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Mittelstand

Ein Schuhfabrikant geht viele neue Wege

Der Österreicher Heini Staudinger setzt mit seinen Waldviertler-Schuhen auf Nachhaltigkeit. Gewinnmaximierung lehnt er ab.
Von Sebastian Grosser, MZ

Heinrich Staudinger in der Regensburger Filiale: Aus einer maroden Schuhfabrik machte er eine Marke.
Heinrich Staudinger in der Regensburger Filiale: Aus einer maroden Schuhfabrik machte er eine Marke. Foto: Grosser

Regensburg.In der Regensburger Wahlenstraße ließen sich im Mittelalter die reichen Patrizierfamilien nieder. Als Händler für kostbare Waren häuften sie großen Reichtum an, bestimmten als Räte lange die Geschicke der Stadt. Um nach außen ihren Erfolg und ihre Macht zu demonstrieren, bauten sie immer größere Türme, von denen heute fast nichts mehr zu sehen ist. Ausgerechnet hier hat Heini Staudinger im Juli eine Niederlassung eröffnet. Dabei verfolgt der Schuhfabrikant aus dem Waldviertel eine Unternehmensphilosophie, in der Rendite und Status keine Rolle spielen.

Heinrich Staudinger in der Regensburger Filiale: Aus einer maroden Schuhfabrik machte er eine Marke.
Heinrich Staudinger in der Regensburger Filiale: Aus einer maroden Schuhfabrik machte er eine Marke. Foto: Grosser

Vor fast 25 Jahren wurde Staudinger Teilhaber einer Schuhfabrik in Schrems, kurz darauf ihr Mehrheitseigentümer. Innerhalb von wenigen Jahren machte der 62-jährige Österreicher aus der maroden Firma ein solides Unternehmen. Heute beschäftigt die Firma GEA, benannt nach der griechischen Göttin der Erde, um die 300 Mitarbeiter, macht einen jährlichen Umsatz von etwa 30 Millionen Euro und hat 46 Geschäfte in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Die Waldviertler-Schuhe sind eine Marke.

Nach außen verkörpert Heini Staudinger nicht das klassische Bild eines erfolgreichen Unternehmers: Er trägt weder Anzug noch teure Accessoires. Zum Gespräch erscheint er in einer dunkelbraunen Cordhose und einer roten Jacke, darunter eine schwarze Fleece-Weste und ein beiges Hemd, das schon bessere Tage gesehen hat. Seine grau melierten, lockigen Haare hängen kreuz und quer, das Gesicht ziert ein Drei-Tage-Bart. Auf der Straße würde ihn niemand für einen Firmenchef halten. Und genau so will Staudinger auch gesehen werden: Als ein normaler Mensch. Vor allem aber anders als die Norm der Unternehmer.

Unabhängigkeit von Banken

Staudinger geht gerne neue Wege und scheut dabei keinen Konflikt. So begann er aus Trotz gegenüber den Banken, die ihm auf das Warenlager der Firma keinen Kredit mehr geben wollten, sich Geld nur noch von Freunden und Verwandten zu leihen. Erst waren es nur 50 000 Euro, später mehrere Millionen. Staudinger gründete den GEA-Sparverein und versprach den Geldgebern, ihnen die gleichen Zinsen wie den Banken zu zahlen. Der Erfolg der Methode rief 2012 die österreichische Finanzmarktaufsicht auf den Plan, die ihm das private Finanzierungskonzept verbieten wollte. Staudinger blieb stur. Und bekam Recht: Seit September gilt in Österreich ein entsprechendes Finanzierungsgesetz.

„Von Banken unabhängig zu sein, heißt schuldenfrei werden“, erläutert Staudinger seine Strategie. Für ihn selbst bedeutet es, seinen ganzen persönlichen Besitz in die Firma zu stecken. Und noch vielmehr: Der Unternehmer bezieht weder ein festes Gehalt noch sonstige Annehmlichkeiten eines Firmenchefs. Er wohnt in der Fabrik, isst täglich in der firmeneigenen Gaststätte und reist zu Terminen meist mit Freunden oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. 20 Euro in der Woche reichten ihm fürs Leben, sagt Staudinger, und zückt aus seiner Jackentasche eine durchsichtige Plastiktüte mit Münzen und Scheinen. Seinen Geldbeutel beschreibt er mit typischem Wiener Schmäh. „Zeitgemäß, aber vor allem transparent.“

Handeln für das Gemeinwohl

Die Idee der Gewinnmaximierung stößt Staudinger ab. Er zählt zu den Vertretern der Gemeinwohlökonomie: Der Erfolg der Firma misst sich an dem Wohl der Mitarbeiter und dem Nutzen für die Gesellschaft. Das zeigt sich in Details: Jeden Mitarbeiter in der Regensburger GEA-Filiale grüßt der Chef mit „Servas“ und besteht auf das Du. Außerdem könnten alle Angestellten der GEA-Schuhwerkstatt auf dem Firmengelände wohnen. Und beim Verdienst gilt das Prinzip, dass der Bestverdiener nicht mehr verdient als das Doppelte des Schlechtbezahltesten.

Aber Staudinger interessiert sich auch für das große Ganze: Um das Aussterben des Firmenstandorts Schrems zu verhindern, kauft Staudinger vermehrt Häuser auf. Er will wieder Leben in den Ort bringen. „Es ist besser für den Ort, wenn man hinter dem Schaufenster nicht den Tod sieht, sondern Menschen beim Matratzenmachen.“ Das einst leerstehende Hotel am Hauptplatz beherbergt nun die GEA-Akademie, die Seminare von Wirtschaft bis Esoterik anbietet. Die neueste Aktion: Für jede 70 Euro-Spende gehen ein Paar Waldviertler-Schuhe im Wert von 140 Euro an die Flüchtlingshilfe – zusätzlich zu den bereits 2600 gespendeten Schuhen.

Staudinger unter seinen Mitarbeitern in der Regensburger GEA-Filiale.
Staudinger unter seinen Mitarbeitern in der Regensburger GEA-Filiale. Foto: Grosser

„Nie ist zu wenig, was genügt“, lautet Staudingers Lieblingszitat von Seneca. Der Unternehmer verweist gerne auf große Philosophen. Seit kurzem meditiert er auch, obwohl er manches nicht versteht und Stille nicht seine Stärke ist. Es deswegen nicht zu probieren, sei keine Lösung. „Vieles in der Gesellschaft läuft falsch, weil wir die Hosen voll haben“, sagt der Kramersohn aus katholischem Elternhaus. Staudingers Firmengrundsatz ist daher einfach: „Scheiß di ned a.“

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