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Wirtschaft

Landkreis Schwandorf: Der Aufsteiger

Die Region prosperiert. Job- und Einwohnerzahlen klettern nach oben. Sogar Regensburger nutzen günstige Grundstückspreise.
Von Marion Koller

BMW in Wackersdorf ist der größte Arbeitgeber im Kreis Schwandorf. Fotos: Koller, Nosso a. Geiss, BMW, Weigel/dpa, Animation/InMotionGmbH, Zwick
BMW in Wackersdorf ist der größte Arbeitgeber im Kreis Schwandorf. Fotos: Koller, Nosso a. Geiss, BMW, Weigel/dpa, Animation/InMotionGmbH, Zwick

Schwandorf.145 000 Menschen leben im Landkreis Schwandorf. 50 000 Beschäftigte zählt die Region. Wirtschaftskraft hat dort Tradition. Aus den Flözen des Braunkohleabbaus ist das Oberpfälzer Seenland geworden, ein Freizeitgebiet.

Zwei große Sorgen aber haben die Unternehmen: die schleppende Digitalisierung und den Fachkräftemangel.

Wirtschaftsförderung: Günstiges Bauland soll Fachkräfte anziehen

Maria Schuierer leitet die Wirtschaftsförderung der Stadt Schwandorf. Foto: Koller
Maria Schuierer leitet die Wirtschaftsförderung der Stadt Schwandorf. Foto: Koller

In Stadt und Landkreis herrscht fast Vollbeschäftigung. „Unsere Firmen kämpfen mit dem Fachkräftemangel“, sagt Maria Schuierer, Leiterin der Schwandorfer Wirtschaftsförderung. Um Arbeitskräfte anzuziehen, weist die Stadt Wohngebiete aus. „Wir sind dabei, das Baugebiet ‚Hasenbuckel II‘ in Fronberg zu entwickeln“, erklärt Schuierer. Sogar Regensburger kaufen in Schwandorf Grundstücke, weil das erschlossene Land nur zwischen 100 und 120 Euro pro Quadratmeter kostet.

„Bei uns kann man sich noch ein Haus mit Garten leisten.“

Maria Schuierer, Wirtschaftsförderung Stadt Schwandorf

Die Stadt versucht, selbst Bauland zu entwickeln, damit Spekulanten keine Chance haben. Rudolf Reger vom Landratsamt betont, ansiedlungswillige Firmen fänden günstige Industrieflächen. Zwei Probleme beschäftigen Schuierer: Dass das Stadtgebiet begrenzt wird von Naab, Weinbergen und Bahn, macht Bauland knapp. Die Digitalisierung in ländlichen Ortsteilen hinkt trotz Förderung hinterher. Rudolf Reger sieht als größte Schwächen die demografische Entwicklung besonders im östlichen Landkreis und damit verbundene Defizite bei Busverbindungen.

Digitalisierung: Durch langsames Netz gehen Aufträge verloren

Schreinermeister Michael Bräu aus Neukirchen, einem Schwandorfer Stadtteil, hat lange unter der zu langsamen Digitalisierung gelitten. Foto: Koller
Schreinermeister Michael Bräu aus Neukirchen, einem Schwandorfer Stadtteil, hat lange unter der zu langsamen Digitalisierung gelitten. Foto: Koller

Schreinermeister Michael Bräu aus dem Schwandorfer Stadtteil Neukirchen hat sich nach jahrelangem Warten auf das schnelle Internet kürzlich selbst geholfen. Freilich musste er mehrere Tausend Euro hinblättern. „Mit der Schwandorfer Stadtverwaltung habe ich abgeschlossen, weil sich die ums Internet in Neukirchen nicht annimmt“, schimpft der 36-Jährige. Mit dem offiziellen Netz kann er nicht einmal eine E-Mail mit Fotos senden.

Der Handwerker in der Peripherie, dessen zehnköpfige Belegschaft Möbel nach Maß, Türen und Sonderanfertigungen produziert, litt sehr unter dem langsamen Netz. Er konnte keine Onlinebestellungen an Zulieferer senden, Fernwartung für die Maschinen war unmöglich. „Ich habe manchen Auftrag verloren, weil das Leistungsverzeichnis von Architekten nie ankam“, schildert Michael Bräu. „Und weil die Kunden keine Bilder schicken konnten, wie das Möbelstück aussehen soll.“ Der Betrieb habe stoßweise CDs per Post verschickt.

Verkehr: Die Elektrifizierung der Bahn kommt

 Die Elektrifizierung der Strecke von Regensburg über Schwandorf nach Hof soll laut Bahn bis zum Winterfahrplan 2022/23 abgeschlossen sein. Foto: Armin Weigel/dpa
Die Elektrifizierung der Strecke von Regensburg über Schwandorf nach Hof soll laut Bahn bis zum Winterfahrplan 2022/23 abgeschlossen sein. Foto: Armin Weigel/dpa

Mit den Autobahnen A 93 und A 6 sowie dem Bahnknotenpunkt Schwandorf kreuzen sich im Landkreis wichtige überregionale Verkehrsadern. Sie bieten den Unternehmen und Bewohnern gute Verbindungen nach Regensburg, München, Nürnberg und Prag. „Mit unserer Verkehrserschließung sind wir sehr zufrieden“, stellt Maria Schuierer von der Schwandorfer Wirtschaftsförderung fest.

Doch eines fehlt noch: die Elektrifizierung der Bahnstrecke von Regensburg über Schwandorf nach Hof. Die Deutsche Bahn hat Ende 2017 mit der Planung begonnen. Komfortable, leise und umweltfreundliche Züge, kürzere Reisezeiten, den Anschluss ans Intercity-Netz und die Verlagerung von Gütern auf die Schiene verspricht das Unternehmen. Wann kommen Elektrifizierung und Lärmschutz? Die Deutsche Bahn hat für den Winterfahrplan 2022/23 eine elektrifizierte Intercity-Verbindung von München nach Dresden avisiert – über Regensburg, Schwandorf und Hof. Die Zeiteinschätzung erscheint sehr optimistisch.

Perspektiven: Die Erlebniskugel wird zur Touristenattraktion

So wird die 40 Meter hohe, begehbare Holzkugel aussehen. Animation/InMotionGmbH
So wird die 40 Meter hohe, begehbare Holzkugel aussehen. Animation/InMotionGmbH

In der Schwandorfer Innenstadt fallen Leerstände auf. Das Zentrum könnte also mehr Besucher vertragen. Das will Citymanager Roland Kittel erreichen. Erste Maßnahme: Die Stadt lässt die stark befahrene Friedrich-Ebert-Straße in eine Verbindung mit Aufenthaltsqualität umbauen. Eine reine Fußgängerzone lehnt Kittel ab, da Schwandorf von der Fläche her die fünftgrößte Stadt Bayerns ist und viele auf das Auto angewiesen sind. Der Durchgangsverkehr aber soll verbannt werden.

Die Zahl der Touristen im Landkreis steigt kontinuierlich. Für noch mehr Schub soll die weltgrößte begehbare „Erlebnisholzkugel“ am Steinberger See mit 40 Metern Höhe sorgen.

Schwandorf wünscht sich einen Ableger der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden. Maria Schuierer von der Wirtschaftsförderung könnte sich eine Kooperation der Döpfer-Schulen mit der OTH vorstellen. Doch das ist Zukunftsmusik.

Benteler in der Stadt, BMW im Landkreis vorne

Benteler Automotive bietet 650 Jobs – und erweitert. Foto: Zwick
Benteler Automotive bietet 650 Jobs – und erweitert. Foto: Zwick

Benteler Automotive ist mit 650 Mitarbeitern das größte Unternehmen in Schwandorf – und erweitert. Der größte Arbeitgeber im Landkreis ist BMW in Wackersdorf. Laut Pressesprecher Eric Metzler sind im BMW Innovationspark 3000 Menschen beschäftigt. Einige hundert davon stellen Cockpits her und verarbeiten Carbon-Gelege; der Großteil kümmert sich um Logistik und Verpackung, zum Teil in Partnerbetrieben. BMW hält die derzeitige Belegschaft, Einstellungen sind nicht geplant. „Die Zusammenarbeit könnte nicht besser sein“, lobt Metzler die Kontakte zu Stadt und Kreis.

Gründer: Kokoswasser als Geschäftsidee

Gründer Andy Geiß mit dem Kokoswasser, das innerhalb von 24 Stunden geerntet und abgefüllt wird. Foto: Geiß
Gründer Andy Geiß mit dem Kokoswasser, das innerhalb von 24 Stunden geerntet und abgefüllt wird. Foto: Geiß

Eine der interessantesten Firmengründungen in der Region: Andreas Geiß mit Nosso, das er mit Freunden im Juli 2017 startete. Der 49-Jährige vertreibt ein reichhaltiges Kokosnusswasser aus Brasilien, das ein lokaler Partner auf eigener Plantage und mit eigener Abfüllanlage herstellt. „Der perfekte Durstlöscher für gesundheitsbewusste Sportler“, sagt Geiß, der Verkaufsleiter bei Veltins und Geschäftsführer bei Luckenwalder Fleischwaren war. Das Kokoswasser werde innerhalb von 24 Stunden geerntet und abgefüllt. Es enthalte viele Vitamine, kein Fett und keinen Fabrikzucker. Der Shop heißt nosso-brands.com online.

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Der Landkreis Schwandorf

  • Einwohner

    145 000 Menschen leben im Kreis Schwandorf. Wirtschaftskraft hat dort Tradition. Aus den Flözen des Braunkohleabbaus ist das Oberpfälzer Seenland geworden, ein Freizeitgebiet. 50 000 Beschäftigte zählt der Kreis.

  • Arbeitsmarkt

    Mehr als 5500 Jobs bietet der Innovationspark Wackersdorf mit BMW, Autozulieferern und Mittelständlern. In der Stadt Schwandorf sind Benteler Automobiltechnik (650 Mitarbeiter), die Horsch Maschinen GmbH (550), das Krankenhaus und Wolf Wurst die großen Arbeitgeber.

Im Video sehen Sie zwei junge Gründer aus Roding und Pielenhofen.

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