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Sonntag, 24. Juni 2018 20° 4

Mobilität

München bietet sich als Modellstadt an

Kostenloser Nahverkehr: Das ist in Templin schon lange so, München könnte folgen – nur dem Rathauschef fehlt der Glaube.
Von Burkhard Fraune und Christine Schultze, dpa

In München sind die U-Bahnen schon jetzt überfüllt. Foto: Nicolas Armer/dpa
In München sind die U-Bahnen schon jetzt überfüllt. Foto: Nicolas Armer/dpa

Berlin.Fahrscheinloser Busverkehr? Für Detlef Tabbert ist das nichts Neues. „Haben wir seit über 20 Jahren, die Kanzlerin kennt es von hier.“ Tabbert ist Bürgermeister im brandenburgischen Templin, bekannt für seine Stadtmauer und das Wochenendhaus Angela Merkels, die dort aufwuchs. Nun hat die Bundesregierung mit ihrem Vorstoß überrascht, kostenlosen Nahverkehr zu ermöglichen.

In fünf Städten soll der ÖPNV kostenlos werden. Foto: Arne Dedert/dpa
In fünf Städten soll der ÖPNV kostenlos werden. Foto: Arne Dedert/dpa

Templin liegt 80 Kilometer von Berlin. Es gibt dort Wälder, Seen und Kopfsteinpflaster, über das ein paar Stadtbusse fahren – in die lange kaum einer einstieg. So lange, bis 1997 die Stadt die Kosten für den Bus übernahm und Fahrkarten abschaffte. Ziel: weniger Lärm und Dreck, mehr Kurgäste. Schon vier Jahre später stiegen 15 Mal so viele Menschen in den Bus. Dass sich das Kleinstadt-Beispiel bundesweit wiederholen ließe, ist momentan zwar illusorisch. Doch der Bund will mit Ländern, Kreisen und Städten über Modelle nachdenken, Bus- und Bahnfahrten im Nahverkehr zumindest zeitweise kostenlos anzubieten. Doch noch sind viele Fragen unbeantwortet, wie die Reaktionen zeigen. In München stoßen die Überlegungen der Bundesregierung auf Skepsis. „Die Botschaft hör ich gern, allein mir fehlt der Glaube“, erklärte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). „Trotzdem biete ich München natürlich sehr gern als Modellstadt für einen vom Bund finanzierten und damit für die Bürger kostenlosen öffentlichen Nahverkehr an.“ Zugleich hoffe er, dass neben dem Betrieb auch der Ausbau der Infrastruktur in Zukunft deutlich höher vom Bund bezuschusst werde.

Um die Zahl privater Autos zu verringern, erwägt der Bund, zusammen mit Ländern und Kommunen den kostenlosen ÖPNV zu fördern.

In Ballungsgebieten sind Busse und U-Bahnen überfüllt

Aus Sicht des zweiten Bürgermeister Münchens, Josef Schmid (CSU), würde ein Gratis-ÖPNV die Verkehrsprobleme der Stadt nicht lösen. München habe vor allem ein Kapazitätsproblem, sagte Schmid. Daher würde es nicht helfen, wenn noch mehr Fahrgäste auf die schon jetzt während der Stoßzeiten teils überfüllten U-Bahnen umsteigen. Hinzu kämen Störungen und Zugausfälle auf der bestehenden S-Bahn-Stammstrecke. „Deshalb bräuchten wir was ganz anderes ganz dringend in München und in den Ballungsräumen, nämlich ein Sonderprogramm des Bundes zur Finanzierung des Ausbaus des öffentlichen Personennahverkehrs.“

Zwölf Milliarden Euro wären nötig

  • Erstattet der Staat

    die Fahrpreise vollständig, wären laut Branchenverband VDV zwölf Milliarden Euro jährlich nötig. Zum Vergleich: Die gesamten Verkehrsinvestitionen im Bundeshaushalt 2018 liegen bei gut 14 Milliarden Euro.

  • Woher das Geld

    für den Gratis-ÖPNV kommen soll, haben bisher weder das Kanzleramt noch das Umwelt- und das Verkehrsministerium erklärt – sie hatten der EU-Kommission die neue Idee in einem Brief präsentiert.

Und soll der Gratis-ÖPNV nur in den Städten mit hoher Schadstoffbelastung kommen? Das wäre den Verbrauchern kaum vermittelbar, warnt der Autofahrerclub ADAC. Notwendig seien einfache, günstige Tarife und ein zuverlässiger Fahrplan. So würden Busse und Bahnen zur Alternative für Pendler. Der neue ÖPNV wäre im Wortsinn auch nicht kostenlos. Fahrzeuge, Fahrer und Betriebe müssten bezahlt werden. Schon jetzt wird nach Branchenangaben jede Fahrt zu etwa einem Viertel aus Steuergeld subventioniert.

Regensburg hofft auf eine Millionen-Förderung vom Bund – vor allem für E-Mobilität. Experten finden den Plan zu einseitig.

Günstiger ÖPNV schafft Lebensqualität

„Die Vorteile überwiegen: 20 Prozent weniger Autos, weniger Unfälle, mehr Lebensqualität.“

Detlef Tabbert, Bürgermeister im brandenburgischen Templin

In Templin liegen diese Debatten lange zurück. Dort ist zwar seit 2002 Schluss mit der Kostenfreiheit für Fahrgäste. Es bleibt aber sehr billig: Eine Kurkarte für 44 Euro im Jahr gewährt freie Fahrt. 150 000 Euro schießt die Gemeinde jährlich zu, Linke-Politiker Tabbert sagt bilanziert: „Die Vorteile überwiegen: 20 Prozent weniger Autos, weniger Unfälle, mehr Lebensqualität.“

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