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Migration

Fachkräfte: IHK macht Druck

Die IHK stupst mit einen Sieben-Punkte-Plan die Politik an – und findet sich im Einklang mit einem Top- Manager von Siemens.
Von Marianne Sperb

Hannes Apitzsch gehört zu den Top 50 im Siemens-Konzern. Bei der IHK sprach er über die regionale Verantwortung eines Weltkonzerns. Foto: Daniel Pfeifer
Hannes Apitzsch gehört zu den Top 50 im Siemens-Konzern. Bei der IHK sprach er über die regionale Verantwortung eines Weltkonzerns. Foto: Daniel Pfeifer

Regensburg.Akademiker und beruflich qualifizierte Mitarbeiter, die eine Stellung suchen, sind in der Oberpfalz inzwischen so rar wie Palmen in den Alpen, und der demografische Wandel wird die Lage noch verschärfen. Die Industrie- und Handelskammer für Oberpfalz/Kelheim drängt deshalb auf ein transparenteres, weniger komplexes Aufenthaltsrecht, das qualifizierte Zuwanderung erleichtert und Fachkräften aus dem Ausland und aus Nicht-EU-Ländern die Türen öffnet.

Die Kammer verabschiedete am Mittwoch einen Sieben-Punkte-Plan, der jetzt bei Bayerns Abgeordneten und bei der Bundesregierung die Sinne für die schwierige Lage schärfen soll. Schließlich: Inzwischen hat der Fachkräftemangel für einige Unternehmen im IHK-Bereich sogar existenzbedrohliche Züge angenommen. Allein 2018 fehlten im IHK-Bezirk 17 000 Fachkräfte, sagte Hauptgeschäftsführer Jürgen Helmes.

Bedarfsorientierte Zuwanderung muss einfacher werden. Die IHK fordert, Bürokratie beim Zugang zum Arbeitsmarkt abzubauen und die Verfahren zu beschleunigen. Jeder, der ein verbindliches Jobangebot hat und eine anerkannte Qualifikation vorweisen kann, sollte sich um einen Aufenthaltstitel bewerben können, der zunächst auf die Dauer des Arbeitsvertrages begrenzt ist, heißt es in dem Papier. Damit würde die Entscheidung über Zuwanderung dem Arbeitsmarkt und den Unternehmern überlassen.

Hannes Apitzsch (links) mit IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Helmes Foto: Daniel Pfeifer
Hannes Apitzsch (links) mit IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Helmes Foto: Daniel Pfeifer

Ausländischen Fachkräften ohne feste Jobzusage soll ein befristeter Aufenthalt gestattet werden, um eine Stelle suchen zu können. Weil Visum-Verfahren quälend lange dauern, drängt die IHK darauf, die Abläufe zwischen den Beteiligten (etwa Ausländerbehörden und Bamf) zu vereinfachen. „Elektronische Prozesse können zur Beschleunigung beitragen“, heißt es beinahe süffisant in dem Papier. Auch die Anerkennung von Abschlüssen soll beschleunigt werden; dazu ließen sich vorhandene Strukturen nutzen, wie einschlägige IHK-Angebote für Ausbildungsberufe.

„Das Mittelmaß wird eliminiert“

Kleine und mittlere Unternehmen sind mit der Suche nach Fachkräften im Ausland häufig überfordert; sie sollen unbürokratisch Hilfestellung erhalten, fordert die IHK. Das größte Hemmnis für die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland aber sind mangelnde Deutsch-Kenntnisse. Sprachkurse im In- und Ausland sollen deshalb offensiv und in großer Zahl zahlreich angeboten werden. Dieser Schritt würde außerdem als Willkommenssignal wirken, betont die IHK-Resolution, die dazu flächendeckend Anlaufstellen propagiert. Siebter und letzter Punkt des Positionspapiers: die Planungssicherheit für Arbeitgeber. Viele Unternehmen beschäftigen ja bereits Geflüchtete und wollen das Engagement auch ausbauen – aber dazu brauchen sie verlässliche Rahmenbedingungen, denn Flüchtlinge anzulernen, auszubilden und zu integrieren bedeutet für sie einen erheblichen Aufwand. Für Geflüchtete, die bereits in Deutschland leben, sich gut integrieren und auch wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen, solle die Politik deshalb einen pragmatischen Weg öffnen, damit sie als Fachkräfte im Land bleiben können.

Industrie

Im Reinraum von Infineon

Infineon braucht für die Chipherstellung extrem saubere Räume und Mitarbeiter, die sich dem abgeschotteten Kosmos ausliefern.

Die Kammer findet sich mit ihrer Forderung nach einem klugen Einwanderungsgesetz im Einklang mit dem Gastredner der Vollversammlung 2018, Siemens-Manager Hannes Apitzsch. Der CEO des Bereichs Global Services gehört zum Leitungskreis, also zu den Top 50 im Konzern; er verantwortete zuletzt (2017) einen Etat von etwas mehr als 40 Milliarden Euro. Apitzsch sprach über regionale Verantwortung und internationale Ausrichtung des Weltunternehmens. „Einen Mehrwert für die Region schaffen“, das verbinde Siemens mit seinen 377 000 Mitarbeitern mit den mittelständischen Unternehmen Ostbayerns, betonte IHK-Präsident Michael Matt.

„Die Vierte industrielle Revolution wird radikaler ausfallen als alle vor ihr.“

Hannes Apitzsch

Niedrige Arbeitslosigkeit, hohe Lebensqualität: Hannes Apitzsch bescheinigte Ostbayern eine beeindruckende Entwicklung seit 1989, „dank hart arbeitender, gut verwurzelter Menschen, die sich Veränderungen anpassen konnten“. Diese Eigenschaften seien heute gefragter denn je, denn die Vierte industrielle Revolution werde radikaler ausfallen als alle vor ihr, so der Top-Manager. „Das Internet eliminiert das Mittelmaß.“ Den Wettstreit um Konsumentenmärkte habe man bereits gegen Konkurrenz aus Asien und den USA verloren. Den Kampf um Kundendaten habe man gar nicht erst geführt. Aber den Wettkampf um die Digitalisierung könne man noch gewinnen. Dafür brauche es aber Investitionen: in Bildung, Innovationen und in bessere Vernetzung, etwa in den Ausbau des neuen mobilen 5G-Standards.

An Stelle von Joe Kaeser

  • Gastredner:

    Hannes Apitzsch vom Siemens-Leitungskreis war am Mittwoch für Joe Kaeser eingesprungen. Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG war auch wegen seiner Verbindung zur Region eingeladen worden: Kaeser stammt aus Niederbayern. Er hatte kurzfristig abgesagt; er war am Mittwoch zu Verkaufsgesprächen nach Asien gereist.

  • Brexit-Position:

    Die IHK bezog am Mittwoch Stellung zur neuen Förderperiode der EU (ab 2021 bis 2027): Der Brexit verschiebt die Finanzarchitektur zwischen Nettozahlern und -empfängern im europäischen Strukturfonds, die Folge: Bayern wird noch bessere Kennzahlen haben und die Grenzregion in Ostbayern deshalb mit weniger Unterstützung rechnen können. Vor dem Hintergrund des „Fördergefälles“ zu Tschechien bedeutet das Wettbewerbsnachteile für Ostbayerns Wirtschaft. Die IHK fordert deshalb beim Strukturfonds der EU, den ländlichen Raum stärker in den Fokus zu nehmen.

Dass sich viele Menschen von Tempo und Umfang des rasanten Wandels überfordert fühlen, zeige sich am Erstarken von Populismus und Nationalismus. „Aber Offenheit und Toleranz sind für uns nicht verhandelbar“, sagte Apitzsch. Sie seien zudem – mit Blick auf Deutschlands hohe Exportquote – auch eine Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg. Den öffentlichen Diskurs sollten Manager deshalb nicht den radikalen Rändern überlassen; sie sollten Position beziehen. Unternehmer müssten insgesamt eine stärkere gesellschaftliche Rolle übernehmen.

Globalisierung und Migration nannte Apitzsch als weitere Herausforderungen der Zeit. Er rief dazu auf, die Chancen durch geordnete Zuwanderung zu erkennen und zu nutzen. Ein intelligentes Einwanderungsgesetz könne entscheidende Impulse setzen.

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