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Beruf

Lehrlinge werden wählerischer

Mehr Auszubildende lösen ihren Vertrag vorzeitig auf. Experten in Ostbayern sehen aber keinen Anlass für Alarm.
Von Marianne Sperb

Ein Lehrling in einem landwirtschaftlichen Betrieb erntet Grünkohl: Obwohl Auszubildende in der Landwirtschaft eine vergleichsweise geringe Vergütung erhalten, brechen relativ wenige die Ausbildung ab. Foto: Holger Hollemann/dpa
Ein Lehrling in einem landwirtschaftlichen Betrieb erntet Grünkohl: Obwohl Auszubildende in der Landwirtschaft eine vergleichsweise geringe Vergütung erhalten, brechen relativ wenige die Ausbildung ab. Foto: Holger Hollemann/dpa

Regensburg.Jeder vierte Lehrling bricht ab: Unter dieser Schlagzeile fassten am Mittwoch zunächst die „Süddeutsche“ und dann zahlreiche Medien den Entwurf des Berufsbildungsberichts 2018 zusammen. Nach den Zahlen des Bundesbildungsministeriums hat Deutschland mit 25,8 Prozent vorzeitig beendeter Ausbildungsverhältnisse den schlechtesten Wert seit Beginn der 1990er erreicht. Damals bewegten sich die Quoten bei 20 bis 25 Prozent.

Dem Bericht zufolge werden eine Reihe von Gründen genannt. Belastende Arbeitszeiten, falsche Berufsvorstellungen oder Konflikte mit Vorgesetzten führen Lehrlinge häufig als Auslöser an. Betriebe dagegen zählen überwiegend mangelnde Leistungen der Azubis, fehlende Motivation und zu wenig Integration in den Arbeitsablauf auf.

Die Ursachen und die Quoten vorab aufgelöster Ausbildungsverträge unterscheiden sich stark, von Branche zu Branche und von Betrieb zu Betrieb. Am meisten Abbrecher finden sich laut Analyse bei Sicherheits-Fachkräften (50,6 Prozent), am wenigsten unter künftigen Verwaltungsfachangestellten (4,1 Prozent).

Mindestvergütung versprochen

Der Bildungsbericht befeuert die Debatte um mehr Geld für Lehrlinge. Laut Koalitionsvertrag soll ab 2020 eine Mindestvergütung für Azubis gelten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) macht Druck, die Pläne zügig umzusetzen. Wo Lehrlinge besonders wenig Geld bekämen, sei die Abbrecherquote auch besonders hoch, wird DGB-Vizechefin Elke Hannack in Medienberichten zitiert. Der Zusammenhang ist allerdings nicht gedeckt.

„Das Geld muss passen – aber viel wichtiger sind Auszubildenden Faktoren wie Wertschätzung oder Betriebsklima.“

Hans Schmidt

Das „Handelsblatt“ verwies am Mittwoch auf frühere DGB-Angaben. Danach lösen nur 15 Prozent der Jung-Landwirte (611 Euro im ersten Lehrjahr) ihren Azubi-Vertrag vorzeitig auf. Bei Malern und Lackierern dagegen liege die Quote bei 40 Prozent – obwohl sie nur elf Euro weniger im Monat in der Tasche hätten.

Wirtschaftsverbände warnen, die Vergütung staatlich festzuschreiben. Gerade kleinere Betriebe könnten überlastet werden und in der Folge ihr Engagement zurückfahren. „Die Politik denkt nur einen Schritt voraus, nicht zwei“, zitiert die SZ (Februar) Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Er warnt vor Gegenreaktionen: Wenn Ausbildung teurer wird, könnten Betriebe schlicht weniger Lehrstellen anbieten.

Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz, bekräftigt das Nein zu starren Vergütungen. Die Sozialpartner müssten flexibel auf regionale oder branchenspezifische Unterschiede eingehen können.

Eine angehende Friseurin an einem Puppenkopf: Die Gründe für das vorzeitige Ende einer Lehre sind vielfältig. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Eine angehende Friseurin an einem Puppenkopf: Die Gründe für das vorzeitige Ende einer Lehre sind vielfältig. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Der Friseurlehrling wird in der Debatte häufig als markantes Beispiel für geringe Vergütung genannt. Angehende Friseurinnen starten mit 406 Euro im Monat. Ab Mitte 2018 steigt das Entgelt allerdings auf gut 500 Euro, betont Harald Raml aus Weiden, Obermeister der Friseurinnung Nordoberpfalz. Außerdem gebe es die Möglichkeit zur Ausbildungsbeihilfe. Höhere Vergütungen seien schwierig. „Die Dienstleistung müsste teurer werden. Und ob diese Preise noch konkurrenzfähig sind, ist fraglich – auch mit Blick auf den Schwarzmarkt.“

Viele wechseln nur das Fach

Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung bei der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim, rückt griffige Zusammenfassungen des Reports 2018 zurecht: „Leider wird immer wieder von Abbrechern geschrieben – es handelt sich aber um gelöste Ausbildungsverträge. Kaum jemand geht nach der frühzeitig beendeten Lehre tatsächlich verloren.“ Etwa jeder zweite Azubi, der den Vertrag löst, bleibe im Ausbildungssystem. Er wechsle den Betrieb, die Fachrichtung oder die Ausbildungsart. „Viele verschwinden sofort im dualen Ausbildungssystem.“

Vergütung für Azubis

  • Handwerk:

    Die Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz verzeichnete zu Jahresende 15 648 Ausbildungsverträge. 5699 Verträge wurden 2017 neu eingetragen, 1929 wurden 2017 gelöst. Die Quote der Vertragsauflösungen betrug in Ostbayern – wie im gesamten bayerischen Handwerk – rund 30 Prozent.

  • Industrie und Handel:

    Die IHK Oberpfalz/Kelheim betreute Ende 2017 mehr als 14 000 Auszubildende in 180 verschiedenen Berufen. 2017 wurden 4962 Ausbildungsverträge neu eingetragen, elf weniger als 2016. 500 bis 600 angebotene Lehrstellen blieben offen.

  • Beihilfe:

    Um Lehrlinge, die nicht mehr zu Hause wohnen, besserzustellen, gibt es die Berufsausbildungshilfe der Bundesagentur für Arbeit. 2017 gab die BA 286 Millionen Euro für die Unterstützung der Lehrlinge aus. Bei insgesamt knapp 95 000 Hilfeempfängern wären das im Schnitt gut 250 Euro im Monat pro Azubi.

  • Mindestvergütung:

    Die Bundesregierung plant ab 2020 die Festschreibung des Azubi-Mindestlohns. Er soll sich auf 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Vergütung belaufen. Das wären aktuell im ersten Jahr 635 Euro monatlich, im zweiten 696 und im dritten 768 Euro. Profitieren würden nach Angaben des DGB rund 160 000 Lehrlinge, die heute weniger erhalten – das wären etwa 12 Prozent der insgesamt 1,34 Millionen Azubis im Land.

Detaillierte Zahlen für den IHK-Bereich zu nennen, sei aufgrund der Datenfülle und der unterschiedlichen Parameter schwierig. Nach Kohls Einschätzung zeichne sich aber kein gravierender Negativ-Trend ab. „Man muss das Thema ernst nehmen“, sagt der Berufsbildungsexperte. „Aber das ist kein Krisenthema.“

Junge Leute haben die Wahl

Die Quote von bundesweit 25,8 Prozent, die der Bericht des Ministeriums nennt, bezieht sich auf alle Branchen, von Industrie und Handel bis zu Handwerk. Im bayerischen bzw. ostbayerischen Handwerk bewegt sich die Quote nach dem sogenannten BIBB-Schichtenmodell sogar bei rund 30 Prozent. Die Ursache macht Hans Schmidt von der Handwerkskammer vor allem am veränderten Markt fest: Die Wirtschaft boomt, die Zahl der Schulabgänger sinkt und junge Leute können sich ihre Lehrstelle aussuchen. „Sie haben die Wahl. Da fällt ein Wechsel natürlich leichter.“

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Geld ist laut Experten-Aussagen bei weitem nicht das Argument Nummer eins für ein vorzeitiges Ausbildungsende. „Das Geld muss passen – aber viel wichtiger sind Auszubildenden Faktoren wie Wertschätzung oder Betriebsklima“, sagt Hans Schmidt. Ein niedrigschwelliges Beschwerdemanagement soll helfen, Konflikte früh aufzuspüren. „Raus aus der Schule, rein in die Arbeitswelt: Die Umstellung macht manchen zu schaffen“, betont Ralf Kohl. Auch Karriere-Perspektiven und attraktive Arbeitszeiten spielten eine Rolle. „Oder es fehlte an der Berufsorientierung. Oft liegt schlicht eine Fehlentscheidung vor.“

Für eine falsche Berufswahl könnte eine Zahl aus der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz sprechen: Von den 1929 Ausbildungsverträgen, die 2017 vorzeitig aufgelöst wurden, erfolgten 53 Prozent der Aufhebungen innerhalb des ersten Lehrjahrs. In diesen Fällen wurde die Lehre nicht angetreten oder innerhalb bzw. bald nach der Probezeit beendet. Die Kammern werben deshalb schon lange für mehr Berufsorientierung an Schulen, um Berufseinsteigern eine passgenaue Wahl zu erleichtern.

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Viele Betriebe suchen händeringend Lehrlinge. „Der Mangel an Nachwuchs ist gravierend“, sagen Ralf Kohl von der IHK und Hans Schmidt von der Handwerkskammer übereinstimmend. Vor allem auf dem Land locken Arbeitgeber inzwischen mit einem Extra. Sie zahlen den Führerschein, veranstalten Teambuilding-Termine oder stellen ein iPhone, ein Tablet oder ein Elektroauto zur Verfügung. Das dürfen Azubis dann auch privat nutzen.

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