MyMz
Anzeige

Ostbayern drohen höhere Strompreise

Der Netzausbau stagniert, die Betreiber erhöhen die Preise. Die Stromanbieter müssen die Mehrkosten kompensieren.
Von Martin Anton, MZ

Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat angekündigt, den Preis für den Stromtransport zu erhöhen. Diese Erhöhung wird wohl nicht die letzte sein und über kurz oder lang auch die Verbraucher treffen.
Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat angekündigt, den Preis für den Stromtransport zu erhöhen. Diese Erhöhung wird wohl nicht die letzte sein und über kurz oder lang auch die Verbraucher treffen. Foto: dpa

Regensburg.Es ist eine hohe Zahl. Um 80 Prozent erhöht der Hochspannungsnetzbetreiber Tennet ab Januar sein Netzentgelt. Das hat auch Auswirkungen auf Ostbayern. Denn der bayerische Verteilnetzbetreiber Bayernwerk kündigte aufgrund der gestiegenen Kosten ebenfalls eine Erhöhung des Netzentgelts an. Eine Weitergabe der Kosten an die Stromverbraucher scheint nur eine Frage der Zeit.

Unternehmen wie Tennet, 50 Hertz oder Amprion transportieren in Deutschland Strom über Höchstspannungsnetze. Dafür berechnen sie den lokalen Netzbetreibern ein Netzentgelt. Diese bringen den Strom dann über Mittel- und Niederspannungsnetze an die Endverbraucher. Für diesen Transport zahlen Stromanbieter wie Eon oder die Rewag ein Entgelt, das sie als Teil des Strompreises an ihre Kunden weitergeben. Der Anteil des Netzentgeltes am Strompreis entspricht etwa 24 Prozent – noch.

65 Euro mehr im Jahr

Die in Regensburg ansässige Eon-Tochter Bayernwerk ist Tennetkunde. Bayernwerk-Pressesprecher Maximilian Zängl sagte unserer Zeitung: „Wir können den Effekt der Netzentgelterhöhung nicht komplett abdämpfen.“ Weil der Netzbetreiber außerdem hohe Summen in den Netzausbau investiert, erhöht Bayernwerk für 2017 das Netzentgelt um 29 Prozent von 6,34 Cent auf 8,21 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden pro Jahr entspräche das Extrakosten von 65 Euro im Jahr.

Wirtschaftsredakteur Martin Anton kritisiert die ungerechte Verteilung der Energiewende-Kosten:

Kommentar

Unsoziale Energiewende

Die EEG-Umlage steigt. Die Netzbetreiber erhöhen die Entgelte, weil die Energiewende schneller vorankommt als der Netzausbau. Dem Endverbraucher wird damit...

Doch ob die Stromanbieter die gestiegenen Entgeltkosten direkt an die Verbraucher weitergeben, ist noch unklar. Eon teilte unserer Zeitung mit, dass der Strompreis für Eon-Kunden „auf absehbare Zeit“ stabil bleibe. Das heißt: keine Strompreiserhöhung. Was allerdings „absehbare Zeit“ heißt konnte ein Sprecher des Konzerns nicht konkretisieren. „Wir müssen das erst noch genau berechnen“, sagte er, „das ist ein hochkomplexes Thema“. Ähnlich äußerte sich Martin Gottschalk vom Regensburger Versorger Rewag. Das Unternehmen will erst Mitte November die Strompreise für das kommende Jahr bekannt geben.

Das Netzentgelt ist nur einer von vielen Faktoren, die den Strompreis beeinflussen. Weitere sind etwa die Preise an der Strombörse, oder die EEG-Umlage. Die steigt im kommenden Jahr allerdings ebenfalls, so dass die Stromanbieter bereits bei zwei Faktoren steigende Kosten kompensieren müssen.

Hohe Kosten für Netzstabilisierung

Tennet begründet die Erhöhung der Netzentgelte mit hohen Ausgaben für netzstabilisierende Maßnahmen. Diese werden durch den Ausbau der erneuerbaren Energien im Norden und dem Fehlen kapazitätsstarker Stromtrassen nach Süden notwendig.

Klicken Sie auf die blauen Pfeile in unserem Infostück, um mehr über die Zusammensetzung des Strompreises zu erfahren:

So entsteht der Strompreis

  • Netzentgelt

    Netznutzungsentgelte machen nur einen Teil des Strompreises aus. Derzeit liegt dieser Anteil knapp unter 24 Prozent. Sollten die Stromanbieter die Entgelterhöhung durch Tennet zum Januar 2017 an die Kunden weitergeben, läge der Anteil bei Gleichbleiben der anderen Faktoren künftig bei etwa 29 Prozent.

  • Einkauf

    Weitere Faktoren ist etwa die Beschaffung, also der Einkauf des Stroms. Zusammen mit dem Vertrieb und den Gewinnspannen der Stromanbieter entspricht das etwa 21 Prozent des Strompreises. Die Ökostrom-, beziehungsweise die EEG-Umlage macht 23 Prozent des Strompreises für die Endverbraucher aus.

  • Steuern

    Die Mehrwertsteuer von 16 Prozent wird auf den Strompreis ebenso aufgerechnet wie sonstige Umlagen, Steuern und Abgaben in Höhe von 15,8 Prozent.

  • Preiserhöhung

    Die Stromverbraucher müssen 2017 mit höheren Preisen rechnen. Die Erhöhungen werden jedoch regional sehr unterschiedlich ausfallen.

  • Unterschiede

    Demnach steigen die Netzentgelte zum Beispiel in Frankfurt um deutlich mehr als 20 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es auch Städte und Regionen, in denen die Netzentgelte fallen, zum Beispiel in Köln, Bonn oder Augsburg um bis zu sieben Prozent. Das ergaben Vergleiche der Internet-Portale Verivox und Check24.

  • Bayern

    In einer Analyse des Stromanbieters Lichtblick heißt es: „Besonders betroffen sind Haushalte in Bayern, Norddeutschland, im Rhein-Main-Gebiet und im Osten.“ Das sind die Geschäftsgebiete der Übertragungsnetzbetreiber Tennet und 50Hertz, die besonders hohe Netzkosten durch die Windenergie zu tragen haben. (dpa)

Zu den Maßnahmen gehören beispielsweise das Umleiten des Stroms auf freie Leitungen, das zeitweise Herunterfahren konventioneller Kraftwerke oder das Abregeln von Windkraftanlagen. 1500 Mal hätte Tennet im vergangenen Jahr zur Stabilisierung des Netzes eingreifen müssen, erklärt Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens. 700 Millionen Euro hätte das den Netzbetreiber gekostet. Alle Netzbetreiber zusammen hätten eine Milliarden Euro für solche Maßnahmen in Deutschland ausgegeben.

Nicht nur private Verbraucher, auch die Wirtschaft betrachtet diese Entwicklung mit Sorge. Christine Götz von der Industrie- und Handelskammer Regensburg für die Oberpfalz und Kelheim sagte dieser Zeitung: „Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Preise sind wichtig für die Wirtschaft.“ Bereits vergangene Woche hatte sich IHK-Geschäftsführer Jürgen Helmes besorgt gezeigt, angesichts der im kommenden Jahr steigenden EEG-Umlage: „Das kann sich auf die wirtschaftliche Entwicklung in der Region fatal auswirken“, sagte Helmes.

Das Bayerische Wirtschaftsministerium kennt die Bedeutung des Strompreises. Staatsministerin Ilse Aigner sagte unserer Zeitung zu den steigenden Netzentgelten: „Deshalb ist es wichtig, den Netzausbau jetzt zügig voranzubringen.“ Durch die Erdverkabelung werde die Akzeptanz der Bürger für den Netzausbau deutlich erhöht.

Der Sprecher für Energie und Klimaschutz der Grünen in Bayern, Martin Stümpfig Foto: dpa
Der Sprecher für Energie und Klimaschutz der Grünen in Bayern, Martin Stümpfig Foto: dpa

Die Staatsregierung hat den Netzausbau um mehr als drei Jahre verschleppt.

Martin Stümpfig, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bayerischen Landtag

Doch es gibt auch Stimmen, die der Staatsregierung eine Mitverantwortung an den steigenden Netzentgelten zuschreiben. Martin Stümpfig, energiepolitischer Sprecher der Grünen im bayerischen Landtag, sieht Versäumnisse beim Ausbau erneuerbarer Energien in Bayern. So werde das Ungleichgewicht zwischen Norden und Süden in der Stromproduktion noch verstärkt. Außerdem habe die Staatsregierung mit ihrer Politik den Netzausbau um drei Jahre verschleppt. Dadurch werde sich das Problem für die Netzbetreiber in den kommenden Jahren noch verstärken. „Jetzt ist es eine Milliarde Euro für Stabilisierungsmaßnahmen“, erklärt Stümpfig, „Prognosen gehen von bis zu vier Milliarden Euro pro Jahr aus.“

Auch Tennet-Sprecherin Hörchens rechnet mit weiter steigenden Netzentgelten, wenn auch noch nicht klar sei, auf welchem Niveau. „So lange es kein ausreichendes Netz gibt, wird man Maßnahmen zur Stabilisierung durchführen müssen – das geht dann 1:1 auf die Netzentgelte drauf.“ Ob im Umkehrschluss die Netzentgelte wieder sinken werden, wenn ein leistungsstarkes Netz in Deutschland aufgebaut ist, konnte Hörchens aber nicht sagen: „Neun Jahre kann ich nicht in die Zukunft blicken.“

Aktuelle Informationen und Hintergründe zur Energiewende in Deutschland finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht