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Ohne neuronale Plastizität kein Lernen

Psychologe Prof. Dr. Mark Greenlee von der Uni Regensburg spricht über neue Erkenntnisse aus der Gedächtnisforschung.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Mark Greenlee
Prof. Dr. Mark Greenlee

Regensburg. Herr Greenlee, in Ihrer Studie haben Sie untersucht, unter welchen Bedingungen dauerhaftes Lernen möglich ist. Können die Ergebnisse Ihrer Studie für das alltägliche Lernen genutzt werden?

Prof. Dr. Mark Greenlee: Wir haben uns mit dem visuellen Wahrnehmungslernen bewegter Muster beschäftigt, das darauf beruht, einfache Wahrnehmungsattribute – in unserem Fall Bewegungsrichtungen – mit zunehmender Übung besser unterscheiden zu können. Unsere Ergebnisse besagen erst einmal nur, dass auf diese Weise Gelerntes nicht mehr vergessen wird. Die Frage ihrer Übertragbarkeit auf die allgemeine Fähigkeit zu lernen, ist Gegenstand weiterer wissenschaftlicher Auseinandersetzung.

Bei Ihren Probanden veränderte das Training die Sehrinde. Wie kommt es zu diesem Prozess?

Dahinter steht das Phänomen der neuronalen Plastizität. Es besagt, dass unser Gehirn höchst formbar und anpassungsfähig ist. Auf neuronaler Ebene wird dies sichtbar an den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Denn diese sind nicht fest verdrahtet, sondern ändern sich im Zeitraum von Minuten. Die Neuronen – etwa 100 Milliarden – sind zwar bereits von Geburt an vorhanden, aber entscheidend für die Gedächtnisleistung ist, wie ausgeprägt die Synapsenbildung, also die Sprossungen zwischen den Nervenzellen, ist. Fest steht, ohne diese Plastizität gibt es kein Lernen.

Konnte man anhand der MRT-Bilder feststellen, wie das Gehirn an die gestellte Aufgabe herangeht?

Ja, wir sind in diesem Zusammenhang auf etwas Bemerkenswertes gestoßen, was wir so nicht erwartet hätten: Das menschliche Gehirn vereinfacht Aufgaben. Es sucht sich selbst seine Lösungsstrategie, indem es sich auf genau das konzentriert, was es für das Lösen der Aufgabe als wesentlich erkannt hat. Dieser Mechanismus passiert unbewusst. Erstaunt hat es uns auch, dass dieses Reduktionsprinzip, wie man das auch nennen könnte, die Probanden dazu befähigte, nicht-trainierte Aufgaben zu lösen, und zwar genau solche, die ebenfalls auf Basis dieses Prinzips gelöst werden konnten.

Welche Faktoren hemmen die Lernfähigkeit des Gehirns?

Wenn man mal von pathologischen Prozessen absieht, wird die Lernfähigkeit dadurch beeinträchtigt, wenn man versucht, ähnliche Aufgaben direkt nacheinander zu lernen. Denn ähnliche Informationen kollidieren miteinander beim Ablegen im Gedächtnis. Die Konsolidierung des Lerninhalts wird dadurch erschwert.

„Möglicherweise lernen Erwachsene auch deshalb schlechter, weil bei ihnen das rein kognitive Lernen dominiert.“

Prof. Dr. Mark Greenlee, Psychologe

Können Sie eine Gebrauchsanweisung geben, wie man sich am besten Neues aneignet?

Es ist besser, den Lernstoff in kleinen Portionen und kurzen, aber häufigen Einheiten zu lernen, als den gesamten Stoff in wenigen, langen Einheiten. Unsere Befunde legen auch nahe, dass es lernerleichternd ist, Lerninhalte nicht nur in verbalisierter Form, also auf rein kognitivem Weg zu lernen, sondern sich sozusagen mit allen Sinnen auf sie einzulassen. Möglicherweise lernen Erwachsene auch deshalb schlechter, weil bei ihnen das rein kognitive Lernen dominiert. Kurz gesagt: kleine Portionen, häufiges Wiederholen und eine spielerische Herangehensweise – nach diesen Grundsätzen sollte Lernen gut gelingen. Und noch ganz wichtig: Zwischen den Einheiten gut und viel schlafen. Denn auch das wissen wir aus Langzeitstudien: Während des nächtlichen Schlafs werden Informationen im Langzeitgedächtnis verfestigt. Was man aber in Zeiten des Selbstoptimierungsstrebens auch betonen muss: Es gibt kein wissenschaftlich fundiertes Konzept, um das Gedächtnis zu optimieren. In den letzten Jahren ist ein großer Markt für alle möglichen Methoden des Hirndopings entstanden, die wissenschaftliche Evidenz für sich beanspruchen. Diesen Anspruch kann keine einzige erfüllen. Noch gibt es nichts, für das es sich lohnt, Geld auszugeben. Vielleicht sieht es in einigen Jahren anders aus. Zu dieser Hoffnung berechtigen auch unsere Befunde – zu mehr nicht.

Wie geht es nach Abschluss des dreijährigen Forschungsprojekts weiter?

Wie bereits angedeutet, werfen einige unserer Ergebnisse weitere Fragestellungen auf. Diesen möchten wir nachgehen. Ganz konkret wird sich Dr. Sebastian Frank in seiner künftigen wissenschaftlichen Tätigkeit beispielsweise damit befassen, welche Rolle aufmerksamkeitsverstärkende Reize und der Faktor Belohnung für das Lernen spielen.

Wie schnell fließen Erkenntnisse aus der Psychologie in die Lernforschung ein?

Ein Austausch mit Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern findet statt. Sie sind interessiert an den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und versuchen, auf deren Basis Lernprozesse optimal zu gestalten. Beispielsweise wird die Erkenntnis von der störenden Interferenz zwischen zwei ähnlichen Aufgaben in der Didaktik bereits berücksichtigt.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper. Lesen Sie zu diesem Thema außerdem den Artikel Einmal gelernt und niemals vergessen?.

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