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Landkreis Neumarkt: Der Senkrechtstarter

Die Region hat sich entwickelt. Doch der Fachkräfte-Engpass bremst Unternehmen, auch auf dem Land gibt es Probleme.
Von Marion Koller, MZ

Blick in die Sudpfanne der Lammsbräu: Die Ökobrauerei ist eines der bekanntesten Neumarkter Unternehmen – und floriert. Foto: altrofoto.de, Auer, Landratsamt Neumarkt, Hubert Bösl, Wolfram Kastl/dpa

Neumarkt.In wenigen Jahrzehnten hat sich der einst bäuerlich geprägte Landkreis Neumarkt zum wirtschaftlichen Senkrechtstarter gewandelt. Doch der Fachkräfte-Engpass bremst die Unternehmen. Die lückenhafte Busanbindung der kleinen Gemeinden erschwert manchen Dorfbewohnern den Alltag. Rufbusse und abendliche Anruf-Sammeltaxis sollen das ändern.

Wirtschaftsförderer: Die Industrie ist beim Thema Digitalisierung weiter als die Dienstleister

Michael Gottschalk, Wirtschaftsförderer des Landkreises Neumarkt, baut zusammen mit der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkerschaft bis Ende 2018 ein Fachkräfteportal auf. Foto: Landratsamt Neumarkt

Der Fachkräftemangel setzt den Unternehmen im Kreis Neumarkt zu. „Manche Betriebe verzichten auf eine Erweiterung, weil sie nicht genügend Personal bekommen“, beobachtet Michael Gottschalk, Wirtschaftsförderer des Landkreises. Zusammen mit der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkerschaft baut er bis Ende 2018 ein Fachkräfteportal auf.

Die Neumarkter Lage zwischen Regensburg, Nürnberg und Ingolstadt sowie die Verkehrsanbindung über drei Autobahnen und eine Bahnhauptstrecke beurteilt Gottschalk als exzellent. Beim Breitband sei der Landkreis sehr weit. „Es gibt nur kleine Lücken bei Weilern und Einzelgehöften.“ Doch bei der Mobilfunkversorgung existieren weiße Flecken, die beseitigt werden müssen. Die Industrie 4.0 ist längst auf dem Weg, „aber wir brauchen auch eine Dienstleistung 4.0“, sagt Gottschalk. Damit meint er die Digitalisierung in diesem Bereich. Beim Öffentlichen Personennahverkehr peilt der Wirtschaftsförderer abendliche Anruf-Sammeltaxis an.

ÖPNV: Gemeinden testen das Anruf-Sammeltaxi

Der Pypolino ist als Rufbus unterwegs. Foto: Michael Krejci, Landratsamt

Beim Öffentlichen Personennahverkehr handelt der Landkreis innovativ. Es gibt den festen ÖPNV und die Bahn. Darüber hinaus können die Bewohner aller Gemeinden zum normalen Tarif einen Rufbus nutzen. Einzige Voraussetzung: Sie müssen eine Stunde vor der gewünschten Fahrt anrufen. 38 000 Fahrgäste zählte das Landratsamt 2017. Gedacht ist das Angebot für Ältere und für Familien, die nur ein Auto besitzen. Der Freistaat trägt 30 Prozent der Kosten, den Rest teilen sich Kreis und Gemeinden. Den Zweistundentakt der Bahn zwischen Regensburg und Nürnberg möchte Wirtschaftsförderer Gottschalk auf eine Stunde verbessern. Gemeinsam mit dem Landkreis Regensburg hat er das bei der Bayerischen Eisenbahngesellschaft beantragt. Auch einen weiteren S-Bahnhaltepunkt – beim Staatlichen Beruflichen Schulzentrum in Neumarkt – fordert der Landkreis. In zwei von 19 Gemeinden wird ein abendliches Anruf-Sammeltaxi in Richtung Neumarkter Bahnhof erprobt. Bewährt es sich, folgen alle Kommunen.

Lesen Sie auch den ersten Teil der Serie: Dass es dem Landkreis Cham so gut geht, verdankt die Region nicht nur der Konjunktur, sondern auch mutigen Mittelständlern und dem florierenden Tourismus.

Fachkräftemangel: Lammsbräu hält gute Leute mit neuen Ideen

Susanne Horn, die Generalbevollmächtigte von Lammsbräu in Neumarkt, setzt vollkommen auf Ökologie. Foto: Hubert Bösl

Ein Problem setzt der Generalbevollmächtigten der Lammsbräu, Susanne Horn, und ihrem Co-Geschäftsführer Johannes Ehrnsperger zu: der Fachkräftemangel. Die Neumarkter Ökobrauerei wächst Jahr für Jahr. Mittlerweile beschäftigt sie rund 120 Menschen. Um Mitarbeiter zu halten, ergreift Lammsbräu ungewöhnliche Maßnahmen. Wenn ein junger Brauer studieren will, kann er in den Semesterferien weiterhin bei dem Familienunternehmen arbeiten und bezieht den normalen Lohn. „Wir halten engen Kontakt, damit gute Leute nach dem Studium zurückkehren“, sagt Horn. Auch in der Logistik werde es schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Weil zwei Bierfahrer in den Ruhestand wechseln, bietet Lammsbräu erstmals eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer an. Das machen sonst Speditionen. Jürgen Kotzbauer, Sprecher der Firmengruppe Bögl, bilanziert: Die weichen Standortfaktoren und erfolgreichen Unternehmen bedeuteten Vollbeschäftigung. Kehrseite sei ein leer gefegter Jobmarkt.

Perspektiven: Technologie-Campus bringt digitale Fertigung

Schwerpunkt des geplanten Technologie-Campus ist die digitale Fertigung, zum Beispiel der Metall-3-D-Druck. Foto: Wolfram Kastl/dpa

Der Landkreis bekommt einen Technologie-Campus in Parsberg-Lupburg und setzt darauf große Hoffnungen. Die Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg und die Technische Hochschule Deggendorf wirken mit. Schwerpunkt ist die digitale Fertigung. Es gibt genügend Jobs im Kreis – auch für Hochqualifizierte, allerdings pendeln mehr Menschen aus als ein. Das wollen die Wirtschaftsförderer ändern. Man könne im Landkreis Karriere machen – auch nach einem Studium. „Da haben wir noch einen gewissen Aufholbedarf, aber wir sind gut unterwegs. Es tut sich viel“, sagt Landrat Willibald Gailler. Wirtschaftsförderer Gottschalk weist auf die weichen Standortvorteile hin. „Man kann bei uns einen sehr guten Arbeitsplatz haben – und gleichzeitig gut wohnen.“ Die Baulandpreise sind in den ländlichen Gegenden niedrig, in Neumarkt selbst jedoch in die Höhe geschnellt. Die Lebensqualität aber ist überall hoch.

Großunternehmen: Firmengruppe Bögl lobt die starke Region

Die Firmengruppe Bögl ist weltweit tätig und beschäftigt 6500 Menschen. 100 Stellen könnten sofort besetzt werden. Foto: Auer

Die Firmengruppe Max Bögl ist mit weltweit mehr als 6500 Mitarbeitern und 1500 am Standort Sengenthal das größte Unternehmen im Landkreis. Jürgen Kotzbauer, Leiter Öffentlichkeitsarbeit bei Bögl, lobt den Landkreis als „eine unheimlich starke Region“ mit innovativen Firmen.

„Die Firmengruppe Max Bögl allein hat über 100 offene Stellen zu besetzen.“

Doch das und die Vollbeschäftigung führten dazu, dass es für Unternehmen immer schwieriger werde, Fachkräfte zu finden. „Allein die Firmengruppe Max Bögl hat über 100 offene Stellen zu besetzen und würde sich freuen, wenn man auch über den Landkreis hinaus Mitarbeiter für die Region gewinnen könnte.“

Gründer: Ein 22-Jähriger rettet Gemüse vorm Müll

Mit seinem Onlineshop „Rübenretter“ sorgt Pascal Nießlbeck dafür, dass von den großen Lebensmittelketten aussortiertes Obst und Gemüse doch noch Abnehmer findet. Foto: Nießlbeck

Der Neumarkter Pascal Nießlbeck hat im Juni 2017 den Onlineshop „Rübenretter“ gestartet. Die Geschäftsidee: „Krumme Gurken oder Äpfel mit Macken landen meist nicht im Handel, sondern im Müll“, sagt der 22-Jährige. Die Einkäufer der großen Ketten lehnen dieses Obst und Gemüse ab, weil es den Kundenansprüchen nicht genügt. Zum Wegwerfen aber ist es viel zu schade. Die Bauern bringen ihm die übriggebliebene Ernte, Nießlbeck verpackt Kohl, Karotten und Zucchini in Fünf-Kilo-Kartons und DHL fährt sie zu den Bestellern. Der Shop stößt auf lebhafte Resonanz. „Die Umwelt zählt. Da findet ein Umdenken statt“, sagt Nießlbeck.

Hier finden Sie die bereits erschienenen Serienteile:

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Der Landkreis Neumarkt

  • Einwohner

    130 000 Menschen leben im Landkreis Neumarkt, 40 000 sozialversicherungspflichtige Jobs und 64 500 Erwerbstätige gibt es.

  • Der Mittelstand

    Die ländlich geprägte Region hat aufgeholt und lebt von florierenden Mittelständlern.

  • Zukunft

    Das Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung bescheinigt dem Landkreis in der Studie „Deutschland 2020“ hohe Zukunftsfähigkeit. Im Vergleich von 440 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten liegt er auf dem 9. Platz.

Im Video sehen Sie zwei junge Gründer aus Roding und Pielenhofen.

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