MyMz
Anzeige

Wirtschaft

Flüchtlinge im Job: Kevor ist angekommen

Firmen in der Oberpfalz beschäftigen mehr Flüchtlinge. Bei einigen gelingt die Integration, andere scheitern.
Von Marion Koller

  • Kevor Kaspar an der Bohrmaschine: Der Syrer bearbeitet ein Bauteil für einen Säwagen. Vor zwei Jahren ist er bei der Horsch Maschinen GmbH in Schwandorf untergekommen. Foto: Koller
  • Versteht sich gut mit den Kundinnen: Kenan beim Föhnen. Foto: Lex

Regensburg.Kevor Kaspar hat das erreicht, wovon viele Flüchtlinge träumen. Der 29-Jährige aus Syrien hat vor zwei Jahren eine feste Stelle bei der Horsch Maschinen GmbH in Schwandorf ergattert. Da er vor der Flucht in einem Zementwerk in Damaskus als Schweißer arbeitete, musste er keine Ausbildung mehr absolvieren. In passablem Deutsch sagt der 29-Jährige: „Die Arbeit war ohne Probleme.“ Gut gelaunt führt er vor, wie er an der Bohrmaschine ein Bauteil für eine Lenkachse durchlöchert.

Maschinenbauer Horsch hat sich wie knapp 300 andere bayerische Firmen dem „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ angeschlossen, einer Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Die Firma hat eine Handvoll Flüchtlinge eingestellt, die sich im Herkunftsland ausbilden ließen, und zehn Azubis, die allein nach Deutschland geflüchtet sind. Bei Kevor Kaspar und acht Auszubildenden gelingt die Integration, die übrigen haben aufgehört. Horsch hat sich reingehängt. „Als die Flüchtlinge 2015 vor der Tür standen, wollten wir helfen“, sagt Personalchef Gerhard Springs. Aber natürlich will das Unternehmen auch den Fachkräftemangel entschärfen.

Manchmal fehlte die Kompetenz

Die einheimischen Mitarbeiter lernten im interkulturellen Training, wie sie mit den „Neuen“ aus Eritrea und Afghanistan am besten umgehen. Zusammen mit der Schwandorfer Berufsschule, der Arbeitsagentur und Kolping kümmern sich die Horsch-Ausbilder intensiv um die Jugendlichen. „Wir sind Mutter und Vater für sie“, sagt Springs. Dennoch gelingt die Integration nicht immer. „Den einen gefiel die Aufgabe nicht und manchmal war die Kompetenz nicht vorhanden“, sagt Springs.

Rachmani Norr aus Afghanistan wird bei Horsch ausgebildet. Der 18-Jährige kämpft noch mit der deutschen Sprache. Foto: Koller
Rachmani Norr aus Afghanistan wird bei Horsch ausgebildet. Der 18-Jährige kämpft noch mit der deutschen Sprache. Foto: Koller

Rachmani Norr aus Afghanistan ist bei Horsch geblieben. „Für mich war die Sprache schwierig“, erklärt der 18-Jährige, der noch etwas holprig Deutsch spricht. In der Berufsschule habe er anfangs wenig verstanden. Norr wirft die Drehmaschine in der lauten Lehrwerkstatt wieder an und produziert ein weiteres zylindrisches Metallteil.

Mehr als 28 000 junge Menschen aus den acht Hauptasyl-Herkunftsländern – von Syrien bis Eritrea – werden in Deutschland ausgebildet, teilt die Bundesarbeitsagentur mit. Das sind beinahe sechsmal so viele wie 2014. Bayernzahlen hat die Agentur nicht.

Die Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz sowie die Industrie- und Handelskammer für Oberpfalz/Kelheim bestätigen, dass die Zahl der Auszubildenden zunimmt. In ihrem jeweiligen Bereich arbeiten mehr als 800 Azubis aus den acht Fluchtländern. Deutlich gestiegen ist im Freistaat die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Flüchtlinge: von 14 676 im Jahr 2014 auf 37 488 im Jahr 2017. Viele verdienen ihren Lohn in der Gebäudebetreuung – womit meist Putzen gemeint ist –, im Gastgewerbe und Handel. Oft ist Zeitarbeit im Spiel, sagt Axel Pieper, Pressechef der Regionaldirektion Bayern der Arbeitsagentur in Nürnberg. „Wir merken, dass die Beschäftigung von Ausländern zunimmt, dass Ausbildung und Integration in den Arbeitsmarkt gelingen – aber es ist ein langer Weg.“

Zorab (links) und Kenan Yoosef lernen im Regensburger Friseursalon „Diana Eisele“. Ihre Chefin ist sehr zufrieden mit den beiden Syrern. Foto: Lex
Zorab (links) und Kenan Yoosef lernen im Regensburger Friseursalon „Diana Eisele“. Ihre Chefin ist sehr zufrieden mit den beiden Syrern. Foto: Lex

Dass das nicht immer klappt, haben die Chefs eines Regensburger Autohauses erlebt, die einen Azubi aus Syrien für die Kfz-Werkstatt angeheuert haben. „Er ist ein netter Kerl, super-intelligent, aber taucht in der Berufsschule öfter nicht auf und die letzten Tage ist er nicht in die Arbeit gekommen.“ Niemand wisse, wo er ist. Die Regensburger Friseurin Diana Eisele dagegen lobt ihre syrischen Azubis Kenan und Zorab Yoosef in höchsten Tönen. Anfangs hätten die beiden 21-Jährigen Startschwierigkeiten gehabt. Sie waren unpünktlich. „Aber man muss eben dahinter sein“, sagt Eisele. „Sie sind höflich und gepflegt, kommen gut mit den Kunden klar.“ Die Geschäftsfrau ist auf die Flüchtlinge angewiesen. Einheimische bewerben sich kaum.

Einwanderungsgesetz ist nötig

Auch wenn die Flüchtlinge für das Friseurgewerbe und einige andere Branchen wichtig sind, glaubt Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz nicht, dass sich auf diese Weise der Fachkräftemangel entscheidend lindern lässt. Es funktioniere zum Teil, aber mit hohem Aufwand. Schmidt betrachtet die Integration als humanitäre Aufgabe. Für den Arbeitsmarkt aber fordert der Vizechef der Handwerkskammer ein Einwanderungsgesetz. „Wir müssen systematisch auf ausländische Fachkräfte zugehen“, betont er. „Auf Leute mit Berufen, die wir brauchen.“

Hier sehen Sie ein Video von der Ausbildung bei Horsch Maschinenbau in Schwandorf

Doch das eine schließt das andere nicht aus. Das sehen offenbar auch die Firmen so. Max Klasen, Projektreferent im bundesweiten „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ mit Sitz in Berlin, hört von den Mitgliedern stets den Satz, sie engagierten Flüchtlinge aus sozialen Gründen und weil sie Fachpersonal benötigen.

„Wenn wir uns die anschauen, sind die sehr erfolgreich“, beobachtet Klasen. Unternehmen wie die Horsch Maschinen GmbH sammeln langsam Erfahrung, meistens bei einem Praktikum, um die Flüchtlinge später auszubilden. Klasen räumt jedoch ein: Je größer eine Firma ist, desto leichter sei die umfangreiche Betreuung zu leisten.

Kevor Kaspar ist der Horsch GmbH extrem dankbar, dass sie ihm eine Chance gegeben hat. Er lernt jetzt sogar Bayrisch.

Weitere Nachrichten aus der Wirtschaft lesen Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

20 Prozent kommen als Fachkräfte infrage

  • Die Zahl

    der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Flüchtlinge in Bayern ist deutlich gestiegen. Im September 2017 sind laut Nürnberger Agentur für Arbeit 37 488 Menschen aus den acht Hauptfluchtländern einer Arbeit nachgegangen.

  • Zum Vergleich:

    2016 waren es 25 910, 2015 lag die Beschäftigtenzahl bei 17 827, 2014 bei 14 676 und im September 2013 bei 13 518. Die acht Herkunftsländer sind Syrien, Iran, Irak, Afghanistan, Eritrea, Pakistan, Nigeria, Somalia.

  • Doch sind in Bayern

    auch 14 810 Flüchtlinge als arbeitslos gemeldet.

  • Die Flüchtlinge ohne Job

    sind nach einer Statistik der Bundesarbeitsagentur von 2016 überwiegend männlich und jünger als 30. Von ihnen haben 26 % keinen Hauptschulabschluss. 74 % keine Berufsausbildung. 26 % weisen Abi und 9 % eine akademische Ausbildung vor. Laut Agentur kommen 58 % für Helfertätigkeiten, 15 % als Fachkräfte und 4 % als Experten in Frage.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht