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Krankenstand

Moderne Arbeitswelt belastet Psyche

Ein hoher Krankenstand ist nicht rein medizinisch begründet – oft liegt es vielmehr an der Unternehmenskultur.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Wie häufig sich Mitarbeiter krank fühlen und tatsächlich auch krank werden hängt auch davon ab, wie sie die Unternehmenskultur erleben. Foto: MG - adobe.stock.com
Wie häufig sich Mitarbeiter krank fühlen und tatsächlich auch krank werden hängt auch davon ab, wie sie die Unternehmenskultur erleben. Foto: MG - adobe.stock.com

Regensburg.Was tun bei hohem Krankenstand? Eine einfache Antwort gibt es aufgrund der vielen verschiedenen Ursachen des Problems nicht. Fakt ist jedoch, dass hohe Fehlzeiten nicht rein medizinisch begründet sind – oft liegt es vielmehr an der Unternehmenskultur. Zu wenig Loyalität, kaum Lob, viel Kontrolle und auch noch ein schlechter Führungsstil – all das nagt an den Beschäftigten. Mit dem Zusammenhang zwischen Fehlzeiten und Unternehmenskultur hat sich erstmals das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in seinem „Fehlzeiten-Report 2016“ beschäftigt. Der Befund ist eindeutig: Wer sich in der Arbeit wohlfühlt, sich mit den Zielen des Unternehmens identifizieren kann und erlebt, dass sein Arbeitgeber hinter ihm steht, ist subjektiv deutlich zufriedener mit seiner Gesundheit und wird auch seltener krank.

Auch der Gallup-„Engagement Index 2016“ weist auf die zentrale Bedeutung emotionaler Bindung an das Unternehmen hin. Eine solche empfinden allerdings nur 15 Prozent der Arbeitnehmer. Ebenso viele haben hingegen innerlich bereits gekündigt und 70 Prozent machen Dienst nach Vorschrift. Das Wissen um den Zusammenhang zwischen dem Erleben von Arbeit und der Gesundheit können Unternehmen nutzen, um ihre Fehlzeiten ein Stück weit zu reduzieren.
Friederike Stratmann, Präventionsexpertin bei der Techniker Krankenkasse, rät zu einem ressourcenorientierten Ansatz. „Entscheidend ist es, den Fokus auf die Gesunden zu richten und ihre Ressourcen zu stärken, damit sie mit Belastungen besser umgehen können.“ Dazu seien Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements notwendig, aber auch eine positiv erlebte Unternehmenskultur. „Ein Kulturwandel ist natürlich ein individueller Prozess. Was man allerdings verallgemeinern kann: Sinnerleben in der eigenen Arbeit wirkt sich deutlich positiv auf die Gesundheit der Beschäftigten aus.“

Auch nach Ansicht von Bianca Steinbauer, der Leiterin des Personalmanagements bei Ratisbona Handelsimmobilien, ist es für jedes Individuum sehr wichtig, sich in der Gemeinschaft, also vor allem auch in dem Unternehmen, in dem es jeden Tag ein und aus geht, wohlzufühlen und seinen Platz zu finden. „Keiner will sich wie eine ersetzbare Nummer fühlen, sondern wie ein geschätztes Mitglied, dessen Namen man kennt.“ Eine persönliche Unternehmenskultur schaffe Zufriedenheit und halte Menschen psychisch gesund. Wichtig sei es außerdem, Mitarbeitern eine gute Work-Life-Balance zu bieten – angemessene Arbeitszeiten, ein begrenztes Maß an Überstunden und die Möglichkeit, Überstunden auch abbauen zu können. Aber auch Wertschätzung in Form einer überdurchschnittlichen Vergütung und gelegentlicher Zuwendungen förderten Motivation und Zufriedenheit, sagt Steinbauer. Ratisbona versuche außerdem, durch ein betriebliches Eingliederungsmanagement Langzeitkranken mit Fehlzeiten ab rund 42 Tagen den Wiedereinstieg zu ermöglichen. Auch bei der Infineon Technologies AG wird viel dafür getan, Fehlzeiten zu reduzieren. Für die Reintegration Langzeitkranker betreibt auch der Halbleiter-Konzern ein betriebliches Eingliederungsmanagement, wie Personalleiter Peter Purainer berichtet. Eine betriebseigene Sozialberatung soll Fehlentwicklungen im Arbeitsumfeld vorbeugen. Die können Mitarbeiter bei allen persönlichen und zwischenmenschlichen Belastungen im beruflichen und privaten Bereich in Anspruch nehmen. „Unsere Führungskräfte werden zudem für ein gesundheitsorientiertes Führen sowie im Umgang mit psychischen Problemen wiederholt geschult“, sagt Purainer.

Sorge bereitet den Unternehmen der extreme Anstieg von Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen – insbesondere bei den 16- bis 25-jährigen Auszubildenden. In dieser Gruppe fällt der Anstieg noch stärker aus als im Durchschnitt der Beschäftigten. Besonders ausgeprägt ist der Trend in Bayern: 2,5 Prozent der Berufseinsteiger im Freistaat bekamen 2017 ein Antidepressivum verordnet – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Stratmann führt als Ursache dieses Trends die vielen Veränderungen an, die mit dem Start in eine Berufsausbildung einhergehen. Aber auch den Medienkonsum der Always-on-Generation machen Experten dafür verantwortlich. Wie Dr. Volker Busch, Leiter der psychosozialen Stress- und Schmerzforschung an der Universitätsklinik Regensburg, erklärt, sei nicht die Beschäftigung mit digitalen Medien per se schädlich, jedoch oft der Umgang damit. „Der Versuch, sie gleichzeitig oder wechselweise zu nutzen, und so ständig abgelenkt zu sein, kostet das Gehirn Kraft und geht auf Kosten der Regeneration.“

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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