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Oberpfälzer Cyberpolizei für das Auto

AVL und Kaspersky Lab sichern das Auto künftig gemeinsam vor digitalen Einbrechern und Dieben. Regensburg gewinnt dabei Jobs.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

AVL-Geschäftsführer Dr. Georg Schwab (rechts) und Vertriebschef (CSO) Alex Moiseev von Kaspersky Lab unterzeichneten den  Vertrag im Kurfürstenzimmer des Alten Rathauses in Regensburg. Foto: Lex
AVL-Geschäftsführer Dr. Georg Schwab (rechts) und Vertriebschef (CSO) Alex Moiseev von Kaspersky Lab unterzeichneten den Vertrag im Kurfürstenzimmer des Alten Rathauses in Regensburg. Foto: Lex

Regensburg.Es war eine spektakuläre Demonstration. Zwei Hacker übernahmen in den USA die Kontrolle über einen Jeep Cherokee – mithilfe eines Laptops, weit entfernt vom Standort des Autos. Sie drehten die Soundanlage voll auf, spritzten Wischwasser auf die Scheibe und stoppten während der Fahrt den Motor. Der Fahrer des Wagens, der als Teilnehmer der Demonstration natürlich informiert war, konnte nichts dagegen unternehmen und war nur noch hilfloser Passagier.

Vertrag in Regensburg unterzeichnet

Damit genau sowas in Zukunft nicht (mehr) passieren kann, haben zwei renommierte Unternehmen eine gezielte Kooperation mit folgendem Ziel vereinbart: Der weltweit bekannte Cybersecurity-Spezialist Kaspersky Lab und die Regensburger AVL Software and Functions GmbH entwickeln und vertreiben gemeinsam Sicherheitslösungen, um Autos vor Virenangriffen und vor Einbrüchen ins elektronische System zu schützen. AVL-Geschäftsführer Dr. Georg Schwab und Vertriebschef (CSO) Alex Moiseev von Kaspersky Lab unterzeichneten den Vertrag am Donnerstag in Regensburg.

Bereits seit etwa eineinhalb Jahren arbeitet ein 30-köpfiges Team, das je etwa zur Hälfte aus Mitarbeitern von AVL und Kaspersky Lab besteht, an solchen Lösungen rund ums Auto. Dabei ging es auch darum herauszufinden, ob ein Zusammenspannen der beiden Unternehmen den gewünschten Erfolg bringt. Das ist nach Einschätzung beider Seiten geglückt.

„Eine ideale Basis“

Georg Schwab sah denn auch am Donnerstag bei der Unterzeichnung im Alten Rathaus bei den beiden Unternehmen eine „ideale Basis für gute und erfolgreiche Zusammenarbeit“. Das Thema Sicherheit gewinne immer mehr an Gewicht. Alex Moiseev meinte, das Gespann AVL-Kaspersky sei einzigartig in dieser Technologie.

Die Stadt stuft die Bedeutung dieser Zusammenarbeit hoch ein. Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer sagte, der feierlichste Raum – das Kurfürstenzimmer – im geschichtsträchtigen Rathaus sei der angemessene Platz, um den Vertrag zu besiegeln. Für den Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung, Toni Lautenschläger, beweist die Anwesenheit von Kaspersky, dass sich Regensburg ganz oben auf internationalem Niveau bewege. Kaspersky „adelt“ das Cluster IT-Sicherheit.

Kaspersky will ins Auto, AVL ist schon drin

Das Ziel der Unternehmen lässt sich so zusammenfassen: Kaspersky Lab will für seine Produkte den enorm wachsenden Markt Automobil erschließen und verbündet sich dazu mit AVL, das sozusagen schon im Auto drin ist. AVL profitiert seinerseits von der Datensicherheitskompetenz des internationalen Spezialisten mit Sitz in Moskau und wird Teil eines Rundum-Pakets, das man den Autoherstellern oder großen Zulieferern anbieten kann.

Schwab traut der Kooperation großes Potenzial zu. Er rechnet damit, dass AVL in Regensburg in diesem Bereich jährlich personell um 20 bis 50 Prozent wachsen werde – ausgehend von den 15 aktuellen Mitarbeitern in diesem Bereich. Sowohl bei Kaspersky als auch bei AVL Regensburg dürften nach Schwabs Einschätzung die Teams binnen einigen Jahren auf eine „deutlich dreistellige Zahl“ zunehmen.

Diese Zuversicht gründet Schwab auf den fundamentalen Wandel in der Autoindustrie: Die Zukunft des Autofahrens bringt einen enormen Zuwachs an Komfort mit sich. Vor allem versprechen Hersteller und Zulieferer einen gewaltigen Gewinn beim Thema Sicherheit vor Unfällen. Auch die allmählich in Schwung kommende Elektromobilität spielt eine Rolle.

Die neuen Risiken im Auto

Dr. Georg Schwab

Die zunehmende Herrschaft des Computers und dessen Vernetzung schleust aber auch neue Risiken ins Auto, die Anwender von ihrem Heimcomputer kennen: Virenattacken und Hacking. Beides könnte im Straßenverkehr verheerende Auswirkungen haben oder auch wirtschaftliche Schäden nach sich ziehen.

Tür und Tor gehen auf

Schwab erklärt die Herausforderungen und wie die beiden Kooperationspartner sie bewältigen wollen: Bisher ist ein Auto mit seinen Steuergeräten von der Außenwelt weitgehend abgekapselt. Das ändert sich gerade. Von Tesla etwa ist bekannt, dass Software-Updates auch mobil aufgespielt werden. Ein Besuch in der Werkstatt ist in diesem Fall nicht mehr nötig, ebenso wenig bei Fehlerdiagnosen. Diese Praxis werde sich verbreiten, sagt Schwab voraus. Man stellt das Auto in die Reichweite eines WLANs oder einer anderen schnellen Funkverbindung, und die Daten können fließen. Dumm nur: Diese Art der Übertragung öffnet Tore für Einbrecher ins System. Andere Einfallstore sind etwa ins Entertainment-System eingebundene Smartphones oder USB-Sticks. Diese Tore geschlossen zu halten, ist ein Ziel von Kaspersky und AVL.

Klare Aufgabenteilung

Beim Thema Virenschutz gibt es eine klare Aufgabenteilung: Kaspersky ist sozusagen der präventiv agierende Polizist. Er lässt möglichst keine Viren ins Auto gelangen. Das ist aber niemals hundertprozentig möglich. Täglich identifiziert Kaspersky 310 000 neue schädliche Dateien in der gesamten Computerwelt. Für jene Schädlinge, die trotz der Abwehrwälle ins Auto vordringen, ist AVL zuständig. Diese Polizei nimmt den Täter vor Ort fest. Die Regensburger sorgen dafür, dass diese Dateien so schnell wie möglich erkannt und befallene Systeme in einen abgesicherten Zustand versetzt werden, in dem sie nichts Böses mehr anrichten können. Dazu überprüfen die Funktionen im Auto ständig jegliche Aktion auf ihre Plausibilität, sagt Schwab. Er erklärt das anhand des elektronischen Gaspedals. Kommt von dort das Signal für starke Beschleunigung, überprüft das System, ob das in dieser Situation wirklich so gemeint sein kann. Im Zweifel werde der Befehl unterbunden. Das sei schon heute Stand der Technik.

Der Sitz der Regensburger AVL im Gewerbepark, „dekoriert“ mit Versuchsfahrzeugen. Foto: MZ-Archiv/AVL
Der Sitz der Regensburger AVL im Gewerbepark, „dekoriert“ mit Versuchsfahrzeugen. Foto: MZ-Archiv/AVL

Ein weiteres Feld für Attacken ist das Hacking des Systems mit dem Ziel, sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Künftig dürften bestimmte Funktionen des Autos vom Hersteller gegen Bezahlung freigeschaltet werden: Im Gespräch sind eine höhere Leistungsstufe des Motors, also mehr PS gegen Cash, Unterhaltungsangebote oder Bezahlfunktionen. Das Auto könne etwa automatisch im Parkhaus die Gebühr bezahlen. Damit ist auch klar, was passieren kann, wenn all diese verschlüsselten Datenverbindungen nicht wirklich sicher sind.

„Wir brauchen mehr Abwehrringe“

„Die zunehmende Connectivity (Vernetzung) ist nicht aufzuhalten. Deshalb brauchen wir mehr Abwehrringe“, sagt Schwab – Abwehrringe in Form von digitalen Schutzwällen. Das bisherige Niveau in den Autos schätzt der Geschäftsführer als völlig unzureichend ein: „Die Hersteller müssen auf diesem Feld noch enorm Gas geben“, denn die Entwicklung zu mehr Elektronik, Automatisierung und Vernetzung gehe jetzt erst richtig los.

Selbstredend sind AVL und Kaspersky nicht die einzigen Unternehmen, die an Lösungen für diese Herausforderungen arbeiten. Das tun auch die Hersteller selbst, jedoch mit sehr unterschiedlichem Engagement, wie Schwab beobachtet. AVL und Kaspersky würden sich vom Wettbewerb durch einen neuen, ganzheitlichen Ansatz unterscheiden. „Das habe ich noch nirgendwo anders gesehen.“ Mittlerweile sei schon der erste Kunde gesichert, mit weiteren Abnehmern werde verhandelt.

Die Firmen AVL und Kaspersky Lab

  • AVL

    Der Autozulieferer AVL Software and Functions GmbH in Regensburg entwickelt Software für die Antriebstechnik und andere Bereiche in Fahrzeugen. Dazu zählen etwa die funktionale Sicherheit, das Thema autonomes Fahren oder die Elektromobilität. Gegründet wurde AVL Regensburg 2008. Heute beschäftigt das Unternehmen hier rund 300 Mitarbeiter. Dem Regensburger Standort zugeordnet sind auch die Niederlassungen in München, Heimsheim und Warschau.

  • Kaspersky Lab Kaspersky Lab ist ein Unternehmen mit russischen Wurzeln. Es wurde 1997 von Natalja Kasperskaja und Jewgeni Kasperski gegründet. Kaspersky Lab wurde durch hohe Erkennungsleistung seiner Virenscanner bekannt und hierfür mehrfach preisgekrönt. Kaspersky Lab ist in 200 Ländern und Regionen weltweit tätig. Seit September 2004 bedient ein deutsches Tochterunternehmen von Ingolstadt aus Kunden in der Region Deutschland, Österreich, Schweiz. Den Umsatz für 2015 beziffert das Unternehmen weltweit auf 619 Millionen US-Dollar. Es zählt 400 Millionen Benutzer und 270 000 Firmenkunden.

Die zusätzlichen Themen

Abseits davon gewinnt AVL gegenwärtig auch bei anderen Themen an Gewicht. Bei der Reduzierung der Abgase denkt Schwab noch nicht einmal so sehr an die Märkte in Europa oder den USA. Da seien die entscheidenden Themen gelöst, die Autos schon sehr sauber, sofern sie nach allen Regeln der Reinigungs-Kunst auf die Straße geschickt werden. Aber in Staaten wie Indien und China gebe es noch riesigen Nachholbedarf, den die Regierungen jetzt auch einforderten. Denn da gibt es mittlerweile Städte, in denen man kaum noch leben beziehungsweise atmen kann. Auch bei weiteren Feldern wie automatisiertem Fahren, Assistenzsystemen, der Batterietechnologie oder der Digitalisierung rund um die Cloud-Technologie sieht Schwab zusätzliche lukrative Themen für AVL.

AVL sitzt im Regensburger Gewerbepark und fertigt Steuergeräte. Die Software wird eingesetzt, damit konventionelle Autos, Lkw, Baumaschinen, Landmaschinen und großmotorische Antriebe die Abgasgesetze einhalten; zudem steuern die Funktionen Elektrofahrzeuge. Der Sitz des Konzerns befindet sich im österreichischen Graz. AVL beschäftigt weltweit mehr als 8000 Mitarbeiter.

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