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Geschichte

Ein Glücksfall für Ostbayerns Wirtschaft

Früher an den Rand gedrängt, liegt Ostbayern nun in Europas Mitte. Doch nicht für alle Regionen war die Wiedervereinigung eine solche Wirtschaftsförderung.
Von Martin Anton, MZ

„Jetzt kommen die alle“ – nach dem Mauerfall gab es zunächst auch in Ostbayern Angst um den Wohlstand.
„Jetzt kommen die alle“ – nach dem Mauerfall gab es zunächst auch in Ostbayern Angst um den Wohlstand. Foto: dpa

Regensburg.Ein Glücksfall – als solchen bezeichnen Vertreter der ostbayerischen Wirtschaft den Mauerfall und die Öffnung des Eisernen Vorhangs einhellig. Denn auch wenn die Wiedervereinigung aus wirtschaftlicher Sicht nicht in allen Aspekten glücklich verlief, profitierte die Region zweifelsohne vom Zusammenwachsen der Wirtschaftsräume.

Alexander Stahl, Leiter der Pressestelle bei der Handwerkskammer (HWK) Niederbayern-Oberpfalz in Regensburg erinnert an die Zeit vor der Wende: „Gerade die nördliche Oberpfalz war jahrzehntelang abgeschottet.“ Der Fall der Mauer hatte seiner Meinung nach zwei Auswirkungen.

Zum einen schaffte sie für die Unternehmen in Ostbayern neue Märkte. Friseure, Bäcker, Metzger eröffneten Zweigstellen in den neuen Bundesländern, die Baubranche profitierte von Infrastrukturprojekten. Zum anderen kamen aus dem osten neue Fachkräfte, die in der Region damals schon gebraucht wurden. „Gerade im Baubereich und in der Mechanik war die Ausbildung in der DDR sehr gut“, erklärt Stahl den Wert der Arbeiter für die ostbayerische Wirtschaft.

„Jetzt kommen die alle“

Inzwischen hätten sich die neuen Handwerker von damals in Bayern etabliert, häufig hier Familien gegründet. Jetzt sind es Fachkräfte aus Polen und Tschechien, die beim Fachkräftemangel Abhilfe schaffen sollen. Dabei gab es nach Ende des Kalten Krieges auch in der Oberpfalz durchaus Ängste, wie: „Jetzt kommen die alle.“ Diese Furcht sei aber schnell verflogen. Es herrscht reger Austausch mit den Kammern, gemeinsame Themen würden gemeinsam angegangen. Stahl fasst zusammen: „Ein Wirtschaftsraum, jeder profitiert.“

Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg für die Oberpfalz und Kelheim kann da nur zustimmen: „Die Grenzöffnung zu den Nachbarn im Osten war die größte Wirtschaftsförderung, die die Region je erfahren hat.“ Die Öffnung des Eiserern Vorhangs habe Ostbayern vom wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Rand in die Mitte Europas gerückt. Seit dem blühe die Region auf.

Der ostbayerisch-westböhmische Wirtschaftsraum, der damals Vision war, habe inzwischen deutliche Formen angenommen, so Helmes und rechnet vor: „Die Kammerbezirke Regensburg und Pilsen umfassen eine Fläche von 18.317 Quadratkilometern, auf der 1,8 Millionen Menschen leben. 700 000 von ihnen sind angestellt oder selbstständig beschäftigt und erwirtschaften jährlich ungefähr 46 Milliarden Euro.“

Intensive wirtschaftliche Kontakte

Umsatzbringer sind hüben wie drüben der Automobil- und Maschinenbau sowie die Elektronik- und Nahrungsmittelindustrie. Heute pflegen rund 380 Mitgliedsunternehmen der IHK Regensburg intensive wirtschaftliche Kontakte zu Tschechien.

Auch nach Meinung von Ökonom Joachim Möller, Professor an der Universität Regensburg und Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, ist diese Entwicklung noch nicht zu Ende. „Die Regionen werden weiter zusammenwachsen“, ist sich Möller sicher. Ein wichtiger Schwerpunkt sei beispielsweise der Zusammenschluss der Europaregion Donau-Moldau.

Ostbayern, so Möller, habe sich nach dem Fall der Mauer sehr gut entwickelt. Gerade Regensburg profitiere von der Zuwanderung und habe es „wunderbar geschafft, sich richtig für den internationalen Wettbewerb zu positionieren“. Dazu gehörten nämlich nicht nur produktive Unternehmen, sondern auch innovative Forschungscluster.

Kaum Großbetriebe im Osten übrig geblieben

Eben diese fehlen laut Möller allerdings auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch in den meisten Gebieten der ehemaligen DDR. Das liege nicht zuletzt an Problemen, die auf der wirtschaftlichen Wiedervereinigung nach 1990 basieren. Nach der Privatisierung durch den Verkauf ganzer Betriebe seien kaum Großbetriebe im Osten übrig geblieben. Wenn es heute dort große Betriebe gebe, seien die oft nur die Werkbank für Unternehmen im Westen. Bereits Mitte der 1990er Jahre seien nur etwa ein Viertel von 1250 Betrieben in ostdeutschem Besitz gewesen, erklärt Möller.

Kleine und mittlere Unternehmen können aber nicht in einem Maße in Forschung und Entwicklung investieren wie Großunternehmen. Das zeige sich beispielsweise in der Anzahl von angemeldeten Patenten, die im Osten auch 2013 noch weit unter dem Bundesdurchschnitt lagen. Es fehlt an Innovation.

So herrscht gerade in den ostdeutschen Flächenstaaten heute hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Produktivität und ein niedriges Lohnniveau. Junge Menschen wandern nach wie vor ab. Was man dagegen tun kann? „Schnelle Lösungen gibt es nicht“, bedauert Möller. Doch wenn man, statt wie nach der Wende mit dem „Gießkannenprinzip“ zahllose Gewerbegebiete an Orten zu bauen, wo sonst nichts ist, einzelne wirtschaftlich starke „Kerne“ fördert und auf deren Ausstrahlkraft baut, wäre das erfolgsversprechend.

Möller nennt die Stadt Jena als ein solches Positivbeispiel und fasst zusammen: „Der Mauerfall war geschichtlich ein Glücksfall, politisch gut und birgt wirtschaftlich nach wie vor eine erhebliche Herausforderung.“

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