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Soziales

Günstig bauen: Sie machen es vor

Der Mietmarkt in der Region Regensburg treibt die Regierung der Oberpfalz um. Klar ist: Die Zukunft gehört Genossenschaften.
Von Marion Koller, MZ

  • „Wirklich nachbarschaftliches Verhältnis“: Maria Bruckbauer (Mitte) und Mitbewohner vor dem „Haus an der Isar“, einem Genossenschaftsbau in Landshut Foto: Fridolin Ritter
  • Das Podium der Wohnungsbautagung im Vielberth-Gebäude der Universität Regensburg. Am Mikro ist Prof. Dr. Sven Bienert, Geschäftsführer des Instituts für Immobilienwirtschaft. Foto: Regierung der Oberpfalz
  • Die beiden Regierungspräsidenten Axel Bartelt (re., Oberpfalz) und Rainer Haselbeck (Niederbayern) Foto: Regierung der Oberpfalz

Regensburg.Maria Bruckbauer und ihr Mann haben sich im Oktober 2017 einen Traum erfüllt. Sie sind ins Landshuter „Haus an der Isar“ gezogen, einen Genossenschaftsbau, den sie selbst mitgeplant und mitfinanziert haben. In ihrer 76-Quadratmeter-Wohnung und mit der bunt gemischten, 34-köpfigen Hausgemeinschaft fühlen sie sich wohl. Die Regensburger Genossenschaft Nabau hat das Haus errichtet. „Das ist für uns die Wohnform schlechthin“, sagt Künstleragentin Maria Bruckbauer. „Man braucht weniger Eigenkapital, hat lebenslanges Wohnrecht und eine stabile, nur kostenorientierte Miete.“ Die 65-Jährige und ihr Mann, ein Journalist, genießen also das, was sich Tausende in Regensburg und der Oberpfalz wünschen: erschwinglichen Wohnraum.

Wohnungsnot in Tegernheim

Das Thema Wohnungsknappheit ist in aller Munde. Die GroKo plant ein Baukindergeld, mehr Sozialwohnungen und will Kommunen günstiges Bauland anbieten. Der Bayerische Städtetag fordert finanzielle Anreize für den Wohnungsbau. Sogar Aldi zieht neuerdings Einkaufsmärkte hoch, die keine Flachbauten sind, sondern einen ersten Stock mit Wohnungen haben. Jetzt treibt der Mietmarkt auch die Regierungen der Oberpfalz und Niederbayerns um. Für die erste gemeinsame Wohnungsbautagung am Mittwoch haben sie Bürgermeister, Investoren, Genossenschaften und eben auch Leute wie Maria Bruckbauer zusammengetrommelt, die selbst ein Wohnprojekt initiiert haben.

Der Oberpfälzer Regierungspräsident Axel Bartelt stellt fest: „In vielen Städten und Gemeinden in Niederbayern und der Oberpfalz ist bezahlbarer Wohnraum knapp geworden. Es besteht dringender Handlungsbedarf, und zwar nicht nur in den großen Universitätsstandorten wie Regensburg.“ Mit dem Wohnungspakt Bayern bietet der Freistaat dafür attraktive Förderungen an.

„In vielen Städten und Gemeinden in Niederbayern und der Oberpfalz ist bezahlbarer Wohnraum knapp geworden.“

Regierungspräsident Axel Bartelt

Manfred Ahles, der bei der Regierung für die Förderung des sozialen Wohnungsbaus zuständig ist, sagt auf MZ-Anfrage, insgesamt fehle Wohnraum, doch man könne die Situation nicht über einen Kamm scheren. Es gibt Orte im Landkreis Tirschenreuth mit Wohnungsmieten von 4,50 Euro pro Quadratmeter und vielen Leerständen. Gleichzeitig erreichen die Mieten und Immobilienpreise in Regensburg fast das Niveau der Region München.

Das Interesse an der Wohnungsbautagung war groß. Foto: Regierung der Oberpfalz
Das Interesse an der Wohnungsbautagung war groß. Foto: Regierung der Oberpfalz

Im Vielberth-Gebäude der Universität Regensburg wurden optimale Beispiele für günstigen Wohnungsbau in der Region und die Fördertöpfe, auch für Private, vorgestellt. Der Tegernheimer Bürgermeister Max Kollmannsberger präsentierte eine der Best-Practice-Lösungen. Die Gemeinde am Regensburger Stadtrand mit 5500 Einwohnern plant ihren ersten sozialen Wohnungsbau mit 46 Appartements, 26 realisiert die Kommune selbst, die übrigen ein Bauträger. Kollmannsberger erklärt, warum: „Wir haben eine Wohnungsnot in Tegernheim. Bei uns wird fast wöchentlich nachgefragt.“ Vor allem wirtschaftlich Schwächere suchen ein Dach über dem Kopf.

Die Bagger rollen im Frühjahr 2019, 2020 können die ersten Tegernheimer mit Wohnberechtigungsschein einziehen. Kollmannsberger weiß, dass die 46 Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen das Problem nicht lösen. „Aber es ist ein Anfang“, sagt er. Freilich sei der Aufwand von der Machbarkeitsstudie bis zum Bebauungsplan hoch gewesen ist.

Pressesprecher Markus Roth von der Regierung der Oberpfalz macht auf ein Lappersdorfer und ein Neumarkter Projekt aufmerksam, die vom kommunalen Wohnraumförderungsprogramm des Wohnungspakts Bayern profitieren.

„Man braucht weniger Eigenkapital, hat lebenslanges Wohnrecht und eine stabile, nur kostenorientierte Miete.“

Maria Bruckbauer, Genossenschaft Nabau

Lappersdorf (13 000 Einwohner) an der Stadtgrenze wächst dynamisch. „Am Kirchengraben“ im Ortsteil Oppersdorf entwickelt die Gemeinde auf 2370 Quadratmetern ein Areal mit 18 barrierefreien, geförderten Wohnungen, die 2019 fertig werden. Neumarkt (39 000 Einwohner) baut am Deininger Weg im Stadtsüden auf einer 2700 Quadratmeter großen Fläche 27 geförderte Wohnungen. Der Wohnungspakt Bayern unterstützt den sozialen Wohnungsbau des Staats, der Kommunen und privater Investoren. Die Appartements unterliegen laut Manfred Ahles der Mietpreis- und Belegungsbindung.

Maria Bruckbauer, ihr Mann und ihre Mitbewohner im „Haus an der Isar“ haben einen anderen Weg beschritten. Sie sind der Regensburger Baugenossenschaft Nabau beigetreten oder waren bereits Mitglied, und haben Pflichtanteile gezeichnet: 850 Euro pro Wohnquadratmeter. Auch Gemeinschaftsräume und ein Stellplatz müssen mitfinanziert werden. Hinzukommen einkommensorientierte Förderung (EOF) und ein Drittel Darlehen.

Chance für junge Familien

„Eine junge Familie kann die Pflichtanteile zum großen Teil über KfW-Darlehen finanzieren und braucht dafür keine eigenen Sicherheiten nachweisen, weil sich die Bank über das Gesamtprojekt absichert“, wirbt Bruckbauer; nur die Liquidität muss stimmen. „Auch niedrigere Einkommensschichten können auf diese Weise zu dauerhaft sicherem Wohnen bei stabiler Miete kommen.“ Zwischenzeitlich wirkt die 65-Jährige im Vorstand der Nabau mit.

Fred Lehner berät die Wohnungsbaugenossenschaft „Eigenheim“ in Floß in der Nordoberpfalz. Für ein barrierefreies Wohnprojekt hat er eine hohe Fördersumme an Land gezogen. Foto: Lehner
Fred Lehner berät die Wohnungsbaugenossenschaft „Eigenheim“ in Floß in der Nordoberpfalz. Für ein barrierefreies Wohnprojekt hat er eine hohe Fördersumme an Land gezogen. Foto: Lehner

Ein überzeugter Genossenschaftler ist auch Fred Lehner aus Floß in der Nordoberpfalz. Die Baugenossenschaft „Eigenheim“, die er lange leitete und heute berät, hat 2017 acht barrierefreie Wohnungen eingeweiht. Er ergatterte dafür ein Wohnbaudarlehen des Freistaats über 1,4 Millionen Euro. „Ganz wichtig für uns ist die Bezahlbarkeit“, sagt der 86-Jährige, der auch bei der Tagung in Regensburg auftrat. „Andere Kommunen können das nutzen, wenn sie die Kraft haben.“ Denn die Genossenschaft verfügte über baureifes Land und Lehner wickelte alles selbst ab. „Ich war die Putzfrau und der Vorstandsvorsitzende“, schildert er. Es hat sich gelohnt: Die Miete liegt zwischen 4,75 und 4,95 Euro pro Quadratmeter.

Für Maria Bruckbauer ist das Genossenschaftshaus die beste Wohnform, auch in Zukunft. Manfred Ahles von der Regierung stellt fest: „Natürlich sind die Genossenschaften ein wichtiger Faktor. Sie sind den Mietern verpflichtet. Die Mieten ergeben sich aus den tatsächlichen Aufwendungen und unterliegen nicht der Spekulation und der Gewinnmaximierung. Aber es gibt nicht nur einen Wohnungsbau der Zukunft, es gibt viele.“

Sind Tiny Houses ein Modell gegen die Wohnungsnot? Und wie könnte das Stadtviertel der Zukunft aussehen? Wir haben mit Experten gesprochen.

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