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Landwirtschaft

Landwirtschaft muss sich verändern

Verursacher und Betroffene zugleich: Die Bauern leiden unter dem Klimawandel – den sie auch mitverursacht haben.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Der Hitzesommer 2018 hat Spuren hinterlassen. Foto: meryll - stock.adobe.com
Der Hitzesommer 2018 hat Spuren hinterlassen. Foto: meryll - stock.adobe.com

Freising.Staubtrockene Felder, verdorrte Pflanzen und großflächige Waldbrände – der Hitzesommer hat deutliche Spuren hinterlassen. Im August waren rund 90 Prozent der Fläche Deutschlands von der Dürre betroffen. Das führte bei Getreideerzeugern zu Ernteeinbußen und bei den Milchviehhaltern zu Futtermangel. Nun sagen Klimaforscher: Das war nicht einfach nur ein heißer Sommer, sondern ein Vorbote des Klimawandels. Schon heute ist es im Vergleich zum Mittelwert von 1971 bis 2000 in Bayern um mehr als ein Grad wärmer. Die Landwirtschaft ist vom Klimawandel in zweierlei Hinsicht betroffen: Zum einen leidet sie am unmittelbarsten unter extremen Wetterereignissen. Jedes Grad Celsius Temperaturerhöhung verringert etwa die Weizenproduktion im Schnitt um sechs Prozent. Auf der anderen Seite ist die Landwirtschaft mit ihren agrarindustriellen Produktionssystemen einer der Verursacher des Klimawandels. Dafür verantwortlich sind vor allem Methan-Emissionen aus der Tierhaltung und Lachgas-Emissionen als Folge der Stickstoffdüngung. Rund zwölf Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen stammen aus der Landwirtschaft. Sie ist es deshalb auch, die aus der ökologischen Schieflage führen kann.

Neue Genotypen züchten

„Die Landwirtschaft ist ein Teil des Problems, sie muss sich weiterentwickeln“, sagt Prof. Dr. Kurt-Jürgen Hülsbergen vom Lehrstuhl für Ökologischen Landbau und Pflanzenbausysteme am Wissenschaftszentrum Weihenstephan. Hülsbergen möchte bewusst nicht von einer „Agrarwende“ sprechen. Der Begriff sei unscharf und zu einer Art Kampfbegriff verkommen, der einen Berufsstand diffamiere. Ungeachtet dessen seien weitergehende Anstrengungen bei der nachhaltigen Neuausrichtung des Ackerbaus unerlässlich. Die Stellschrauben, um die Landwirtschaft ressourcen- und klimaschonender zu machen, sind laut Hülsbergen zahlreich und stehen miteinander in Wechselwirkung. Ein erster Ansatzpunkt stellt für ihn die Rückbesinnung auf das Fruchtfolgenprinzip dar. „Wir müssen eine vielseitige Fruchtfolge fördern, um die Biodiversität und die pflanzliche Vielfalt zu erhalten.“ Betriebe sollten sich nach Möglichkeit auch auf mehrere Zweige stützen, beispielsweise auf Ackerbau, Viehzucht und Verarbeitung. Die Wissenschaft müsse die Züchtung von hitze- und trockenstresstoleranten Pflanzen vorantreiben. Hülsbergen meint damit in erster Linie etablierte Kulturarten wie Weizen und Gerste, von denen neue Genotypen gezüchtet werden müssten. Künftig werden auch wärmeliebende Arten wie Sonnenblumen oder Sojabohnen eine größere Rolle spielen.

Eine zentrale Stellschraube ist nach Ansicht von Hülsbergen der Humusaufbau, denn dadurch steigt das Wasserhaltevermögen der Böden. Zudem müsse der Verdichtung des Bodens begegnet werden, die dazu geführt habe, dass die Böden bei Starkniederschlagereignissen nicht mehr genug Wasser aufnehmen können, wodurch es zu Oberflächenabfluss und Bodenerosion kommt. Wie Humus gezielt aufgebaut werden kann, zeigt das Beispiel des Freisinger Biobauern Sepp Braun, der auf seinem Hof ein nachhaltiges Kohlenstoffspeichersystem im Boden aufgebaut hat. Mit einer siebengliedrigen Fruchtfolge, leichten Maschinen, einer pfluglosen Bodenbearbeitung und einer ganzjährigen Bodenbedeckung durch Untersaaten aus Kleegras – die gleichzeitig Futtergrundlage für seine 22 Milchkühe sind – schafft es Braun, pro Jahr 0,1 Prozent Humus aufzubauen. Das erscheint wenig, bringt jedoch viel: Untersuchungen des Wissenschaftszentrums Weihenstephan haben ergeben, dass sich auf den Flächen Brauns rund 400 Regenwürmer pro Quadratmeter tummeln – in konventionell bearbeiteten Böden finden sich pro Quadratmeter zumeist kaum mehr als 20 der bodenverbessernden Lebewesen. Auch die Versickerungsleistung von Brauns Acker ist mit 150 Litern Wasser pro Quadratmeter enorm hoch. „Bei der Sturmflut in Simbach regnete es mit rund 175 Litern pro Quadratmeter nur wenig mehr. Das zeigt, wie wichtig es wäre, die Versickerungsleistung zu verbessern.“ Der Aufbau humusreicher Böden ist auch das Ziel der Interessengemeinschaft gesunder Boden e. V. (IG) aus Regensburg, einem Netzwerk aus Wissenschaftlern und Praktikern. Bereits zum dritten Mal richtet die IG auch 2018 wieder einen „Internationalen Bodentag“ aus. Die riesige Resonanz darauf zeigt, wie groß der Informationsbedarf ist.

Tierbestand an Fläche binden

Ein weiterer Ansatzpunkt ist Hülsbergen zufolge die Reduzierung von Stickstoffeinträgen durch eine gezieltere Düngung. Hier könne auch die Digitalisierung helfen, sagt der Forscher. Ein gravierendes Problem sei außerdem die Tierhaltung. Hülsbergen fordert eine „flächengebundene Tierhaltung“, die festlegt, wie viele Tiere pro Hektar eine bestimmte Fläche höchstens verträgt. „Wir sollten außerdem nicht mehr produzieren, als wir selber verbrauchen. Es ist nicht einsichtig, warum Deutschland Schweinefleisch für den Weltmarkt produziert.“ Nach Angaben des Bund Naturschutzes wird in Deutschland viel mehr Fleisch produziert als verbraucht wird: Der Selbstversorgungsgrad liegt bei 117 Prozent. Die Bundesregierung müsse sich jetzt für eine Abkehr der Exportstrategie von Billigfleisch einsetzen. Die Realität sieht derzeit anders aus: Im ersten Halbjahr 2018 ist die Fleischproduktion erneut gestiegen. Auch Hülsbergen räumt ein, dass der Fleischkonsum tendenziell abnehmen müsse. Wie es in der Tierhaltung anders geht, zeigt Biobauer Braun: Seine behornte Milchkuhherde ist ein Teil des Nährstoffkreislaufs in seinem Betrieb. Die Weidehaltung wirkt sich positiv auf die Emissionen aus, gleichzeitig trägt sie – ebenso wie der Verzicht auf Kraftfutter – zum Aufbau von Humus bei.

Gefahr für die Ernährungssicherheit ist nach Ansicht von Hülsbergen durch eine Ökologisierung der Landwirtschaft nicht zu befürchten. Im „Kritischen Agrarbericht 2018“ werden allerdings zwei Bedingungen genannt, um den Bedarf auch mit niedrigeren Erträgen und ohne Import decken zu können: die Halbierung des Fleischkonsums und der Lebensmittelabfälle. Agrarwissenschaftler Dr. Felix Prinz zu Löwenstein spricht in diesem Zusammenhang von einer „ökologischen Intensivierung“. Bei diesem Konzept geht es darum, die Landwirtschaft weltweit im Sinne einer Intensivierung biologischer Prozesse – vor allem der Photosynthese sowie von Prozessen, die dem Bodenleben dienen – zu ökologisieren. „So gelingt ein intensives Wirtschaften mit hohen Erträgen, aber innerhalb der planetaren Belastungsgrenze“, erklärt zu Löwenstein.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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