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Wissen

Einmal gelernt und niemals vergessen?

Psychologen der Universität Regensburg erforschen Bedingungen, unter denen Gelerntes stabil im Gedächntis bleibt.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Mark Greenlee im Magnetresonanztomografie-Labor des Bezirksklinikums. Foto: Istvan Pinter
Prof. Dr. Mark Greenlee im Magnetresonanztomografie-Labor des Bezirksklinikums. Foto: Istvan Pinter

Regensburg.Jeder kennt das Phänomen: Man trifft eine alte Bekannte und kann sich partout nicht an ihren Namen erinnern, Vokabeln und erst recht Grammatik einer einst gelernten Fremdsprache sind wie weggeblasen, ebenso Geschichtswissen. Fahrradfahren hingegen klappt spontan – auch wenn man viele Jahre nicht auf einem Rad gesessen hat.

Warum ist das so? Prof. Dr. Tobias Bonhoeffer, Neurobiologe und Direktor der Abteilung Synapsen, Schaltkreise und Plastizität am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried, erklärt das Phänomen. Es hänge mit der Art der Informationen und der Speicherung im Gehirn zusammen: „Nicht alle Informationen landen in demselben Gedächtnis.“ Die verschiedenen Gedächtnisarten werden in zwei große Gruppen eingeteilt, so Bonhoeffer: Das deklarative Gedächtnis speichere Ereignisse und Fakten, die mit bewusster Erinnerung einhergehen, im nicht-deklarativen oder impliziten Gedächtnis hingegen würden unbewusste Erinnerungen abgelegt.

Faktenwissen wird vergessen

„Die grundsätzlichen Mechanismen des Lernens sind zwar immer gleich: Lernen verändert die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Wie fest allerdings etwas verankert ist, hat mit der Bedeutung des Gelernten unter entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten zu tun“, sagt Bonhoeffer. So seien die im deklarativen Gedächtnis gespeicherten Informationen weniger konsistent als die im nicht-deklarativen Teil des Gedächtnisses gespeicherten. Das deklarative Gedächtnis speichert zum einen Ereignisse, die zur eigenen Biografie zählen – episodisches Gedächtnis – und zum anderen Faktenwissen wie berufliche Kenntnisse – semantisches Gedächtnis. Sicherer aufgehoben seien hingegen die Inhalte im nicht-deklarativen Gedächtnis, insbesondere im prozeduralen Gedächtnis, wo motorische Bewegungsabläufe wie Laufen oder Fahrradfahren gespeichert werden. „Evolutionär betrachtet sind Bewegungsabläufe wichtiger als semantisches Wissen und deshalb sehr stabil verankert. Alles, was für das Überleben wichtig ist, wird sich gemerkt.“ Es gebe aber auch „Lernverstärker“ für biografisches Wissen oder Faktenwissen, sagt Bonhoeffer. Eine wichtige Rolle spielten die Emotionen. „Verbindet man die Aufnahme einer Information mit einem Schreck, mit Freude oder Überraschung, dann bleibt diese oft ein Leben lang gespeichert. Fast jeder erinnert sich daran, was er machte, als zum Beispiel die Berliner Mauer fiel.“

Lernen durch Mustererkennung

Mit den Bedingungen, unter denen Gelerntes stabil im Gedächtnis bleibt, beschäftigten sich auch Prof. Dr. Mark Greenlee vom Lehrstuhl für Experimentelle Psychologie an der Universität Regensburg und Dr. Sebastian M. Frank, der am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, dieses Thema zum Gegenstand seiner Doktorarbeit gemacht hat. Im Fokus der Wissenschaftler stand dabei eine ganz spezifische Form des Lernens, nämlich das „visuelle Wahrnehmungslernen“, das wiederum eine Form des perzeptuellen Lernens ist. Letzteres findet im nicht-deklarativen Gedächtnis statt, es erfolgt damit unbewusst und zwar durch „Mustererkennung“. Greenlee macht es an einem Beispiel deutlich: Ein Medizinstudent im ersten Semester sei nicht in der Lage, einen Tumor von den physiologischen Strukturen des Organs zu unterscheiden. Einige Jahre später, als ausgebildeter Radiologe, könne er jedoch zielsicher Tumore identifizieren. „Er hat sich dieses Wissen implizit angeeignet. Dieses perzeptuelle Lernen ist die Grundlage allen Lernens. Hinter dem, was wir unter Expertenwissen verstehen, verbirgt sich zum größten Teil dieses implizite Lernen. Erst in einem nächsten Schritt wird es mit dem semantischen Wissen, also mit den gelernten Fakten, verknüpft.“ Für ihr Forschungsprojekt trainierten die Wissenschaftler ihre Probanden in einer visuellen Aufgabe, bei der es galt, komplexe Bewegungsmuster voneinander zu unterscheiden. Konkret mussten sie in einer Abfolge von kurz nacheinander auf einem Bildschirm erscheinenden und wieder verschwindenden Punkten ein bestimmtes Muster erkennen, und zwar den Buchstaben „V“. Erst nach mehreren Trainingseinheiten waren die Probanden dazu in der Lage. Während des Trainings wurde die Gehirnaktivität mittels Magnetresonanztomografie (MRT) gemessen. Es zeigte sich, dass mit dem Erlernen der Aufgabe Veränderungen in den sensorischen Arealen der Großhirnrinde, der Sehrinde, einhergehen. Die Forscher stellten sich die Frage, wie stabil dieses Lernen und die Veränderungen im Gehirn sind. Was ist nach Stunden, Tagen, Wochen, Monaten oder gar Jahren noch vorhanden? Um diese Frage zu klären, wurden die Probanden drei Jahre nach Ende des Trainings aufgefordert, die gleiche Aufgabe nochmals auszuführen. „Erstaunlicherweise zeigte sich keinerlei Anzeichen von Vergessen. Das Erlernte war stabil und unmittelbar abrufbar, wie am Ende des Trainings drei Jahre zuvor“, sagt Greenlee. Auch die Veränderungen in der Gehirnaktivität seien erhalten geblieben.

„Die Ergebnisse unseres Projekts zeigen, dass einmal Erlerntes und damit einhergehende Veränderungen im Gehirn über viele Jahre, vielleicht ein Leben lang, erhalten bleiben können“, sagte Greenlee. Ob diese Erkenntnisse auf das Lernen allgemein, also auf den Erwerb semantischer Inhalte, übertragbar sind, daran werde weiter geforscht. „Die Hoffnung, dass es möglich sein wird, ist vorhanden.“

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper. Lesen Sie zu diesem Thema außerdem das Interview Ohne neuronale Plastizität kein Lernen mit Prof. Dr. Mark Greenle.

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