieben wird, und versuchen, teilweise auf sehr unterschiedlichen Wegen, Teil davon zu werden. Einer der effizientesten Wege ist es sicherlich, in Start-ups direkt oder über Fonds zu investieren.

Tut die Politik genug, um Start-ups und junge Unternehmer zu unterstützen? Wie beurteilen Sie beispielsweise den im Bundeswirtschaftsministerium angedachten und von Ihnen bereits erwähnten Zukunftsfonds Deutschland, der mit rund zehn Milliarden Euro innovationsfreudige Unternehmen unterstützen soll?

Es ist sehr erfreulich, dass nun Bewegung in die Sache kommt. Der Bundesverband Deutsche Startups, aber auch andere Player wie beispielsweise der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften oder die Internet Economy Foundation fordern ein solches Dachfondsmodell schon seit Jahren. Auch bei unserem zweiten großen Thema, der Mitarbeiterkapitalbeteiligung, hören wir immer mehr positive Signale. Wir haben hier aber, wie bei vielen Dingen, kein Erkenntnis-, sondern vielmehr ein Umsetzungsproblem. Jetzt muss langsam auch geliefert werden.


Sie selbst sind Spross der berühmten Gütersloher Haushaltsgeräte-Dynastie Miele. Der Firmengründer Carl Miele ist Ihr Ururgroßvater, er baute 1929 die erste elektrische Geschirrspülmaschine Europas. Können Sie aus Ihrer eigenen Familiengeschichte jenen Erneuerungs- und Disruptionswillen ableiten, der heute in Deutschland so dringend benötigt wird?

Wie bereits eingangs erwähnt, haben wir ein Stück weit verlernt, Visionen zu entwickeln und diese mit Mut und Willen umzusetzen. Die Geschichte lehrt uns, dass dies aber unbedingt nötig ist, um eine Volkswirtschaft langfristig funktionsfähig zu halten und einer Gesellschaft Wohlstand zuzuführen. Von daher können wir uns heutzutage sicherlich hier und da ein Stückchen von unseren Vorgängern abschneiden.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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