mz_logo

Wirtschaft
Mittwoch, 26. September 2018 15° 1

Warnstreiks

Hier rollt kein Auto vom Band

Die IG Metall zielt am dritten Tag auf die Autoindustrie. Auch das BMW-Werk Regensburg stand ab Freitagnachmittag still.
Von Katharina Kellner

Etwa 500 Streikende kamen nach Einschätzung der IG Metall zur Kundgebung am Freitag vor dem BMW-Werk. Foto: Kellner
Etwa 500 Streikende kamen nach Einschätzung der IG Metall zur Kundgebung am Freitag vor dem BMW-Werk. Foto: Kellner

Regensburg.Über dem Regensburger BMW-Werk strahlt am Freitag die Sonne. Kurz vor 14 Uhr stehen hier BMW-Mitarbeiter und warten auf das Ende der Frühschicht um 14.30 Uhr. Das ist der offizielle Beginn des 24-stündigen Warnstreiks. Zur Spätschicht wird heute kein Arbeitnehmer antreten, auch nicht zur Nacht- und zur folgenden Frühschicht. „Erst am Montag laufen hier die Bänder wieder an“, sagt Jürgen Scholz, der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Regensburg, der mit Cowboyhut und roter Metaller-Jacke zwischen den Streikenden herumläuft und Interviews gibt. Und der sich freut, mit seinen Leuten nicht etwa im Schneesturm stehen zu müssen: „Petrus muss ein Metaller sein“, sagt er launig.

Es gibt Musik vom Band und die Sozialen Initiativen schenken warme Getränke aus. Rund 500 Beschäftigte nehmen nach Scholz’ Schätzung an der Kundgebung teil.

Doch auch wenn die Stimmung heiter ist – mit ihren Zielen ist es den Streikenden sehr ernst. „Tendenziell sieht es so aus, als ob es krachen wird“, sagt einer von ihnen mit Blick auf den Arbeitskampf, der im Raum steht. Sie sind sich bewusst, dass sie ihren Arbeitgeber schon jetzt empfindlich treffen: Für BMW Regensburg bedeutet der Warnstreik, dass während dieser 24 Stunden 1400 Autos nicht gebaut werden, wie Scholz vorrechnet. Das wäre ein Gewinnausfall im zweistelligen Millionenbereich.

Lebenszeit wird wichtiger

Die Fronten sind hart: Die ersten Verhandlungsrunden zwischen IG Metall und dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall haben keine wesentliche Annäherung gebracht. In der diesjährigen Tarifrunde fordert die IG Metall sechs Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeber haben bislang annähernd drei Prozent geboten. Für die Gewerkschaft ist das inakzeptabel. Knackpunkt der Verhandlungen ist aber die Forderung der IG Metall, dass jeder Beschäftigte seine Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden verkürzen können soll. Wer Kinder betreut, Angehörige pflegt oder im belastenden Schichtsystem arbeitet, soll vom Arbeitgeber einen teilweisen Lohnausgleich bekommen. Die Arbeitgeber halten sowohl diese Forderung als auch die 24-stündigen Arbeitsniederlegungen für rechtswidrig. Der Versuch, die Aktionen vor Arbeitsgerichten zu stoppen, ist jedoch misslungen.

„Wenn es zum Arbeitskampf kommt, wird es in der ganzen Republik rumpeln.“

Jürgen Scholz, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg

Das feiern die Metaller als ihren großen Sieg. Scholz bringt die Streikversammlung zum Jubeln, als er vor den Regensburger Werkhallen ins Mikro ruft: „Vorgestern in NRW und gestern in Nürnberg haben die Arbeitgeber versucht, mit einstweiligen Verfügungen den Arbeitskampf zu untersagen. Sowohl in NRW als auch in Nürnberg haben die Arbeitsgerichte entschieden: Dieser Arbeitskampf ist rechtmäßig, das Instrument der 24-Stunden-Streiks ist rechtmäßig, wir tun nichts Verbotenes. Und jetzt haben wir es auch noch schwarz auf weiß!“

Scholz ist wie seine Mitstreiter wild entschlossen: „Wir werden was Vernünftiges hinbringen“, verspricht er ihnen. Ein „gigantisches Mitgliedervotum“ habe der Gewerkschaft Rückenwind für den Warnstreik gegeben. Deutschlandweit beteiligten sich laut Scholz rund 500 000 Arbeitnehmer in mehr als 275 Betrieben, die ganztägig ihre Arbeit niederlegten.

Jürgen Scholz spürt den Rückenwind der Beschäftigten. Foto: Kellner
Jürgen Scholz spürt den Rückenwind der Beschäftigten. Foto: Kellner

Was aber, wenn die Arbeitgeber unbeeindruckt bleiben? „Wir wollen die Arbeitgeber an den Verhandlungstisch bekommen, bereiten uns aber parallel dazu darauf vor, eine Urabstimmung zu organisieren“, sagt Scholz. Damit könnte es ab Mitte oder Ende kommender Woche losgehen. „Wenn es zum Arbeitskampf kommt, wird es in der ganzen Republik rumpeln.“ Denn die Liefer- und Logistikkette würde in diesem Fall erheblich ins Wanken geraten. Erfahrungsgemäß seien die Auseinandersetzungen heftiger, wenn es darum gehe, qualitative Verbesserungen wie beim Thema Arbeitszeit durchzusetzen. Diese seien zeitgemäß – zeichne sich doch in der Gesellschaft ein Wertewandel ab: Lebenszeit wird höher geschätzt als früher.

In der „Hausfrauenschicht“

Welches der beiden Streikziele wichtiger ist – mehr Lohn oder eine Verbesserung bei der Teilzeitregelung – darüber sind sich auch die Streikenden uneinig. Jörg Sven Leschke, der in der Montage arbeitet und schon seit 1998 bei BMW Regensburg beschäftigt ist, sagt, in seiner Abteilung sei die Lohnerhöhung favorisiert. Er nimmt an, dass die Teilzeitfrage die überwiegend männliche Belegschaft weniger betrifft. Für Margareta Kaufmann, tätig als Prüferin am Finish-Band, ist dagegen die Vereinbarung von Beruf und Familie ein wesentliches Anliegen. Seit 27 Jahren arbeitet sie bei BMW, davon zwölf Jahre in Teilzeit wegen ihrer Kinder: „Hausfrauenschicht“ wurde das genannt. „Ich konnte danach problemlos wieder in die Vollzeit wechseln, hätte aber während der Teilzeittätigkeit gern mehr Unterstützung gehabt“, sagt sie mit Blick auf den von der IG Metall geforderten Entgeltzuschuss der Arbeitgeber. Doch auch das Rückkehrrecht in die Vollzeitarbeit, das sie anspricht, ist für viele Streikende ein wichtiger Punkt in der Auseinandersetzung um den individuellen Anspruch auf Reduzierung der Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden in der Woche.

Im Warnstreik

  • Die IG Metall Regensburg

    teilte mit, sie habe die Beschäftigten in acht Betrieben zu ganztägigen Warnstreiks aufgerufen: Beim Automobilzulieferer Mahle Behr in Neustadt an der Donau, bei BMW Regensburg und Wackersdorf, dem Verpackungslogistiker Schnellecke Wackersdorf; dem Industrielogistikunternehmen BLG Wackersdorf, dem Automobilzulieferer Webasto Convertibl. Regensburg und der Logistikunternehmen Rhenus Regensburg und Afg Regensburg.

  • In allen Betrieben

    hätten sich die Beschäftigten in Mitgliedervoten „mit überwältigender Mehrheit“ für ganztägige Warnstreiks ausgesprochen, heißt es in der Mitteilung.

Der Metallarbeitgeberverband vbm warf unterdessen der IG Metall vor, eine Umsetzung ihrer Forderungen würde 20 Prozent der Betriebe in der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. Diese Unternehmen könnten dann wichtige Zukunftsinvestitionen nicht mehr tätigen. „Ihnen würde die Kraft für Innovationen genommen und Arbeitsplätze könnten nicht dauerhaft gesichert werden. Das kann nicht im Interesse der IG Metall sein“, erklärte vbm-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Der ganztägige Warnstreik bei BMW in Regensburg lief bis Samstagmittag. Für 13.30 Uhr hatte die IG Metall Bayern eine Abschlusskundgebung mit Bezirksleiter Jürgen Wechsler als Hauptredner angekündigt.

Weitere Nachrichten aus der Wirtschaft lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht