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Wirtschaft
Montag, 20. August 2018 30° 1

Wettbewerb

Ein Kartell der Computer

Software bestimmt immer mehr die Preise im Netz. Wann das problematisch sein kann, erklärt ein Regensburger Professor.
Von Bernhard Fleischmann

  • Die Zahl der online gebuchten Reisen wächst stetig. Die Preise sind einfach zu vergleichen. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn
  • Prof. Wambach (2.v.l.) übergibt das Gutachten an Minister Altmaier. Mit im Bild Dr. Thomas Nöcker (l.), Dr. Angelika Westerwelle, Prof. Jürgen Kühling (r.) Foto: BMWi/Susanne Eriksson.

Regensburg.Wer Flüge online bucht, kennt das Phänomen: Die Preise ändern sich ständig, mitunter sogar stündlich. Das macht den richtigen Zeitpunkt, um zuzuschlagen, zum Glücksspiel. Dahinter stehen Algorithmen. Sie variieren die Preise unmittelbar, je nach Nachfrage. Programme verarbeiten eine Unmenge an Daten und gewichten sie. Daraus ermitteln sie den aktuellen Preis.

Das ist völlig in Ordnung. Allerdings könnte Künstliche Intelligenz, also selbstlernende Programme, auch dazu führen, dass Verbraucher höhere Preise für Waren und Dienstleistungen bezahlen müssen – nämlich dann, wenn die Software mehr oder minder selbsttätig ihre Preise mit denen der Wettbewerber koordiniert, zum Vorteil beider Anbieter. Das wäre verboten. Aber schwer nachweisbar.

Diese Sorge treibt die Monopolkommission um. Sie hat sich mit den Wirkungen der Digitalisierung befasst. Ihr Hauptgutachten hat sie in diesen Tagen an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier überreicht. Der Kommission gehört Jürgen Kühling, Juraprofessor an der Universität Regensburg, an. Er erklärt im Gespräch mit der MZ die Absichten des Gutachtens.

Software statt Hinterzimmer

Die klassischen Absprachen von Kartellen waren bislang ein Fall für Hinterzimmer. So geschehen auch jüngst, als Lastwagen-Hersteller Preise abgesprochen hatten. Heute werden Preise zunehmend nicht mehr einfach statisch nach Kosten und Gewinnspanne kalkuliert. Dynamische Preisbildung ist der Trend. Kühling hält sie für sinnvoll. Denn sie bringe Angebot und Nachfrage ideal zusammen. Wer mehr Zeit investiert, der profitiere. Wer Besseres zu tun hat, als stundenlang im Internet zu suchen, um noch ein paar Euro zu sparen, der zahle eben etwas mehr. Man könne ja weiterhin im Reisebüro buchen. Der Kunde erhalte dort sicher einen ordentlichen Preis, aber kaum den günstigsten.

Computerprogramme ermitteln bei der dynamischen Preisbildung den „besten“ Preis, für den Anbieter wohlgemerkt. Gemeint ist der höchstmögliche; jener, den ein Kunde gerade noch bereit ist zu bezahlen.

Kühling erinnert: Dynamische Preise hat es weit vor der Digitalisierung gegeben. Man denke an die Messepreise von Hotels. Bei Fluggesellschaften, Reiseveranstaltern und Hotels sind dynamische Preise üblich. Diese Praxis verbreitet sich auch im Online-Handel.

Geld oder Zeit?

Für den Verbraucher ist die Entwicklung zweischneidig. Er kann Geld sparen, wenn er Zeit und Know-how investiert. Aber er kann sich nicht mehr darauf verlassen, einen Preis zu bezahlen, der auch für alle anderen und morgen noch gilt.

Die Preise etwa bei Amazon können wöchentlich oder von Tag zu Tag schwanken. Produkte werden teurer oder billiger je nach Tageszeit oder Wetter – und abhängig davon, was die Konkurrenz verlangt. Sogar die Wahl des Endgeräts kann beim Online-Einkauf einen Einfluss haben.

Händler gehen davon aus, dass jemand, der am PC sucht, gründlicher recherchiert als ein Kunde, der per Smartphone oder Tablet einkauft. Dementsprechend kann der Preis am PC niedriger ausfallen. Der Fernsehsendung Marktcheck zufolge bekommen Apple-Nutzer bisweilen höhere Preise serviert, weil man bei ihnen eine größere Zahlungsbereitschaft voraussetzt. Amazon hat das bestritten. Sogar das Surfverhalten soll Einfluss haben. Verbraucherschützer raten deshalb, öfters die Cookies zu löschen. Kühling empfiehlt einfach, nicht nur direkt über Anbieterseiten zu suchen, sondern über Preisvergleichsportale.

Schwer nachweisbar

Das System funktioniere solange gut, wie die Anbieter die Preise nicht koordinieren. Aktuell hält Kühling eine seriöse Aussage für unmöglich, ob mittels Algorithmen bereits Preise abgestimmt werden. Allerdings glaubt er daran, dass selbstlernende Systeme so schlau sein könnten, zu erkennen, dass ein Wettbewerber den Preis anhebt und es sinnvoll sein kann, das selbst ebenfalls zu tun. Wenn die Verwender des Systems diese Gefahr gemeinsam in Kauf nähmen, wäre das eine verbotene Preisabsprache. Nur, wie will man das nachweisen? Und wer ist verantwortlich? Die Monopolkommission schlägt vor, Verbraucherschutzverbänden ein Vorschlagsrecht für Untersuchungen zu erteilen. Das Kartellamt solle dann aktiv werden müssen.

Kühling sieht noch eine zweite Gefahr: Ärmere Menschen könnten von Leistungen ausgeschlossen werden, wenn die Anbieter mithilfe der Daten erfahren, dass die Bezahlung ungewiss ist. Das Datenschutzgesetz lasse die Erhebung solcher Daten zwar nicht zu und drohe hohe Strafen an. Aber die Aufsichtsbehörden sollten sehr wohl einen Blick darauf haben.

Rabatte bei Apotheken

Einen Blick hatte die Kommission auch auf Apotheken. Mit ihrem Vorschlag mag sie sich bei Verbrauchern beliebt machen, bei einem großen Teil der Apotheker sicher nicht. Anstatt den Online-Handel von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbieten – das sieht der Koalitionsvertrag vor, vorgeblich, um Apotheken auf dem Land zu schützen –, plädieren die Marktwächter für ein variables Preissystem. Die Apotheke solle zum einen ein Beratungsentgeld von der Krankenkasse erhalten. Zum anderen soll sie bei der Patientenzuzahlung – in der Regel fünf Euro pro Medikament – flexibel sein. Kühling erklärt: Dort, wo starker Wettbewerb zwischen den Apotheken herrscht, könnten sie Rabatte geben. Am Land mit oft nur einer Apotheke vor Ort könne diese den vollen Satz verlangen. So würde Wettbewerbspolitik im Sinne der Verbraucher funktionieren, argumentiert der Professor. Widersinnig sei es dagegen, den Online-Handel zu verbieten. Damit verlören Menschen in Gebieten, in denen es keine Apotheke mehr gibt, den nahen Zugang zu Medikamenten.

Ob sich der Vorschlag durchsetzt, da ist Kühling vorsichtig. Hoffnung hat der Regensburger Professor dennoch, wenngleich man manchmal lange warten müsse. Augenzwinkernd nennt er ein Beispiel: „Die Kommission hat einst die Liberalisierung des Busverkehrs empfohlen. Und zack, kaum 10 Jahre später ist sie schon da.“

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Berater der Bundesregierung

  • Monopolkommission:

    Sie ist ein unabhängiges Beratungsgremium, das die Bundesregierung und die gesetzgebenden Körperschaften auf den Gebieten der Wettbewerbspolitik, des Wettbewerbsrechts und der Regulierung berät. Sie wurde in den 70er Jahren gegründet. Sie soll Vorschläge für einen funktionierenden Wettbewerb unterbreiten.

  • Die Mitglieder:

    Die Kommission besteht aus fünf Mitgliedern - drei Praktiker (gegenwärtig ein DAX-Vorstand und zwei Unternehmerinnen) sowie zwei Wissenschaftler. Vorsitzender ist aktuell der Ökonom Professor Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim. Der 47-jährige Regensburger Juraprofessor und Dekan der Fakultät, Professor Jürgen Kühling, ist seit dem Jahr 2016 Mitglied der Monopolkommission. In die Kommission kann nur berufen werden, wer in seinem Fachgebiet zu den führenden Wissenschaftlern zählt und Erfahrungen in der Politikberatung aufweisen kann.

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