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Bildung

Schnelle Hilfe für Studienabbrecher

Viele Studenten beenden frühzeitig ihr Studium. Die beruflichen Fortbildungszentren beraten Abbrecher über den weiteren Weg.
Von Katja Liegel und Daniel Baierl, MZ

Drittversuche, unüberlegte Entscheidungen und schlechte Berufsaussichten sind nur einige Gründe, warum ein Drittel der Studenten abbrechen. Foto: dpa
Drittversuche, unüberlegte Entscheidungen und schlechte Berufsaussichten sind nur einige Gründe, warum ein Drittel der Studenten abbrechen. Foto: dpa

Regensburg.In Deutschland ist die Zahl der Studierenden auf über 2,7 Millionen gestiegen. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung bricht allerdings jeder dritte Student sein Studium ab. Die Abbruchquoten sind dabei an den Universitäten bis zu zehn Prozentpunkte höher als an den Fachhochschulen. An der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH) werden nach internen Schätzungen von den 3540 Studienanfängern vergangenes Jahr nur circa 2500 ihr Studienziel erreichen. Die beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) will den Abbrechern Übergangswege aufzeigen.

Professor Wolfgang Baier, Präsident der OTH Regensburg, sagt: „Ein Grund, das Studium abzubrechen, ist zum Beispiel eine Prüfung, die der Student nicht schafft.“ Um dieses Problem zu vermeiden, biete die Hochschule Tutorien und die klassische Fachberatung an. Oft geben auch schlechte Berufsaussichten und Einschnitte im Leben der Studierenden den Ausschlag. Die Studenten werden außerdem immer jünger, sodass die erste Entscheidung für ein Studium ohne lange Orientierungsphase gefällt wird.

Kaum Berufsperspektiven

Elisa Bauer beendete nach dem drittem Semester ihr Kunstgeschichtestudium an der Universität Regensburg: „Es gibt einfach wenig Berufsperspektiven für diesen Bereich. Zeitgleich bekam ich ein Angebot für eine Ausbildung zur Hotelkauffrau, das mich sehr reizte“, sagt sie. „Und nun bin ich froh, dass ich den Schritt gewagt habe.“

Studienabbrecher - Die Arbeit der Studentenakquisi

Auch Max Grötsch hat nach vier Semestern sein Studium abgebrochen. „Ich dachte: Jura ist ein sicherer Studiengang mit klarem Weg. Ich hab nicht weiter darüber nachgedacht, ob ich es wirklich will“, erzählt er. „Im dritten Semester ist mir langsam klar geworden, dass ich damit nicht glücklich werde. Ich wollte mich nicht weiter durchquälen.“

So wie ihm geht es vielen jungen Menschen. „Die Abbrüche auf null reduzieren zu wollen, ist aber unsinnig“, sagt Baier, „das Scheitern gehört zu den Erfahrungen junger Menschen.“ Wenn sie sich gegen ein Studium entschieden, sollten sie anderen Möglichkeiten zugeführt werden, damit keine Talente verloren gingen.

Eine erste Anlaufstelle war für Grötsch sein Professor. Dieser konnte dem zweifelnden Studenten aber nicht weiterhelfen. „Nach zwei Wochen Wartezeit sagte er mir am Ende nur: Zweifel sind normal, schau halt mal, wie es läuft.“ Erst der Gang zum Arbeitsamt half ihm. „Da wurde ich endlich als Mensch gesehen und nicht nur als Matrikelnummer.“ Berufspsychologische Tests und Assoziationsübungen brachten Grötsch schließlich zu seinem heutigen Soziologiestudium.

Die bfz haben nun ein neues Projekt unter dem Motto „Studienabbrecher für eine Berufsausbildung gewinnen“ entwickelt, um orientierungslosen Studienabbrechern solche Zeiten des Zweifels zu ersparen.

Thomas Freiling, Leiter der Landeskoordinierungsstelle Studienabbruch Bayern sagt: „Es ist wichtig, möglichst schnell neue Wege aufzuzeigen.“ Viele Studenten stürzen sich nach dem Abbruch unüberlegt in die neue Tätigkeit.

Eine interne Befragung von Studienabbrechern an der Fachhochschule Regensburg zeigt, dass etwa 62 Prozent von ihnen ein neues Studium aufnehmen. Die restlichen 38 Prozent beginnen eine Erwerbstätigkeit, eine neue Findungsphase oder begeben sich in den familiären Rückzug.

Die Akteure aus der Oberpfalz tauschen ihre Erfahrung aus. Foto: Daniel Baierl
Die Akteure aus der Oberpfalz tauschen ihre Erfahrung aus. Foto: Daniel Baierl

Vertreter des Bfz, der IHK und der OTH berieten über Hilfe für Abbrecher. Foto. Daniel Baierl
Vertreter des Bfz, der IHK und der OTH berieten über Hilfe für Abbrecher. Foto. Daniel Baierl

Berufsausbildung ist Alternative

Oftmals führt auch fehlender Praxisbezug im Studium zum Abbruch. Daher wollen die bfz Abbrecher für eine Berufsausbildung gewinnen. Der Mangel an qualifizierten Bewerbern ist in diesem Bereich sehr groß. Zur Vermittlung der Abbrecher ist ein gutes Netzwerk unerlässlich. Um dieses zu stärken, trafen sich am 14. Oktober Vertreter der bfz, des Arbeitsamts und der Handelskammer an der OTH Regensburg. „Es geht nicht darum neue Strukturen zu schaffen, sondern die bestehenden Strukturen besser zu nutzen“, sagt Freiling. Der wichtigste Auftrag ist für ihn, die Studenten zu informieren. Sie müssten wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie nicht mehr weiterwüssten. Eine Möglichkeit - neben Arbeitsamt und Studienberatung - bilden die „Akquisiteure für Studienabbrecher“.

„Der Studienabbruch ist ein heikles Thema“, erklärt Studienakquisiteur Manfred Seitz. „Bei den Studenten herrschen im ersten Gespräch große Versagensängste. Sie sagen oft: Ich habe abgebrochen, können sie mir schnell weiterhelfen?“ Dabei sei es gerade wichtig, sich Zeit zu nehmen. Seine Kollegin Kristin Weiherer bestätigt: „Es muss erst ein Vertrauen aufgebaut werden.“

Manfred Seitz (M.) und Kristin Weiherer berichten von der Arbeit als Studentenakquisiteure. Foto: Daniel Baierl
Manfred Seitz (M.) und Kristin Weiherer berichten von der Arbeit als Studentenakquisiteure. Foto: Daniel Baierl

Das ist bei den Akquisiteuren leichter möglich, da die Beratung individuell abläuft.

Erst in lockerer Atmosphäre kann über eine Lösung nachgedacht werden. Die Berater finden zusammen mit dem Studenten jeweilige Stärken und Schwächen, um den weiteren Weg zu sondieren. Dieser kann zurück ins Studium führen, aber auch zu einer Berufsausbildung.

Ausbildungsverkürzung als Anreiz

Sollten sich die Studierenden für eine Ausbildung entscheiden, eröffnet die Industrie- und Handelskammer (IHK) zahlreiche Möglichkeiten, die bisherige Studienzeit anzurechnen. Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsausbildung der IHK Regensburg, betont: „Wenn das Studium bereits Bereiche der Ausbildung abgedeckt hat, müssen diese ja nicht neu erlernt werden.“ Aber auch fremde Studiengänge können zu einer beschleunigten Ausbildung führen.

Die „Akquisiteure der Studienberatung“ unterstützen die Studenten bis zum Bewerbung. Das wichtigste Ziel für Weiherer ist, den Abbrechern die Angst zu nehmen. Aber auch Ratlose, die sich noch im Studium befinden, könnten sich an sie wenden. Manfred Seitz sagt: „Sie sollen wissen: Wenn sie fallen, landen sie weich.“

Die Erfahrungen der Akquisiteure zeigen, dass das Projekt große Erfolge nach sich zieht: Die Studenten bedanken sich häufig für die persönliche Beratung. In den meisten Fällen finden sie den Weg in eine neue Ausbildung.

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