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Rohstoffe

Kleider aus Milch und Bioplastik

Bund will „Bioökonomie“ mit 2,4 Milliarden Euro fördern. Das Ziel ist klar: Vor allem geht es um weniger Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen.
Von Mechthild Henneke, afp

Sie präsentieren ein rotes Kleid aus Milchprotein v.l.): Die Bundesministerin für Forschung, Johanna Wanka, Christine Lang vom deutschen Bioökonomierat und Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) Foto: dpa

Berlin.. Das Kleid ist knallrot, der Stoff fließend, das Modell eher züchtig. Es ist dennoch der größte Hingucker, als Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und Forschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gemeinsam die am Mittwoch im Kabinett beschlossene Strategie für die „Bioökonomie“ präsentieren. Das Kleid wurde aus Milchfasern hergestellt, „Milch, die nicht mehr für den Handel zugelassen war“, beeilt Aigner sich zu sagen. Das Kleid beweist, dass sich aus Naturstoffen mehr machen lässt, als bisher bekannt ist. Und genau diese Industrie will der Bund jetzt stärker fördern.

Rund 2,4 Milliarden Euro stellt das Bundesforschungsministerium bis 2016 bereit, um Unternehmen zu ermuntern, neue Stoffe und Produkte zu entwickeln. „Wir müssen wegkommen vom Öl und lernen, stärker zu nutzen, was die Natur uns bietet“, sagt Aigner. Ziel sei es, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu vermindern, indem neue Stoffe zum Beispiel aus Rapsöl, Holz oder Hanf entwickelt werden.

Biokohle aus Pflanzenresten

Es gibt bereits zahlreiche Beispiele für solche Produkte: Neben dem Kleid führen die Ministerinnen unter anderem eine Motorabdeckung der Mercedes A-Klasse vor, die zu 70 Prozent aus Bioplastik besteht, außerdem bunte Plastiklöffel und Sandkastenförmchen aus Bioplastik. Auf einem anderen Tisch liegt Biokohle, die aus Pflanzenresten produziert wurde und nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums einen „ähnlichen Energiegehalt“ hat wie Kohle, außerdem Speiseeis aus Lupinen – „keine Gluten, keine Laktose“ – und Hautcremes aus Spinnenseide.

Der Fantasie sind offenbar keine Grenzen gesetzt, und so betont Wanka auch das hohe „Wachstumspotenzial“ des Wirtschaftszweigs. Nach Angaben beider Ministerinnen setzen schon heute viele Unternehmen auf einen Rohstoffmix aus nachhaltig erzeugten nachwachsenden Ressourcen. Sie werden häufig kombiniert mit klassischen Rohstoffen. Ein Beispiel ist die Plastikflasche, die Coca-Cola bei seiner Wassermarke Vio einsetzt und die zu rund einem Drittel aus pflanzlichen Rohstoffen und wiederverwertetem Kunststoff hergestellt wird.

Es muss gewinnbringend sein

Dieses Beispiel nennt Christine Lang gern, geschäftsführende Gesellschafterin des Bioökonomierats, eines Gremiums, das die Regierung berät. „Wichtig ist die Wirtschaftlichkeit“, sagt sie. Die chemische Industrie sei „sehr stark“. Sie werde nur auf nachhaltige Rohstoffe zurückgreifen, wenn diese sich gewinnbringend einsetzen lassen.

Langs Vision ist eine Welt ohne Abfall. Bei einer optimalen Verwertung aller Abfallstoffe könnte dies eintreten. Sie nennt das Beispiel der Berliner Stadtreinigung, die die Hälfte der Energie für ihre Abfallwagen bereits aus Biogas aus den eigenen Anlagen beziehe. In Zukunft wünscht sie sich außerdem „intelligente“ Hausfassaden, die zum Beispiel mit Algen begrünt Energie produzieren – oder landwirtschaftliche Gärten auf den Dächern der Hochhäuser. „Und, dass es keine traditionellen Plastiktüten mehr gibt“, hofft sie.

Die Konkurrenz zwischen dem Anbau von Pflanzen für Lebensmittel und dem von Nutzpflanzen wollen weder die Ministerinnen noch Lang stehen lassen. Kritiker der Bioökonomie befürchten eine Beeinträchtigung der Lebensmittelproduktion. „Die Produktion von Lebensmitteln muss immer Vorrang haben“, sagt Aigner. Die am Mittwoch beschlossene Strategie wolle beide Anbauarten miteinander „in Einklang“ bringen. Nach Informationen des Landwirtschaftsministeriums werden derzeit drei Prozent der insgesamt zwölf Millionen Hektar Ackerland-Fläche in Deutschland für den Anbau von Industriepflanzen verwendet.

Der Deutsche Bauernverband begrüßt jedenfalls die Förderung der Bioökonomie. „Sie kann helfen, die Herausforderungen der Welternährung und der Energiewende zu meistern“, erklärt der Verband. Hemmnisse sieht er in „wissenschaftsskeptischen Einstellungen in der Bevölkerung“. Für viele Menschen in Deutschland sind Kleider aus Milch heutzutage noch äußerst ungewohnt.

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