mz_logo

Wirtschaft
Mittwoch, 25. April 2018 22° 4

Automesse

Schöner Schein und harter Umbruch

In Genf zelebriert die Branche das Automobil. Doch die Zeitenwende spielt im Hintergrund mit.
Von Marco Engemann, dpa-AFX

Glanz und Luxus, wohin das Auge blickt – eine Szene vom Genfer Automobilsalon im vergangenen Jahr Foto: dpa

Genf.Sportwagen, Eleganz, Luxus – in Genf kamen bisher immer die schöngeistigen Autoliebhaber auf ihre Kosten. Auch diesmal werden die Hersteller in der kommenden Woche wieder versuchen, mit elegantem Design zu punkten. Die Franzosen von Renault etwa wollen ihrer Sportwagenmarke Alpine wieder Leben einhauchen und lüften dazu den Schleier über einer neuen Version des französischen Kult-Sportcoupés A110. Volkswagen kommt mit dem Nachfolger des CC, einer Art noblem Passat.

Diesmal dürfte die Eleganz aber vom harten Ringen um die künftige Ausrichtung der Branche in Europa überschattet werden. Denn die steht nicht nur wegen der geplanten Übernahme von Opel durch PSA Peugeot Citroën am Scheideweg.

Den Oberklasseherstellern geht es zwar blendend – Daimler, Audi und BMW fahren von kleineren Schlaglöchern abgesehen satte Gewinne ein. Aber im Segment darunter knirscht es. Noch lebt der europäische Markt vom Aufschwung der Jahre nach der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Weniger Schwung in Europa

Jedoch wie in anderen Regionen auch rechnen Experten mit einem abflauenden Wachstum – kein Wunder, markierte das vergangene Jahr mit 14,6 Millionen neu zugelassenen Pkw den besten Wert seit neun Jahren. Dieses Jahr, so schätzt der europäische Herstellerverband Acea, dürfte das Plus nur noch ein Prozent betragen nach fast sieben Prozent im Vorjahr.

Das könnte einige Volumenhersteller in Bedrängnis bringen, denn paradiesisch ist die Rendite bei vielen auch im Boom nicht. Zu wenig ausgelastet sind die europäischen Werke, um auch unter Druck zu funktionieren. Die Volkswagen-Kernmarke VW hat den Abbau von Zehntausenden Arbeitsplätzen verkündet, um die Gewinnschwäche abzuschütteln.

Die geplante Opel-Übernahme durch die Franzosen von PSA steht beispielhaft für die Lage. Die Amerikaner von General Motors würden ihr chronisch defizitäres Europageschäft gern loswerden, und PSA-Chef Carlos Tavares dürfte mit Zusammenlegungen den Leerlauf in vielen Werkshallen ausmerzen. Das könnte Geld sparen und die Hersteller robuster machen für den Ernstfall, obwohl PSA nach einer harten Sanierung derzeit gar nicht schlecht dasteht.

Hier lesen Sie einen Kommentar zur Zukunft der Branche:

Kommentar

Glanz und Abgrund

In Genf ist der Glamour zu Hause. Die Schweizer Automesse gilt als jene mit dem höchsten Glitzerfaktor weltweit. Die Dichte an Luxusmobilen jeglichen Formats...

Tavares gilt nicht gerade als zimperlich, wenn es um Rendite geht. Um Peugeot wieder fit zu machen, musste etwa ein Werk nördlich von Paris die Tore schließen, Tausende verloren ihren Job. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer erwartet, dass die seiner Rechnung nach teuren deutschen Opel-Werke besonders gefährdet wären. Immerhin: Bis Ende 2018 sind die 19 000 deutschen Opel-Jobs tarifvertraglich gesichert. Aber bis dahin ist es für die Autobranche ein kurzer Zeitraum – Investitionspläne gehen wegen der jahrelangen Modellzyklen üblicherweise deutlich darüber hinaus.

Ein Deal zwischen PSA und Opel könnte nur ein Vorgeschmack sein auf das, was laut Experten bis 2025 an Umbruch droht – dann, wenn der Verbrennungsmotor wirklich in Bedrängnis kommt. Große Hersteller wollen bis 2025 bis zu oder gar rund ein Viertel ihrer Neuwagen als Elektromodelle auf den Markt bringen.

E-Autos könnten schneller kommen

Die Experten der Unternehmensberatung Deloitte gehen davon aus, dass es mitunter schneller geht. Der Anteil der E-Antriebe bei Neuzulassungen könnte im Jahr 2025 in Deutschland bereits 40 Prozent betragen. „Aus dem bisher gut planbaren ist ein disruptiver Markt geworden“, sagt Deloitte-Strategieexperte Nikolaus Helbig. Stellen sich die großen Hersteller nicht schnell genug auf die neuen Bedürfnisse der Kunden ein, dann drohen unter Umständen einbrechende Umsätze und Gewinne sowie Arbeitsplatzverluste im zweistelligen Prozentbereich.

Ein Überblick über die wichtigsten Automessen:

Andere wichtige Automessen

  • Detroit:

    Dies ist die Leitmesse für Nordamerika. Vor allem für Pick-ups und SUV-Geländewagen können sich die Besucher hier begeistern. Bei der North American International Auto Show (NAIAS) stehen die schweren Karossen an nahezu jedem Messestand. Detroit eröffnet traditionell das Autojahr. 2017 ist die Messe bereits vorbei, für 2018 ist inklusive Presse- und Fachbesuchertagen der 14. bis 28. Januar als Termin angepeilt.

  • Pariser Autosalon:

    Die Schau „Mondial de l’Automobile“ in Paris findet alle zwei Jahre statt. 2018 feiert sie vom 2. bis zum 14. Oktober 120-jähriges Jubiläum. Die Franzosen werben mit dem weltweit größten Besucherandrang bei Automessen – vergangenes Jahr sorgten die Pariser Terroranschläge von November 2015 aber für deutlich weniger Gäste.

  • IAA:

    Die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt findet im Wechsel mit der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover alle zwei Jahre statt. Hier werden meist besonders viele neue Modelle vorgestellt. In diesem Jahr gibt es vom 12. bis zum 24. September wieder eine IAA in Frankfurt.

  • Auto China:

    China ist der größte Automarkt der Welt und speziell für deutsche Hersteller von Bedeutung. Die größte Automesse Asiens findet in diesem Jahr vom 19. bis 28. April in Shanghai statt. Von Jahr zu Jahr wechselt die Messe zwischen der chinesischen Hauptstadt und dem „Paris des Ostens“.

  • Tokyo Motor Show:

    Sie ist alle zwei Jahre die große Bühne der japanischen Hersteller wie Toyota, Mitsubishi und Mazda. Die Messe findet im Herbst statt, dieses Jahr vom 25. Oktober bis 5. November. (dpa)

Dennoch: In Genf spielt der Anteil von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben eine untergeordnete Rolle. Weniger als 70 von 900 präsentierten Modellen erfüllen auch die in der EU ab 2021 für Neufahrzeuge vorgeschriebene Ausstoßgrenze von 95 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer.

Als wäre all das nicht genug, steht ja auch noch der Brexit vor der Tür. Je nachdem, wie hart der Austritt Großbritanniens aus der EU wird, desto stärker müssen Autobauer darüber nachdenken, wo sie für welchen Markt in Europa produzieren. BMW prüft einem unbestätigten „Handelsblatt“-Bericht zufolge, ob der künftige Elektro-Mini nicht in Regensburg gebaut werden soll.

Opel will in Genf übrigens den Kompakt-SUV Crossland X zeigen – ein gemeinsames Projekt der seit 2012 bestehenden Zusammenarbeit mit PSA Peugeot Citroën. Womöglich stehen die Zeichen auf Grün.

Mehr Wirtschaftsnachrichten lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht