MyMz
Anzeige

Integration

Hawedere, Ali: Angekommen in Bayern

Ali Alanjo ist ein Flüchtling aus dem syrischen Aleppo. In Regensburg hat er Job und Sicherheit gefunden.
Von Bernhard Fleischmann

Selbstbewusst und zufrieden – Ali Alanjo im Regensburger Druckzentrum Foto: altrofoto.de
Selbstbewusst und zufrieden – Ali Alanjo im Regensburger Druckzentrum Foto: altrofoto.de

Regensburg.Sprache öffnet die Türen, überall auf der Welt. Das sieht auch Ali Alanjo so, obwohl er etwas scherzhaft seine eigene Definition dafür hat. „Viele sagen, Englisch ist die Weltsprache. Ich finde, es ist Fußball.“ Er hat in Syrien in der 3. Liga gekickt, heute spielt er in Peising bei Bad Abbach mit. Deutsch kann er inzwischen auch gut. Er hat es schnell innerhalb vier Monaten gelernt, um seine Ausbildung bei der zum Regensburger Mittelbayerischen Verlag gehörenden M-Logistik im Druckzentrum machen zu können. Zudem ist dort, wie wohl auch auf dem Fußballfeld, das wenigstens rudimentäre Verstehen des Bairischen für den verbalen Austausch unerlässlich. In einem Produktionsbetrieb nehmen die Kollegen keine übertriebene Rücksicht. „Schick di“ oder „dou di um“ flog dem Mann aus Aleppo alsbald um die Ohren.

„Es klappt mal super, mal gar nicht.“Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz

Ali Alanjo hat’s bald verstanden. Und nun die Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer Druck-Weiterverarbeitung bestanden. Die Unternehmen wollen Flüchtlinge einstellen, beteuern Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer unisono. Vielfach wollen sie so ihre Fachkräftelücke schließen. Das klappt „mal super, mal gar nicht“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz, Hans Schmidt.

Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz, Hans Schmidt Foto: Graggo/Handwerkskammer
Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz, Hans Schmidt Foto: Graggo/Handwerkskammer

Die Asylsuchenden seien meist sehr arbeits- und lernwillig. Probleme? Genügend, berichten die Betriebe. Neben dem Hauptthema Sprache falsche Vorstellungen vom Beruf, Überforderung, mitunter auch die fehlende Ahnung von hier üblichen Regeln. Sieben Uhr Abfahrt des Montagetrupps heißt eben, nicht erst um viertel nach sieben aufzutauchen, wie es in manchen Herkunftsländern üblich ist. Auch die Betriebe werden überrascht, etwa vom bürokratischen Aufwand.

Wo soll er beten?

Das Druckzentrum und der gesamte Verlag betraten mit der Einstellung von Alanjo Neuland. Niemand war sich sicher, ob der vom Jobcenter für eine Einstiegsqualifizierung geschickte Syrer klarkommt; und wie die Kollegen reagieren.

Der Pate: Christian Söllner, zuständig für Auftragsmanagement und Verkauf im Zeitungsdruck Foto: altrofoto.de
Der Pate: Christian Söllner, zuständig für Auftragsmanagement und Verkauf im Zeitungsdruck Foto: altrofoto.de

Medienfachwirt Christian Söllner wurde zum Paten für Alanjo ernannt. Das Jobcenter hatte das empfohlen, ebenso, dass der Pate männlich sein sollte, weil Alanjo Moslem ist und man nicht wisse, ob er weibliche Vorgesetzte akzeptieren werde... Söllner machte sich Gedanken, wo er Ali hinschickt, wenn der sich zum Beten in Richtung Mekka wenden will.

Aber Ali betet nicht in der Arbeit. Er mag Pünktlichkeit lieber als die arabische Großzügigkeit in Zeitfragen. Kollegin Lisa brachte ihm die ersten Handgriffe bei, sie und die anderen sind nett zu ihm, von Anfang an, erzählt Ali. Er mag den Respekt, den sich die Menschen zollen. Wenn er heute Kollegen in der Produktionshalle begegnet, wirkt es fast so, als begrüßten sie „Mister Cool“. Hand abgeklatscht, „hawedere, Ali“. Der Mann ist angekommen in der Firma. Mittendrin, nicht nur dabei. Und frei, das ist wichtig. Nach Syrien zurück könne und wolle er nicht. Ginge er heute da hin, müsste er „ins Gefängnis oder in die Armee und auf die eigenen Leute schießen“.

Blick in die Eingangshalle des Druckzentrums. Foto: pieknikphoto/sebastian pieknik
Blick in die Eingangshalle des Druckzentrums. Foto: pieknikphoto/sebastian pieknik

Cool, fast schon rätselhaft emotionsbefreit, erzählt er von seiner Flucht. Ali Alanjo hatte als Schiffsingenieur bei einer syrischen Firma gearbeitet, floh erst nach Jordanien und blieb dort gut zwei Jahre. Dann machte er sich auf den Weg: über die Türkei nach Griechenland, schließlich nach Deutschland. Die Überfahrt im Mittelmeer? „In einem kleinen Schiff.“ Ein Schiff oder ein Boot? „Ein kleines Boot.“ Etwa ein Schlauchboot, von denen so viele sinken? „Ja, so ein Schlauchboot.“ Hatten Sie da keine Angst? „Das war schon ok, ich weiß ja, wie das ist auf dem Meer.“ So erzählt Ali Alanjo: stets ruhig, leise, konstante Tonlage.

Arbeitsplätze und Ausbildung

  • Beschäftigung:

    1479 nichteuropäische Flüchtlingen hatten im Bezirk der Arbeitsagentur Regensburg (mit den Kreisen Neumarkt und Kelheim) im Jahr 2017 einen sozialversicherungspflichtigen Job haben. 771 waren arbeitslos gemeldet.

  • Ausbildung:

    Im ostbayerischen Handwerk absolvieren 785 Menschen mit Fluchthintergrund eine Ausbildung. 2017 waren es noch 517 Personen, im Jahr davor erst 246. Stärkste Herkunftsnation: Syrien (164). Top-Beruf: Kfz-Mechatroniker (83). Die IHK meldet rund 400 Auszubildende mit Fluchthintergrund, Tendenz steigend. Herkunftsländer mit den meisten Azubis: Kosovo, Syrien, Afghanistan. Gesucht sind sie v.a. in Lager/Logistik, Einzelhandel, Gastronomie. (fl)

Der Start in die Ausbildung lief für ihn holprig an. In der Berufsschule verstand er anfangs kaum ein Wort, er musste ja erst Deutsch lernen.

Praktisch ein voller Erfolg

Sobald er die Sprache kannte, ging es bergauf. Der Verlag und Alanjo gingen gemeinsam das Wagnis ein, die Einstiegsqualifizierung als erstes Jahr der Ausbildung anzuerkennen und ihn gleich ins zweite Jahr zu schicken. Personalleiterin Jasmin Meier gibt zu, dass der ganze Weg auch für den Arbeitgeber ein Experiment mit ungewissem Ausgang gewesen sei. Heute bestehe kein Zweifel, dass Alanjo ein wertvoller Mitarbeiter sei. Weil der Verlag mit ihm eine so überzeugende Erfahrung gemacht hat, hat er inzwischen zwei weitere Flüchtlinge eingestellt. Wenn Alanjo am heutigen Donnerstag sein Zeugnis empfängt, steht dort ein „gut“ als Gesamtnote. In der praktischen Prüfung schaffte Ali alle 100 Punkte. Praktisch ein voller Erfolg.

Aussagen der Bundesagentur für Arbeit zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt

Nun druckt er Zeitungen und Prospekte, was im Wesentlichen heißt, an Computerterminals Parameter einzustellen und darauf zu achten, dass die Maschinen tun, was sie sollen. Seit kurzem darf er in der Weiterverarbeitung die Koordination am Ende der Produktion übernehmen – dort die Position mit der größten Verantwortung. Aber nicht das Ende des Weges. Der 28-Jährige will mit einer Techniker-Ausbildung den beruflichen Aufstieg fortsetzen. Die Ansprüche steigen, auch im Privaten. Im Herbst möchte Alanjo den Autoführerschein machen.

Weitere Artikel aus der Wirtschaft in Ostbayern finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht