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Messe

Kein Schwein bei der Grünen Woche

Die Pest in Polen wirkt sich auf die Schau in Berlin aus. Und es gibt Redebedarf zwischen Verbrauchern und Landwirtschaft.
Von Burkhard Fraune und Sascha Meyer

Frische Würste – aus Schwein – gibt es natürlich schon bei der Grünen Woche: Susanne Roch aus Golßen hängt solche in der Halle ihres Bundeslandes Brandenburg auf.  Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Frische Würste – aus Schwein – gibt es natürlich schon bei der Grünen Woche: Susanne Roch aus Golßen hängt solche in der Halle ihres Bundeslandes Brandenburg auf. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Berlin.„Fridays for Future“ will auch da sein. Wenn von nächstem Freitag an Tausende Landwirte und Verbraucher zur Agrarmesse Grüne Woche nach Berlin kommen, könnten sie Vertreter der jungen Klimaschützer direkt vor Ort treffen. Es soll Diskussionen geben, wohl einen eigenen Stand. Überhaupt ist der traditionelle Jahresauftakt der Ernährungsbranche diesmal politisch besonders aufgeladen.

Bei vielen Bauern brodelt es. Nach Traktor-Protesten in der halben Republik sagte ihnen Kanzlerin Angela Merkel mehr Gehör bei neuen Umweltauflagen zu. Für die erwarteten 400 000 Messebesucher geht es bis 26. Januar aber auch ums Sehen, Riechen und: Schmecken.

In der Hauptstadt präsentieren sich mehr als 1800 Aussteller aus Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und Gartenbau. Partnerland ist diesmal Kroatien. Regionale Produkte bleiben im Trend. Und auch veganes Essen und Trinken: Gab es vor fünf Jahren gerade mal zwei Aussteller dazu, sind es nun 150. In den Messehallen kommen Genüsse vom Krustenbraten bis Insekten auf den Teller. Es gibt Reitturniere und Tierschauen, Feldroboter in Aktion und für viele Großstädter ein sonst nur seltenes Angebot: mit Landwirten ins Gespräch zu kommen.

„Wir haben es satt“

Viele Bauern sehen sich dabei selbstbewusst als Klimapraktiker. Im „Erlebnisbauernhof“ auf dem Messegelände will sich die Branche auch diesem Thema stellen, 100 Landwirte sollen als „Agrarscouts“ für Besucherfragen da sein. „Wir wollen Naturschutz gemeinsam nach vorne bringen, nicht einfach Verbote als Basis“, argumentierte auch schon Bauernpräsident Joachim Rukwied. „Es geht uns nicht um das Ob, sondern ausschließlich um das Wie.“ Helfen sollen auch Traktoren, die mit Strom oder Biokraftstoff laufen, und Futtermittel aus der Region.

Eine grundlegende „Agrarwende“ fordert ein Bündnis, das wieder parallel zur Messe Tausende Demonstranten auf die Straßen Berlins bringen will. „Wir haben es satt“, lautet seit Jahren das Motto. Es geht um mehr Umwelt-, Klima- und Tierschutz. Also zum Beispiel auch weniger Unkrautgifte, Gülle, Importfutter und Lebensmittelexporte. „Die Agrarindustrie heizt die Klimakrise und gesellschaftliche Konflikte gefährlich an“, heißt es im Aufruf mehrerer Natur- und Tierschutzverbände, kirchlicher und bäuerlicher Organisationen.

Die Grüne Woche

  • Messe:

    Bei der Internationalen Grünen Woche in Berlin präsentieren sich immer zu Jahresbeginn die Land- und Ernährungswirtschaft sowie der Gartenbau. Besucher erwarten Zehntausende Nahrungs- und Genussmittel, Hunderte Tiere und Pflanzen. In diesem Jahr sind wieder mehr als 1800 Anbieter aus mehr als 70 Ländern dabei. Partnerland ist vom 17. bis zum 26. Januar Kroatien.

  • Podium:

    Experten und Politiker diskutieren hier Fragen von Landwirtschaft und Ernährung in zahlreichen Kongressen, Foren, Podiumsrunden und Seminaren. Seit Jahren nutzen auch Kritiker der modernen Ernährungsindustrie die Messe als Podium. (dpa)

„Fridays vor Future“ will das Gespräch auch in den Messehallen suchen, nicht nur davor. „Die Grüne Woche ist ein guter Ort, uns zu präsentieren und auf die Klimaziele aufmerksam zu machen“, sagt Lilith Rein als Vertreterin der Initiative. Redebedarf gibt es viel. Denn Landwirte fürchten, dass zusätzliche Vorgaben auch finanziell kritisch werden könnten. Auf Investitionskosten für mehr Tierwohl in den Ställen und höhere Standards auf Äckern dürften die Höfe nicht sitzenbleiben, mahnt Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU).

Das lenkt den Blick auf die Einflussmöglichkeiten der Verbraucher – und Billigangebote im Supermarkt. Wie passen Erwartungen nach mehr Umwelt- und Tierschutz und Schnäppchen wie vier Puten-Hacksteaks für 1,59 Euro zusammen? Man müsse sich bewusst machen, dass jedes ausgewählte Produkt eine Bestellung auslöse, betont Klöckner. „Wer Bio auf den Feldern will, muss Bio kaufen.“ Die Verbraucherzentralen fordern dafür aber auch mehr Informationen für Kaufentscheidungen. „Der Preis ist keine Orientierung für Qualität“, konstatiert der Chef des Bundesverbands, Klaus Müller. Nötig sei, Verbrauchern deutlich zu machen, wo es unterschiedliche Produkt- und Prozessqualitäten gebe.

Klöckner stärkt Bauernsicht

Auftakt soll die Messe für eine Reihe von Dialogveranstaltungen und eine „Wertschätzungskampagne“ sein, mit der Klöckner durchs Land touren will. Dabei sollen Landwirtschafts- und Umweltverbände, Verbraucher und Politik an einen Tisch. „Eine städtisch zentrierte Sichtweise wird von der ländlichen Bevölkerung zu Recht als Kampfansage verstanden“, sagt sie. In der Klimadebatte fühlen sich viele Bauern zu Unrecht an den Pranger gestellt. So lautete ein Slogan auf der Berliner Traktoren-Demo: „No farmers, no future“.

Wirtschaftlich gehen viele Bauern angespannt ins Jahr. Die Gewinne sackten im vergangenen Wirtschaftsjahr 2018/19 auf breiter Front ab. Dabei schlugen auch Ernteschäden wegen der extremen Dürre 2018 in vielen Regionen ins Kontor. Akute Sorgen macht der Branche auch etwas anderes. Von Berlin ist es nicht weit bis Polen. Und dort ist wenige Kilometer hinter der Grenze die für Menschen ungefährliche Afrikanische Schweinepest festgestellt worden. Messebesucher müssen deshalb wie im Vorjahr auf den Anblick von Schweinen verzichten, wie ein Messesprecher sagt – aus Sicherheitsgründen für die Tiere.

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