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Kelheim – der Touristenmagnet

Der Landkreis Kelheim bietet großartige Natur und anspruchsvolle Jobs, doch es gibt auch Probleme: Fachkräfte fehlen.
Von Marion Koller

Vogelperspektive: Der Donaudurchbruch und das Kloster Weltenburg ziehen Tausende von Gästen aus aller Welt an. Die genießen Natur und Bier. Fotos: Stefan Gruber, eb, Andreas Hub/Tourismusverband Landkreis Kelheim, Patrick Seeger/dpa

Kelheim.Fast 120 000 Menschen leben im Landkreis Kelheim. Unternehmen wie der Autozulieferer SMP in Neustadt und Gründer wie die vier jungen Männer von Bavarian Caps in Kelheim schreiben erstaunliche Erfolgsgeschichten. Insgesamt zählt der Landkreis rund 54 000 Erwerbstätige. Bei der Busanbindung und Taktung der Züge nach Regensburg sowie im Bildungsbereich haben die Bewohner noch offene Wünsche.

Wirtschaftsförderer klagt: Großstädte saugen die Fachkräfte auf

Vogelperspektive: Der Donaudurchbruch und das Kloster Weltenburg ziehen Tausende von Gästen aus aller Welt an. Die genießen Natur und Bier. Fotos: eb, SG, Andreas Hub/Tourismusverband lK kelheim, Patrick Seeger/dpa

Der Landkreis Kelheim lebt vom Handwerk, von mittelgroßen Unternehmen wie Wolf Klimatechnik und kleineren wie dem Kamerapionier PCO – und vom Tourismus. 888 000 Übernachtungen registrierte der Tourismusverband 2017. Das Plus der Region: Sie liegt verkehrsgünstig zwischen Ingolstadt, Landshut, München, Regensburg und Nürnberg. Die dortigen Jobs sind gut erreichbar, zugleich aber saugen die Städte gierig die Fachkräfte auf. Christian Rieger, Wirtschaftsförderer des Landkreises, hofft, dass er Auspendler zurückholen kann. Um Unternehmen anzuwerben, koordiniert Rieger die Ansiedlungspolitik. Jeder soll wissen, wo freie Gewerbeflächen zu haben sind: im Hafen Kelheim-Saal und in Siegenburg etwa. Schlecht sieht es mit Gewerbe-Areal in Neustadt aus, das sich lebhafter Nachfrage erfreut. Mit einer Azubi-Akademie, die Zusatzunterricht bietet, will Rieger Nachwuchs für den Mittelstand gewinnen. Landrat Martin Neumeyer hat sich wegen des Fachkräfte-Engpasses vorgenommen, stärker für das Handwerk zu werben.

Touristen geben 200 Millionen Euro im Jahr aus

Urlauber nutzen gerne die Zille, um Weltenburg zu erreichen. Foto: Andreas Hub/Tourismusverband Landkreis Kelheim

Donaudurchbruch, Burgenvielfalt, Hundertwasserturm: Der Landkreis glänzt mit Sehenswürdigkeiten. Urlauber wissen das zu schätzen. 889 000 Übernachtungen, 5,4 Prozent mehr als im Jahr davor, hat der Tourismusverband im Landkreis Kelheim 2017 registriert. 3,5 Millionen Tagesgäste kommen hinzu. Die Touristen sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Rund 200 Millionen Euro geben sie jedes Jahr aus. Am meisten profitieren laut Florian Best, Geschäftsführer des Tourismusverbands, Gastronomie, Hotels und Handel. „Es ist eine extrem wichtige Branche, die auch das Angebot für Einheimische steigert.“ Sie genießen die Fahrradwege, Schifffahrten und die Auswahl an Gasthäusern genauso. Weil die Urlauber wegen der Natur anreisen, setzt Kelheim auf sanften Tourismus. Wirtschaftsförderer Christian Rieger hofft auf einen Nebeneffekt: Dass die Landschaft – und die günstigen Baulandpreise – Arbeitnehmer anziehen. Der Quadratmeter kostet in Siegenburg 80 Euro, in Teugn 180 und in Abensberg bis zu 350 Euro.

Perspektiven: Der Landrat wünscht sich eine Hochschule

Beim schnellen Internet besteht Nachholbedarf. Unternehmen klagen, dass die Download-Geschwindigkeit für große Ingenieurs-Dateien nicht ausreicht. „Wir warten eine halbe Stunde auf eine CAD-Zeichnung und brauchen deshalb Investitionen von Anbietern wie der Telekom“, fordert Personalchef Volker Folwill vom Autozulieferer SMP. Landrat Martin Neumeyer ist insgesamt zufrieden mit dem blühenden Landstrich, den er „regiert“. Ein paar Ziele aber schweben ihm vor: „Wir hätten gerne eine Hochschule und Fachakademien, etwa im IT- oder Gesundheitsbereich.“ Einen Hochschulableger für Soziales gibt es bereits in Abensberg. Den Hafen Kelheim möchte Neumeyer stärken. Künftig sollen mehr Güter auf dem Wasser transportiert werden.

Intensiv arbeitet Regionalmanagerin Julia Schönhärl an Zukunftsthemen. Weil Pendlerströme anschwellen, fördert sie klimafreundlichen Verkehr – Mitfahrzentrale, Carsharing, E-Bikes.

Das größte Unternehmen: Autozulieferer SMP erzählt Erfolgsstory

Blick in die Montagehalle des Autozulieferers SMP in Neustadt Foto: SMP

SMP Neustadt, mit 2300 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber im Landkreis Kelheim, ist im Drei-Schichtbetrieb ausgelastet. „In unserer Erfolgsstory spiegelt sich die des Landkreises wider“, stellt Personalchef Volker Folwill fest. Mit 350 Mitarbeitern wurde das Unternehmen vor 31 Jahren gegründet, heute gehört es der indischen Samvardhana Motherson Group und beliefert Audi, BMW und Porsche. SMP stellt Stoßfängersysteme, Türseitenverkleidungen und Instrumententafeln her. Das Neustädter Unternehmen ist auch der größte Ausbilder im Landkreis: 100 Azubis lernen dort elf Berufe.

Lesen Sie auch den ersten Teil der Serie: Dass es dem Landkreis Cham so gut geht, verdankt die Region nicht nur der Konjunktur, sondern auch mutigen Mittelständlern und dem florierenden Tourismus.

Verkehr: Zugpendler fordern bessere Busanbindung

Der Saaler Bahnhof wird modernisiert, bekommt wieder Personal und mehr Pendlerparkplätze. Foto: eb

Der Landkreis ist zwar gut angebunden durch Autobahn, B16 und zum Teil die Bahn. Doch die B16 ächzt unter der Verkehrslast. Bahnpendler fordern eine höhere Taktung der Züge von Regensburg nach Saal/Ingolstadt und eine bessere Anbindung des Saaler Bahnhofs an den Bus nach Kelheim. Die Bahn rollt zu Stoßzeiten jede halbe Stunde, der Saaler Bürgermeister Christian Nerb strebt 20 Minuten an. 900 Menschen nutzen täglich den Saaler Bahnhof, darunter Pendlerin Julia S. aus Regensburg. Ihre einzige Kritik: „Der Zug aus Regensburg, der um 7.42 Uhr in Saal ankommt, hat keine Busverbindung nach Kelheim.“ Die 44-Jährige nimmt das Fahrrad, andere Pendler müssen schon um 6.15 Uhr losfahren. Ein 52-jähriger Regensburger findet die Zugverbindung mit Saal nicht schlecht, aber der Übergang zum Kelheimer Bus müsse verbessert werden. Die B16 wird ausgebaut: Zwischen Neustadt-Raffinerie und Mühlhausen kommen Überholspuren. Dasselbe ist bei Bad Abbach geplant: zwischen Alkofen und Lengfeld.

Informieren Sie sich: Auf unserer Spezial-Seite zum A3-Ausbau finden Sie einen Stauticker.

Gründer: Ihre Edelweißkappen passen zur Tracht

Die vier Gründer der „Bavarian Caps“ GmbH in Kelheim beliefern inzwischen 30 Händler mit ihren Kappen. Foto: Bavarian Caps

Auf dem Oktoberfest kamen die Gründer der Bavarian Caps GmbH in Kelheim auf die Firmenidee. Einer von ihnen, Peter Schels, trägt immer ein Cap, doch zur Lederhose erschien ihm das unpassend. „Man kennt dich gar nicht ohne Kappe“, scherzten die Freunde. Im Nu war der Gedanke geboren, bayerische Caps nähen zu lassen. Das erste Exemplar: dunkelgrau mit Edelweiß. 2015 ging der Shop online.

„Das war eine Marktlücke, aber jetzt gibt es Nachahmer.“

Peter Schels, Mitgründer der Bavarian Caps GmbH

Heute beliefern die Vier 30 Händler. Dr. Johannes Sänger (30) und André Lang (31) leiten die Firma hauptberuflich. Peter Schels will Lehrer bleiben und auch der Vierte im Bunde, Sebastian Kolbinger, arbeitet lieber nebenberuflich mit.

Hier finden Sie die bereits erschienenen Serienteile:

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Der Landkreis Kelheim

  • Einwohner:

    Fast 120 000 Menschen leben hier.

  • Arbeitsmarkt

    38 300 Arbeitnehmer sind sozialversicherungspflichtig, insgesamt zählt der Landkreis rund 54 000 Erwerbstätige. Davon arbeiten in der Land-/Forstwirtschaft rund 2200, im produzierenden Gewerbe 19 300 und als Dienstleister 32 000. Die Arbeitslosenquote lag 2017 bei 2,6 Prozent.

  • Pendler

    Es pendeln 13 000 mehr Menschen aus als ein.

Im Video stellen wir zwei junge Gründer aus Ostbayern vor. Video: MZ

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